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Zum Synodalen Weg der Bistümer in Deutschland

Der Vorrang der Evangelisierung

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Regensburg, 6. September 2022           

In seinen Jugendjahren hat Wolfgang Ipolt, der Bischof von Görlitz, gelernt, den eigenen Glauben als einen kostbaren Schatz anzusehen (vgl. Mt 13,44). Bischof Ipolt ist in der früheren DDR aufgewachsen und war während seiner Schulzeit als Katholik „meist allein oder höchstens zu zweit“ in der Klasse: „Ich bin von zu Hause aus so erzogen worden, immer ehrlich zur eigenen Überzeugung zu stehen und sie nicht zu verstecken“ (zitiert nach: Chr. Binninger u. a. [Hg.], „Was ER euch sagt, das tut!“ Kritische Beleuchtung des Synodalen Weges, Regensburg 2021, 150). „So wurde ich bereits früh herausgefordert, über meinen Glauben zu sprechen, über die Begründungen für meine Entscheidungen, selbst wenn sie mir Nachteile und gewisse Schwierigkeiten einbrachten“ (ebd.).

 

Das Evangelium mit neuer Leidenschaft verkünden

Papst Johannes Paul II. hat – so erinnert sich Bischof Ipolt – bereits 1979 bei seiner ersten Reise in seine polnische Heimat von „Neuevangelisierung“ gesprochen. Der Papst wollte, dass das Evangelium für heute mit „neuen Methoden, neuem Ausdruck und neuer Leidenschaft“ verkündet werde. Nach der Wende in Osteuropa stellte sich die Frage, ob die Christen jetzt in größerer Freiheit und mit größerer Gottesliebe ihren Glauben bezeugen. Würden sie Menschen für Christus gewinnen und zu einem neuen Frühling des kirchlichen Lebens beitragen? Neue Evangelisierung will Menschen einladen, das Leben nach dem Vorbild Christi zu gestalten. Dies bedarf eines langen Atems.
 

Den Glauben nicht verstecken

Wolfgang Ipolt ist Bischof in einer Umgebung, in der Christen eine kleine Minderheit darstellen. „Allein dadurch habe ich wie selbstverständlich fast täglich Kontakt mit Nichtchristen … Mir begegnet immer großes Wohlwollen und eine grundsätzliche Offenheit. Unsere innerkirchlichen Probleme und Auseinandersetzungen spielen in Gesprächen mit Menschen, die nicht zu unserer Kirche gehören, kaum eine Rolle. Dagegen kommen häufig unvermittelt zentrale Fragen des Glaubens ins Spiel. Ich persönlich möchte keine Chance verpassen, dem anderen etwas von der Hoffnung mitzuteilen, aus der ich lebe – durch meine Haltung, meine Hilfsbereitschaft und auch mit Worten“ (ebd., 151). Und Bischof Ipolt fährt fort: „Mir scheint, dass hier eines der Hindernisse für die neue Evangelisierung insbesondere in unserem Land liegt. Viele Christen verstecken ihren Glauben. Es fehlt ihnen oft auch die Sprache, darüber zu reden“ (ebd.).


Mit dem Evangelium ernst machen

Bischof Ipolt verweist in diesem Zusammenhang auf den Brief, den Papst Franziskus – im Hinblick auf den Synodalen Weg – 2019 an das pilgernde Gottesvolk in Deutschland geschrieben hat. Darin beklagt der Papst eine „zunehmende Erosion des Glaubens“. Den „Primat der neuen Evangelisierung“ (Papst Franziskus) für unser Land zurückzugewinnen heißt zunächst, bei uns selbst zu beginnen und neu mit der Botschaft des Evangeliums ernst zu machen. Wir wissen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche heute aus verschiedenen Gründen schwer beschädigt ist. Deshalb geht es „um eine Selbstevangelisierung, d. h. um wirkliche Bekehrung jedes Einzelnen zum Herrn. Das Sakrament der Umkehr – die Beichte – sollte dabei wieder eine zentrale Rolle spielen“ (ebd., 152). Was Selbstevangelisierung und Erneuerung des Glaubens bedeuten, hat Walter Kardinal Kasper in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zum Ausdruck gebracht: Kasper warnt vor einem „Scheinaktualismus“. Wer vom Evangelium auch nur wenig verstanden hat, „wird wissen, dass es immer ein Stachel im Fleisch sein wird und sein muss.“ Dieser Stachel des Evangeliums ist die „Triebkraft der neuen Evangelisierung. Er lässt unser Herz brennen für eine Vertiefung des eigenen Glaubens, die nie aufhören darf, und macht uns Mut, anderen unseren Glauben vorzuschlagen“ (ebd., 152). Der Synodale Weg der Kirche in Deutschland kann nur gelingen, wenn dabei der Stachel des Evangeliums und seine Fremdheit stärker zum Leuchten gebracht werden.
 

Nachfolge Christi

Die Kirche in Deutschland muss entschieden umdenken. Das Gewinnen neuer Christen hat „prinzipiell Vorrang vor der `Bestandswahrung´. Aus der verbreiteten Unkenntnis dessen, was die Mitte der Nachfolge Christi als Lebensvollzug ausmacht, muss ein intellektuelles und existentielles Entdecken werden, das zu einer `Lebenswende´ Mut macht“. Wie können wir die Herzen der Menschen für das Evangelium wieder gewinnen? Wo finden sich heute Aufbrüche, die die Frohe Botschaft in vielleicht überraschender Weise zu verwirklichen suchen? Paulus mahnt im Römerbrief: „Wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,2). Deshalb muss es das Hauptanliegen jeder wahren Erneuerung sein, die Anwesenheit Gottes in der Kirche mit neuer Glaubensfreude zu entdecken.

 

Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml
(Ansprechpartner für den Synodalen Weg im Bistum Regensburg)

Titelbild: © Erikona / istock.com

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