Gewaltopfer in Nigeria

Vertriebene Christen in Nigeria fordern Rückkehrrecht

Millionen sind auf der Flucht


München / Regensburg, 11. August 2026

Millionen Christen im sogenannten „Middle Belt“ (Mittlerer Gürtel) Nigerias sind durch anhaltende Gewalt und Terror aus ihren Heimatorten vertrieben worden. Viele von ihnen leben seit Jahren in Flüchtlingslagern. Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) unterstützt die Forderung nigerianischer Kirchenvertreter, diesen Menschen die Rückkehr in ihre angestammten Heimatgebiete zu ermöglichen.

Als mögliches Vorbild gilt der Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene im Irak, den „Kirche in Not“ nach der Vertreibung durch den „Islamischen Staat“ (IS) maßgeblich unterstützt hat. Am 6. August 2014 hatte der IS die Ninive-Ebene im Nordirak, die angestammte Heimat vieler irakischer Christen, erobert. Hunderttausende Menschen mussten über Nacht nach Erbil und in andere Teile der Autonomen Region Kurdistan fliehen.

In den folgenden drei Jahren lebten Tausende Familien in Wohncontainern, Vertriebenenlagern, Mietwohnungen oder bei Gastfamilien. Nach der Befreiung von Mossul, Karakosch und den übrigen Orten der Ninive-Ebene initiierte und unterstützte „Kirche in Not“ den Plan „Zurück zu den Wurzeln“. Häuser, Kirchen und Schulen in den zerstörten Ortschaften wurden wiederaufgebaut.

Millionen Christen betroffen

Tausende Kilometer entfernt befinden sich heute Millionen Christen im nigerianischen „Middle Belt“ in einem Kreislauf aus Gewalt und Vertreibung. „Middle Belt“ ist die inoffizielle Bezeichnung für einen Streifen mehrerer Bundesstaaten in Mittelnigeria. Die Massenvertreibung geht unter anderem auf gewaltsame Angriffe radikalisierter Fulani-Nomaden zurück, die das fruchtbare Land als Weidegebiet nutzen wollen. Die meisten Fulani sind Muslime. Beobachter stellen seit Jahren fest, dass die Übergriffe gegen christliche Bauern teilweise mit besonderer Härte geführt werden. Damit kommt zu den ethnischen und sozialen Spannungen auch eine religiöse Dimension hinzu. Auch kriminelle Banden und islamistische Gruppen sind für zahlreiche Entführungen, Überfälle und weitere Gewalttaten verantwortlich.

Besonders dramatisch ist die Situation im südostnigerianischen Bundesstaat Benue, der zum „Middle Belt“ gezählt wird. Dort leben mehr als zwei Millionen Binnenvertriebene, 98 Prozent von ihnen sind Christen. Während die nigerianische Regierung auf Umsiedlungsprogramme setzt, plädiert die katholische Kirche vor Ort dafür, den Vertriebenen die Rückkehr in ihre angestammte Heimat zu ermöglichen.

Schwerwiegende soziale Folgen

Remigius Ihyula, Leiter der Kommission für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden in der Diözese Makurdi im Bundesstaat Benue, berichtete im Gespräch mit „Kirche in Not“ über schwerwiegende soziale Folgen der jahrelangen Unterbringung in Flüchtlingslagern: Kinderarbeit, Prostitution und Kinderehen nähmen zu. „Wir beobachten zudem einen Anstieg des Drogenkonsums und des Drogenhandels“, sagte der Priester.

Dass eine Rückkehr auch nach jahrelanger Vertreibung und massiver Zerstörung möglich ist, zeigt nach Einschätzung von „Kirche in Not“ das Beispiel Irak. „Im Irak schrieben ,Kirche in Not' und seine kirchlichen Partner Geschichte, als zwischen 2017 und 2019 mehr als die Hälfte der Binnenvertriebenen in neun vom IS zerstörte Dörfer der Ninive-Ebene zurückkehrten“, erklärt Mark von Riedemann, Direktor für Öffentlichkeitsarbeit und Religionsfreiheit bei „Kirche in Not“.

Regierung müsste kooperieren

Von Riedemann ist überzeugt, dass ein ähnlicher Erfolg auch in Nigeria möglich wäre. Voraussetzung sei, dass die nigerianische Regierung – wie im Irak – eng mit den kirchlichen Strukturen in den betroffenen Regionen zusammenarbeite und zugleich internationale Unterstützung erhalte. Ein erfolgreiches Rückkehrprojekt im Bundesstaat Benue könnte nach Einschätzung von „Kirche in Not“ zudem als Modell für andere Regionen Nigerias dienen, die ebenfalls von Massenvertreibungen betroffen sind, etwa für den Bundesstaat Borno im Nordosten des Landes.

Für Remigius Ihyula geht es bei der Rückkehr um weit mehr als die Frage, wo die Vertriebenen künftig leben sollen: „Wir müssen die ‚Lagerkultur‘ überwinden und den Menschen in Benue ihre Würde zurückgeben, um das soziale und wirtschaftliche Gefüge wiederherzustellen. Wir wollen den Menschen helfen, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren, wo ihre Wurzeln liegen und das sie seit Jahrhunderten bewirtschaften.“

Text: CNA Deutsch

(sig)



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