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Verleger Fritz Pustet im Interview

„Ich bin positiv gestimmt, was die Zukunft des Buches anbelangt“

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Dr. Stefan Groß: Herr Pustet, Sie blicken auf eine 200-jährige Verlagsgeschichte zurück. Bereits in der 6. Generation lebt der Verlag. Vor zwei Jahren erhielten Sie den deutschen Buchpreis. Dennoch wird sich da etwas ändern. Denn bislang hießen alle Friedrich.

Fritz Pustet: Ich habe drei Kinder. Zwei Söhne steigen in den nächsten Jahren ins Unternehmen ein. Der eine heißt Georg und hat den Zweitnamen Friedrich – hier ist also ein bisschen Tradition gewahrt. Der jüngere ist ein Jakob, der trägt nicht mehr den Zweitnamen Friedrich. Natürlich ändert sich etwas, aber die Tradition setzen wir damit in die 7. Generation fort. Und das freut uns, weil es nicht mehr viele Verlage gibt, die so lange existieren.

Dr. Stefan Groß: Was ist denn das Erfolgsrezept, wenn man so lange – seit 200 Jahren – als Verlag existiert?

Es gab immer wieder Höhen und Tiefen, auch mehrere Brüche und neue Anfänge. Da gab es Glück und vielleicht auch Gottes Beistand. Manchmal war es haarscharf, dass man durchgekommen ist.

Nach der Katastrophe des 3. Reiches, eine Zeit, in der es der Firma wirklich schlecht ging, ist sie von meinem Großvater wieder aufgebaut worden. Er ist früh verstorben, 1962. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Als es wieder bergauf ging, kam 1963 die Liturgiereform. Für uns ein bisschen überraschend! Man hat nicht geglaubt, dass es so kommen würde. Aber die Liturgie war Pustets Rückgrat zum damaligen Zeitpunkt und so musste die Firma quasi wieder bei Null anfangen, nachdem der Markt lateinischsprachiger liturgischer Bücher, die weltweit vertrieben wurden, ab diesem Zeitpunkt nicht mehr existierte. Zum Beispiel musste sich die Druckerei, die früher ausschließlich für den Verlag produziert hat, zum ersten Mal nach anderen Kunden umschauen.

Julia Wächter: Pustet ist breit aufgestellt und dennoch auf Theologie und Geschichte spezialisiert. Bei all den Höhen und Tiefen, die Sie erwähnen: Ist eine solche Spezialisierung auch ein Risiko?

Es ist gut, dass wir auf zwei Standbeinen stehen: Theologie und Geschichte. Letztere hat mein Vater vor rund 55 Jahren entwickelt. Das theologische, religiöse und liturgische Buchprogramm wurde damit ergänzt durch geschichtliche Publikationen. Diesen Programmbereich hat er aus persönlichem Interesse heraus aufgebaut. Damals eng fokussiert auf Publikationen zur Oberpfalz. Das habe ich dann später mit meinen Mitarbeitern weiterentwickelt. Mittlerweile sind wir sehr stark auf Bayern spezialisiert.

In einem größeren Kontext betrachtet kann man auch sagen, dass wir auf drei Standbeinen stehen. Der Verlag als das kleinste von drei Standbeinen. Größer ist der Buchhandlungsbereich mit 11 Buchhandlungen in Bayern und die Druckerei, die für 70 Buchverlage arbeitet.

Fritz Pustet

Julia Wächter: Oberpfalz und Bayern haben Sie erwähnt. Der regionale Bezug ist Ihnen also sehr wichtig?

Der ist schon sehr wichtig. Die Bayerische Geschichte, die sehr lange zurückreicht, ist etwas Eigenes. Da gibt es viel Stoff, den man verlegen kann.

Auch sind wir programmmäßig in den letzten Jahren wieder mehr nach Bayern zurückgekehrt, weil Bayern eine wohlhabende Region ist, in der es noch viel inhabergeführten Buchhandel gibt; der ist in Bayern vielgestaltiger und vitaler als in anderen Regionen Deutschlands.

Dr. Stefan Groß: War Corona ein Thema?

Für den Buchhandel war Corona ein Einbruch. Also in der Zeit, als die Läden dichtmachen mussten, da hatte man nur mehr 30 bis 35 Prozent Umsatz. Es gab telefonische Bestellungen, Fahrradkuriere, man konnte Bücher per Post versenden, aber man durfte eben die Ladentür nicht aufsperren. Das war schon schwierig. Da kann man auch nicht sagen, dass sich Kosten und Erlöse die Waage gehalten hätten.

Gott sei Dank aber wurde in der Corona-Zeit viel gelesen. Die Profiteure waren leider die großen Onlinehändler, aber als Druckerei hat uns das auf der anderen Seite gute Aufträge beschert. Man konnte ablesen, die Leute lesen viel. Und sie werden hoffentlich auch in Zukunft lesen.

Julia Wächter: Lange war man überzeugt, dass das eBook das gedruckte Buch verdrängen wird. Dem ist nicht so?

Seit 10 Jahren bringen wir fast alle Bücher parallel als eBook. Das ist ein Zusatzservice, eine Abrundung. Aber die Menschen schätzen immer noch das gedruckte Buch.

Julia Wächter: Wie erklären Sie sich das?

Wenn Sie längere Texte haben, dann macht es keinen Spaß, am Bildschirm zu scrollen. Man weiß das von der Lese- und Gehirnforschung. Sie können sich auch besser sammeln und konzentrieren, wenn sie etwa Gedrucktes lesen. Es ist ganz klar: Nachschlagewerke oder kurze Informationen, die schnell abrufbar oder topaktuell sein müssen, da kommt das Buch nicht mit. Es hat seinen Grund, warum Lexika ausgestorben sind. Aber Literatur, die über viele Seiten Konzentration erfordert oder die einen durchs Studium begleitet, zum Beispiel Lehrbücher, da fahren Sie mit dem gedruckten Buch viel besser. eBooks sind ideal für Vielleser, für „Krimifresser“, die in der Woche zwei oder drei Krimis konsumieren. Auch für leichte Belletristik gibt es viele Leser, die keinen Platz für all die Bücher daheim haben. Für sie ist das eBook ein Vorteil.

Dr. Stefan Groß: Immer mehr Bücher zum Thema Spiritualität drängen auf den Markt. Sinnratgeber haben Konjunktur. Sind das ernsthafte Konkurrenten?

Wir haben das Programm über die letzten Jahre sehr profiliert. Bücher im Übergangsbereich zur Esoterik und Ratgeberliteratur im religiösen Bereich verlegen wir nicht mehr. Einen großen Stellenwert in unserem religiösen und theologischen Programm nimmt der Bereich der Liturgie ein: Lektionare für den Altargebrauch, Stundenbücher, amtliche Ausgaben der Katholischen Kirche. Daneben haben wir ein breites Programm zur pastoralen Praxis, beispielsweise zu Seniorengottesdiensten, Kindergottesdiensten, zu Flurprozessionen, kurz: zum gesamten Kirchenjahr. Was bei uns ebenfalls ganz stark ist, ist der theologisch-wissenschaftliche Bereich, Bücher zu Themen, die Fachleute verstehen. Da sind wir einer der größeren theologischen Wissenschaftsverlage.

Dr. Stefan Groß: Siegfried Unseld, der den Suhrkamp Verlag lange leitete, hat ja mal gesagt: „Der Verleger will mit seinen Büchern nicht so sehr Bedürfnisse befriedigen, er will vielmehr für seine Bücher neue Bedürfnisse schaffen.“

Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die Leute schon gerne lesen, aber die Zahl der Leser, die eine 400-Seiten-Biografie über den Mittelalterkaiser Heinrich II. durchlesen, wird weniger. Schon vor 10 Jahren haben wir deshalb die Reihe der „kleinen bayerischen biografien“ installiert. Da sind natürlich die gekrönten bayerischen Häupter dabei, aber auch Künstler wie Tilman Riemenschneider oder Veit Stoß, Maler, Literaten wie Ludwig Thoma. Das sind 140-seitige Bändchen, schön bebildert, schön gestaltet, schönes Papier, wertig – aber preiswert. Das unterstreicht das heutige Leseverhalten. Die Leute wollen viel lesen. Aber sie wollen auch ans Ende kommen. Bücher sind kompakter geworden.

Es gibt natürlich bei uns auch dicke Schwarten. Kürzlich haben wir die Geschichte des modernen Bayern verlegt mit 700 Seiten, der Anhang voller Dokumente, hochinteressant. Das ist im Übrigen auch ein „modernes“ Buch, denn man kann sich über Links im Internet weitere Dokumente herunterladen.

Dr. Stefan Groß: Hermann Hesse hat mal gesagt, der Verleger muss mit der Zeit gehen. Er muss aber nicht alle Moden der Zeit übernehmen, sondern kann auch, wo sie unwürdig sind, ihnen Widerstand leisten.

Bücher sind eine gewisse Bremse wider den Zeitgeist. Das Buch ist irgendwo altmodisch. Das Medium kann man auch nicht groß verbessern. Buch ist Buch. Es hat vor 200 Jahren schon gleiche Eigenschaften aufgewiesen. Und ich glaube auch, es wird in 100 Jahren nicht viel anders ausschauen. Da gibt es vielleicht neue Umschlaggrafiken, vielleicht ein anderes Layout.

In jedem Fall glaube ich, es hat Bestand. Wir sehen es auch jetzt – und da ist unsere Druckerei ein guter Wasserstandsmesser – wir sind sehr gut ausgelastet. Dafür sind wir dankbar. Daran kann man ablesen, es wird gern gelesen, die Verlage sind kreativ, es gibt interessante Titel mit schöner Typographie und Haptik.

Es werden vielleicht in Zukunft weniger Leser. Das ist demographisch bedingt und hängt auch davon ab, ob die Lesevermittlung über das Elternhaus, über Schulen funktioniert. Wenn es weiterhin Lesewettbewerbe, Lesestiftungen, Lesungen im Buchhandel oder Buchpräsentation gibt und wenn auch in der Schule das Buch präsent bleibt, dann könnte es auch in den nächsten Generationen klappen. Ich bin positiv gestimmt, was die Zukunft des Buches anbelangt.

Julia Wächter: Das Buch ist quasi Ihr ständiger Begleiter. Finden Sie hin und wieder auch privat für das Lesen Zeit?

Kürzlich ist bei uns das Buch „Die Bayerischen Alpen“ erschienen. Das habe ich zurzeit am Nachtkastl, das ist sehr interessant. Ich lese gerne Sachbücher, historische Inhalte, auch Biografien. Im Urlaub darf es dann auch schon mal ein Krimi sein. Ich glaube, ich wage mich jetzt nach 10 Jahren mal wieder an einen ran.

 

Cover: Verlag Friedrich Pustet