Silhouette eines Manns im Rollstuhl, der von der Pflegerin geschoben wird

Toleranz und Lebensschutz: die Angst, abzuweichen

Normal ist es, anders zu sein


Bonn, 19. März 2026

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nicht toleriert wird, anders zu sein. Anders als die Norm. Beispielsweise unterschiedliche Lebensansichten, eine körperliche Beeinträchtigung oder eine andere politische Meinung als die Mehrheit der Bevölkerung zu haben, wird nicht begrüßt. Das waren nur drei Beispiele. Aber warum ist das so? Warum hat niemand den Mut, sich so zu verhalten, wie er wirklich ist? Warum passt sich jeder automatisch an?

Angst vor Schubladen-Denken

Vermutlich, weil es Angst auslöst, in eine Schublade gesteckt zu werden. Angst davor, nicht mehr einer Gruppe anzugehören und mit Vorurteilen bewertet zu werden. In diese Randgruppen werden oft die Menschen gestellt, die mit einer Beeinträchtigten leben. Sie werden nicht mehr als Individuen angesehen und bezeichnet, sondern sind nur noch die „Behinderten“. Viele Leute unterschätzen, wie wertvoll auch diese Menschen sind.

Bei den betroffenen Menschen löst es oft negative Gefühle aus, wenn sie nicht so angenommen werden, wie sie sind. Es sind die Blicke, die lästernden Gespräche, die unausgesprochene Ignoranz, die sie tief treffen. 

Eine besondere Begegnung

Vor zwei Jahren begegnete ich auf einer Fahrt zur Beerdigung von Papst Benedikt XVI. das erste Mal einem Kind mit Down-Syndrom. Es war bewundernswert, mit welcher Lebensfreude es uns begeistern und motivieren konnte. Dieses Erlebnis zeigte mir, wie erfüllend diese Momente mit eingeschränkten Menschen sein können.

Allerdings werden statistisch gesehen neun von zehn Kindern mit Down-Syndrom vor der Geburt abgetrieben, weil sie so unperfekt nicht erwünscht sind. Warum wollen Eltern ihr beeinträchtigtes Kind nicht behalten? Die meisten haben Angst davor, dass sie dem Kind nicht gerecht werden können. Dass sie den vielen Herausforderungen, die die Unterstützung der Kinder bis an ihr Lebensende mit sich bringt, nicht gewachsen sind, weil diese Kinder eben „anders“ sind. Die Eltern haben Angst, dass ihr eigenes Leben eingeschränkt wird und sie dadurch in den Randgruppen der Gesellschaft landen und als „komisch“ oder „nicht normal“ abgestempelt werden.

Was ist „normal“?

Aber was ist „normal“? In der Psychologie wird dies so definiert: ein erwünschtes, akzeptiertes, gesundes und förderungswürdiges Verhalten, das im Gegensatz zum unerwünschten, störenden Verhalten steht. Der Maßstab dazu wird in der Gesellschaft festgelegt. Man übernimmt die gängigen Meinungsbilder automatisch, um nicht aufzufallen und nicht ausgeschlossen zu werden.

Angst vor Ausgrenzung, Diskriminierung, Stigmatisierung

In meiner Schulklasse gab es drei Mädchen, die aus Syrien kamen und Muslimas waren. Sie wurden von der gesamten Klasse ausgelacht und verachtet. Sie wurden nicht mehr beim Namen genannt, sondern als die „Kopftücher“ bezeichnet. Keiner stellte sich vor die Klasse und setzte sich für die drei ein. Weil jeder Angst hatte, selbst das Gefühl der Ausgrenzung zu erleben, wenn man die Mädchen verteidigen würde.

Wie oft geht es uns selbst so, dass wir aus Furcht, stigmatisiert zu werden, unseren eigentlichen Standpunkt veruntreuen? Oder dass wir Personen, die ungewöhnlich aussehen, einen abschätzenden Seitenblick zuwerfen?

Wie möchten wir behandelt werden?

Vielleicht sollten wir uns öfter in die Position dieser Personen hineinversetzen und darüber nachdenken, wie wir von unseren Mitmenschen behandelt werden möchten. Mit diesen Worten möchte ich euch aufrufen, jeden so zu akzeptieren und anzunehmen, wie er ist. Weil jeder einzigartig geschaffen wurde und von Gott geliebt wird. Weil es normal ist, anders zu sein.

„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.” (Johannes,13:34-35)


Text: Lisa Frisch/f1rstlife

(kw)

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