Gebäude in China

Neuer Bischof von Datong in China

Einblicke in die Weltkirche


Regensburg, 09. September 2026 

Das Abkommen zwischen dem Vatikan und China zeigt immer wieder kleine Erfolge in Gestalt von Bischöfen, die die Zustimmung beider Seiten finden. In Datong gibt es nun einen neuen Bischof. Doch das Abkommen steht weiterhin in der Kritik.

In China ist der Priester Paul Liu Honggang am 31. August zum Bischof von Datong in der Provinz Shanxi geweiht worden. Bischofsernennungen und -weihen sind dort wegen der staatlichen Religionskontrolle immer auch ein Politikum. Papst Leo XIV. hatte Liu Honggang am 10. August zum Bischof ernannt und seine Kandidatur im Rahmen des Vorläufigen Abkommens zwischen dem Heiligen Stuhl, der zentralen Leitungsinstanz der katholischen Kirche, und der Volksrepublik China gebilligt.

Die Weihe zeigt, in welchem Spannungsfeld die katholische Kirche in China zwischen sakramentaler Ordnung, staatlicher Kontrolle und diplomatischer Vorsicht lebt. Datong liegt im Norden der Provinz Shanxi, einer alten Kohleregion unweit der Inneren Mongolei. Die Stadt ist für ihre buddhistischen Yungang-Grotten bekannt, hat aber auch eine katholische Geschichte. Eine katholische Präsenz ist seit dem späten 17. Jahrhundert belegt. 1922 entstand die Apostolische Präfektur Datongfu, eine Missionskirche unter Leitung eines vom Papst eingesetzten Präfekten. 1932 wurde sie zum Apostolischen Vikariat und 1946 zur Diözese Datong erhoben.

Bischofsweihe in der Kathedrale

Die Bischofsweihe fand in der Kathedrale vom Unbefleckten Herzen Mariä in Datong statt. Nach langer Vakanz hat die Diözese wieder einen Bischof. In der katholischen Kirche hat er die Aufgabe zu lehren, zu heiligen und zu leiten. In der Volksrepublik China steht er zugleich zwischen Rom und den Religionsbehörden Pekings.

Paul Liu Honggang wurde am 2. November 1970 im Dorf Wufuying nahe Taiyuan geboren, südlich von Datong in derselben Provinz Shanxi. Von 1988 bis 1992 studierte er am Priesterseminar von Fenyang, danach bis 1996 am Nationalen Priesterseminar in Peking, wo er einen theologischen Abschluss erwarb. Am 24. November 1996 wurde er zum Priester für die Diözese Datong geweiht. Seit März 2005 leitete er die Diözese als Diözesanadministrator.

Nun wird er Bischof jener Ortskirche, der er bereits als Priester mehr als drei Jahrzehnte angehört. Das Presseamt des Heiligen Stuhls teilte mit, Papst Leo XIV. habe Liu Honggang zum Bischof ernannt und seine Kandidatur im Rahmen des Vorläufigen Abkommens gebilligt. Diese Formulierung klingt nüchterner, als die Sache ist. In China maßt sich der Staat über die staatlich gelenkten kirchlichen Strukturen ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Bischöfe an. In diesem Fall hat der Papst den Kandidaten ernannt und damit als Bischof in die volle Gemeinschaft der Kirche aufgenommen.

Spannung zwischen Kirche und Patriotischer Vereinigung

Die Chinesische Katholisch-Patriotische Vereinigung ist Teil der staatlich zugelassenen Organisationsstruktur, über die katholisches Leben offiziell registriert und beaufsichtigt wird. Anerkannte Bischöfe bewegen sich in der Praxis innerhalb dieser Strukturen.

Das 2018 geschlossene Vorläufige Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und China betrifft die Ernennung von Bischöfen. Sein genauer Wortlaut ist bis heute nicht veröffentlicht. Der Vatikan betont, dass es sich um eine begrenzte Vereinbarung handelt, die nicht alle offenen Fragen zwischen Rom und Peking regelt. Sie soll insbesondere verhindern, dass Bischöfe ohne Zustimmung des Papstes geweiht werden und die Spaltung zwischen staatlich anerkannter und sogenannter Untergrundkirche weiter vertieft wird.

Das Abkommen wurde 2020 und 2022 verlängert. Im Oktober 2024 folgte eine weitere Verlängerung, diesmal für vier Jahre. Der Vatikan erklärte damals, beide Seiten hätten sich nach Beratungen und Bewertungen darauf verständigt. Die vatikanische Seite bleibe einem respektvollen und konstruktiven Dialog zum Wohl der katholischen Kirche in China und des chinesischen Volkes verpflichtet. Diese diplomatische Sprache überdeckt die Konflikte nicht.

Der Kern liegt in der Auffassung des Bischofsamtes. Für die katholische Kirche ist der Bischof nicht nur ein lokaler Funktionsträger. Er steht in der apostolischen Sukzession, also der nach katholischem Verständnis ununterbrochenen Nachfolge der Apostel, und gehört zum weltweiten Bischofskollegium in Gemeinschaft mit dem Papst. Für den chinesischen Staat ist Religion dagegen ein Bereich, der kontrolliert, registriert und in die politische Ordnung eingefügt werden soll. Aus kirchlicher Sicht geht es um die Freiheit von Sendung und Verkündigung.

Bischof unter Beobachtung

Die katholische Kirche in China lebt seit Jahrzehnten in dieser Spannung. Nach der kommunistischen Machtübernahme 1949 geriet sie unter schweren Druck. Ausländische Missionare wurden ausgewiesen, kirchliche Strukturen umgeformt, Geistliche und Gläubige verfolgt. Während der Kulturrevolution wurden Kirchen geschlossen, religiöses Leben massiv unterdrückt und kirchliche Praxis weitgehend in den Untergrund gedrängt.

Heute ist religiöses Leben möglich, allerdings unter engen staatlichen Vorgaben. Daraus entstand die Spannung zwischen der offiziell anerkannten Kirche und der Untergrundkirche, deren Priester, Bischöfe und Gläubige ihre Verbindung mit Rom außerhalb staatlich registrierter Strukturen bewahrten.

Eine Bischofsweihe zeigt deshalb auch, wie viel kirchliches Leben in China sichtbar sein darf. Seminare bilden Priester aus, Weihen finden statt und Diözesen erhalten Bischöfe in Gemeinschaft mit Rom. Zugleich bleibt die Frage, wie frei diese Kirche handeln kann. Im Weltverfolgungsindex 2026 der christlichen Hilfsorganisation Open Doors steht China auf Platz 17 und gehört damit zu den Staaten, in denen Christen einem sehr hohen Maß an Druck und Verfolgung ausgesetzt sind.

Eine kleine Gemeinschaft

Der neue Bischof leitet eine kleine katholische Gemeinschaft. Rund 10.000 Katholiken leben in der Diözese, betreut von 15 Priestern. Liu Honggang muss Priester begleiten, Berufungen fördern, Katechese stärken und Familien stützen. Zugleich muss er mit staatlichen Erwartungen umgehen. In China ist das kein Nebenaspekt. Offiziell anerkannte Geistliche und kirchliche Strukturen unterliegen staatlicher Registrierung und Kontrolle.

Gerade deshalb ist die Sprache der offiziellen Mitteilungen so knapp. Kein Pathos. Ernennung, Billigung, Abkommen und Weihe. Mehr nicht. Dahinter steht eine der schwierigsten Fragen der Kirche überhaupt. Wie kann sie in einem Staat leben, der religiöse Gemeinschaften eng kontrolliert und zugleich Millionen Gläubige hat, die ihren Glauben weitertragen wollen? Wie kann der Papst die Einheit mit den Bischöfen sichern, ohne die Gläubigen vor Ort zu gefährden? Wie kann ein Bischof Hirte sein, wenn seine Kirche zugleich sakramentale Gemeinschaft und staatlich beaufsichtigte Institution ist? Für Europäer ist das ein kaum nachvollziehbarer Balanceakt.

Abkommen in der Kritik

Auch wenn hier ein sichtbarer Erfolg steht, ist das Vatikan-China-Abkommen von 2018 nicht unumstritten. Kardinal Joseph Zen, emeritierter Bischof von Hongkong, gehört seit Jahren zu seinen schärfsten Kritikern. Er warnt, der Heilige Stuhl vertraue einem kommunistischen Staat, der Religionsfreiheit nicht als Recht der Kirche, sondern als staatlich zu regelnden Bereich verstehe. Besonders schmerzlich ist für ihn die Lage der sogenannten Untergrundkirche, jener Katholiken, Priester und Bischöfe, die über Jahrzehnte aus Treue zu Rom Verfolgung, Haft und Druck ertragen haben.

Zen sieht die Gefahr, dass diese Gläubigen zugunsten diplomatischer Verständigung preisgegeben werden. Schon vor und nach der Unterzeichnung sprach er von Verrat und warnte, Rom könne die Herde „den Wölfen“ ausliefern.

Ist das Abkommen also nur ein Scheinerfolg, wenn erneut ein Bischof die Zustimmung Roms und Pekings findet? Die Weihe von Paul Liu Honggang gibt darauf keine abschließende Antwort.

Rom kann darauf verweisen, dass ein weiterer Bischof in voller Gemeinschaft mit dem Papst eingesetzt wurde. Peking kann sich darauf berufen, dass die Weihe innerhalb der staatlich akzeptierten Ordnung stattgefunden hat. Paul Liu Honggang steht genau in dieser Spannung. Er ist Bischof einer Ortskirche, die alt genug ist, eine eigene Geschichte zu haben, und verletzlich genug, jede kirchliche Freiheit kostbar zu finden.

Seine Weihe ist ein Zeichen der Kontinuität, aber auch ein Testfall für das Abkommen zwischen Rom und Peking. Am Ende wird die entscheidende Frage sein, ob sich der neu geweihte Bischof im Konfliktfall für Christus oder für Xi Jinping entscheidet.

Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock



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