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Zur Neuigkeit
Kirchen aus unserem Bistum: St. Vitus in Burglengenfeld
Sakralraum als Abbild der Stadtgeschichte
Burglengenfeld / Regensburg, 21. Mai 2026
Manche Kirchen wirken, als seien sie aus einem Guss, als habe ein einziger Gedanke sie hervorgebracht, geordnet und vollendet. Andere wiederum gewinnen ihre Gestalt erst in der Zeit, wachsen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg, nehmen Brüche, Verluste, Überformungen und Wiederaufnahmen in sich auf und erscheinen gerade deshalb als geschichtlich gewachsene Räume. St. Vitus in Burglengenfeld gehört zu ihnen.
Die Kirche des heiligen Veit in Burglengenfeld trägt die Spuren der Zeitläufte in sich und wird zu einem Raum, in dem das Schicksal einer Stadt anschaulich wird, die aus der Spannung von Landschaft, Herrschaft, Markt und Frömmigkeit lebt. Was Burglengenfeld geprägt hat – Stiftung und Kriegsschaden, Marktprivileg und städtische Selbstbehauptung, Reformation und Rekatholisierung, barocke Erneuerung, historistische Eingriffe, Erweiterungen des 20. Jahrhunderts und lebendige Gemeinde – erscheint hier nicht als abgeschlossene Chronik, sondern als fortwirkende Geschichte, die Raum und Leben der Gemeinde bis in die Gegenwart prägt.

Burglengenfeld, in der Oberpfalz und im heutigen Landkreis Schwandorf gelegen, tritt 1123 als „Lengenfelt“ urkundlich hervor. Die Burg erscheint 1205 als „castrum Lengenvelt“ und gab der späteren Stadt ihren Namen. Als Burglengenfeld am 15. November 1542 durch die Pfalzgrafen Ottheinrich und Philipp das Stadtrecht erhielt, war damit mehr verbunden als eine rechtliche Aufwertung. Burg, Markt, Kirche und Landschaft bildeten fortan eine Ordnung, in der sich weltliche Macht, wirtschaftliches Leben, städtisches Selbstbewusstsein und religiöser Glaube gegenseitig durchdrangen. Auch heute noch ist St. Vitus die geistliche Mitte der Stadt.
Um das Jahr 1315 begann die Errichtung der heutigen Kirche. 1326 erscheint sie erstmals urkundlich als Benefizium St. Veit, also unter der älteren deutschen Namensform des heiligen Vitus. Ein Benefizium bezeichnet mehr als die bloße Existenz eines Kirchenbaus, denn es meinte Stiftung, Unterhalt, liturgische Dauer und jene mittelalterliche Ordnung, in der Gebet, Erinnerung und Hoffnung auf Heil ineinandergriffen. Schon im Ursprung verbanden sich hier Stein und Altar, Verpflichtung und Fürbitte, Stadt und Kirche.
Altar, Markt und beschädigte Mitte
Die Kirche St. Vitus war von Beginn an mit dem städtischen Leben verwoben. In der vormodernen Stadt waren Markt, Bürgerschaft, Herrschaft und Gottesdienst keine voneinander getrennten Bereiche, sondern Teile einer gemeinsamen Ordnung. Burglengenfeld lebte vom Handel ebenso wie vom Glockenschlag, von den Festtagen, Messen, Begräbnissen, Prozessionen und Fürbitten. Der Altar stand dem Markt daher nicht wie eine fremde Welt gegenüber, vielmehr gab er ihm Maß, Gedächtnis und geistliche Mitte.
Darum traf die Beschädigung der Kirche im Landshuter Erbfolgekrieg von 1504 mehr als Mauerwerk und Ausstattung. Getroffen war ein Ort, an dem sich die Stadt ihrer selbst vergewisserte. Als Pfalzgraf Friedrich den Bürgern 1512 erlaubte, zur Unterstützung des Gotteshauses St. Veit und des Marktes einen Jahrmarkt abzuhalten, wurde aus der Not eine städtische Einrichtung. Die Stadt half ihrer Kirche, indem sie Markt hielt, und der Markt trug das Gotteshaus. Im heutigen St.-Vitus-Jahrmarkt wirkt diese Verbindung bis in die Gegenwart nach.
Wenn der Stein bleibt und das Bekenntnis wechselt
In der Reformationszeit wurde St. Vitus zu einem jener oberpfälzischen Kirchenräume, in denen die Mauern blieben, während sich die geistliche Ordnung wandelte. 1542 führte Herzog Ottheinrich in Pfalz-Neuburg die evangelische Lehre ein, und St. Vitus wurde evangelische Pfarrkirche. Von 1547 bis 1552 war die Kirche vorübergehend wieder katholisch. Danach wurde sie erneut evangelisch genutzt. Erst unter Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg setzte die dauerhafte Rekatholisierung ein. 1614 wurde das katholische Bekenntnis in Pfalz-Neuburg wieder eingeführt und in St. Vitus selbst 1617 verbindlich wiederhergestellt.
Der Wechsel vom Katholizismus zum Protestantismus betraf nicht nur Verwaltung, Patronat oder kirchliche Zuständigkeit, er griff tiefer und veränderte die Art und Weise wie der Raum verstanden, genutzt und geistlich gelesen wurde. Im evangelischen Gottesdienst fokussierte sich auf Predigt, Schriftwort und Gemeindegesang. Die katholische Ordnung band den Raum dagegen enger an Eucharistie, Sakrament, Heiligenverehrung, Bilderwelt, liturgisches Jahr und priesterlichen Dienst. Was für die eine Seite vor allem ein Ort der Verkündigung war, blieb für die andere ein sakramental geprägter Raum, in dem Altar, Bild, Fest und Fürbitte zusammengehörten.
Wiederaufbau und barocke Rückgewinnung
Auch der Dreißigjährige Krieg hinterließ seine Spuren in St. Vitus. Pfarrkirche und Pfarrhof litten unter dieser Katastrophe, die für die Oberpfalz Truppendurchmärsche, Zerstörung und den Zusammenbruch vertrauter Ordnungen bedeutete. Zwischen 1661 und 1665 begann der Wiederaufbau. Nach einem Jahrhundert, das Verwüstung, konfessionelle Umbrüche und tiefe Verunsicherung gebracht hatte, war dies mehr als bauliche Instandsetzung. Die Gemeinde gab ihrem Gotteshaus wieder Halt, Gestalt und Sichtbarkeit.
Was zunächst Reparatur und Sicherung war, erhielt rund acht Jahrzehnte später seine künstlerische Vollendung. 1748 und 1749 entstanden der erhaltene Stuckaturschmuck und das teilweise original bewahrte Deckengemälde. Der Barock schmückte den Raum nicht nur aus, er gab ihm nach Krieg, Bekenntniswechsel und Verfall eine sichtbare Ordnung zurück. Deshalb ist seine Schönheit keine unberührte Pracht, sondern eine Schönheit nach großer Verwundung.
Historismus, Erweiterung und neue Raumordnung
1891 wurde unter Pfarrer Dengler das vorhandene Glockenhaus erhöht, zugleich erhielt das Portal seine neuromanische Gestalt. Diese Formensprache war nicht bloß ein Stilzitat, sondern Ausdruck eines Jahrhunderts, das in historischen Formen Herkunft, Dauer und kirchliche Kontinuität suchte. Der Eingang sollte älter wirken, als er tatsächlich war, und verwies gerade dadurch auf den langen Ursprung von St. Vitus zurück, der hinter jeder späteren Umgestaltung erkennbar bleibt.
Den tiefsten Eingriff in die Raumgestalt brachte das 20. Jahrhundert. Erweiterungspläne hatten bereits 1884 bestanden, doch erst 1937 und 1938 wurden sie verwirklicht. Der alte Chor wurde abgebrochen, der Chorbogen aber blieb erhalten und wurde zum Gelenk zwischen der überlieferten Kirche und einem quadratischen Neubau, der sich nach oben in eine Kuppel öffnet. Als diese Kuppel 1954 ausgemalt wurde, erhielt auch der neue Raum seine geistliche Bildordnung. Seither markiert der Chorbogen nicht nur eine bauliche Grenze, sondern eine Schwelle der Zeiten: Er bewahrt die ältere Kirche im Blick und führt zugleich in jene Erweiterung, mit der St. Vitus auf das Wachstum des 20. Jahrhunderts antwortete.
Orgel, Epitaph und lebendige Gemeinde
Mit der Erweiterung des 20. Jahrhunderts war St. Vitus nicht einfach größer geworden. Vielmehr erhielt der Kirchenraum eine neue Ordnung, in der Altes und Neues miteinander ins Gespräch treten mussten. Gerade deshalb gewinnen jene Stücke besonderes Gewicht, die aus früheren Jahrhunderten geblieben sind und im veränderten Kirchenraum weiterwirken. Zu den bedeutenden erhaltenen Zeugnissen der älteren Ausstattung gehört das 1541 geschaffene Epitaph für Bernhard von Hyrnhaim und Margaret von Watzmannsdorf, das von dem Eichstätter Bildhauer Loy Hering geschaffen wurde. Es bewahrt in der Kirche nicht nur Namen und Stand, sondern stellt Tod, Familie, soziale Erinnerung und Fürbitte in eine geistliche Ordnung.
Auch die Orgel gehört in diesen Zusammenhang von Raum, Erinnerung und Gegenwart. 1966 erhielt der Neubau eine Orgel der Firma Nenninger, da die frühere Orgel der Firma Siemann im Zuge einer Renovierung abgebaut worden war. Wie in allen Kirchen blieb auch in St. Vitus die Orgel keine technische Randnotiz, bedeutet sie doch lebendigen Atem und unsichtbare Architektur.
Doch St. Vitus erschöpft sich nicht in seiner historischen Substanz. Der kircheneigene Don-Bosco-Kindergarten und die Musikkapelle St. Vitus, ein regional bekanntes Ensemble aus dem Umfeld der Stadtpfarrgemeinde, zeigen, dass kirchliche Wirklichkeit über Liturgie und Kirchenraum hinaus in Erziehung, Musik, Jugendarbeit und öffentliches Leben hineinwirkt. Auch die Kreuzbergkirche, St. Sebastian in der Vorstadt und Pottenstetten gehören zu diesem größeren geistlichen Feld. Hinzu kommt der pastorale Zusammenhang der heutigen Stadtkirche Burglengenfeld mit St. Josef, Dietldorf und Pottenstetten.
So gewinnt die Kirche St. Vitus ihre Gestalt über die Zeiten hinweg aus Dauer, Verwundung und Wiederkehr, aus dem, was die Jahrhunderte beschädigt, erneuert, erweitert und dennoch zusammengehalten haben. Gerade deshalb wirkt dieser Raum heute wie ein lebendiger Spiegel der Geschichte, der Gläubige und Besucher tief in die vergangenen Zeiten hineinführt.
Text: Stefan Groß
(sig)





