Portraitbild Martin Priller.

Interview mit Domkapitular Martin Priller, Hauptabteilungsleiter Schule/Hochschule

Zwischen Bildungsauftrag und Glaubenszeugnis


Regensburg, den 27. März 2026 

Im Gespräch mit Stefan Groß spricht Domkapitular Martin Priller, Leiter der Hauptabteilung Schule/Hochschule, über Anspruch, Profil und Grenzen katholischer Bildungsarbeit in einer pluralen Gesellschaft. Es geht um Religionsunterricht, Lehrerbildung, Hochschulseelsorge und Schulpastoral – und um die Frage, wie kirchliche Präsenz an Schulen und Hochschulen heute glaubwürdig gestaltet werden kann.

Der katholische Religionsunterricht versteht sich heute ausdrücklich als schulisches Bildungsfach und nicht lediglich als Ort der Bekenntnisvermittlung. Welche inhaltlichen und pädagogischen Qualitätskriterien legen Sie an, um diesen Anspruch einzulösen – und auf welche Weise lässt sich die Qualität dieses Unterrichts im schulischen Alltag überhaupt nachvollziehbar und überprüfbar machen?

Die neuere Bildungsforschung, etwa bei Jürgen Baumert, unterscheidet verschiedene „Modi der Weltbegegnung“. Religiöse Bildung gehört genauso dazu wie etwa der mathematisch-naturwissenschaftliche Zugang oder die Erschließung der Welt mit den Mitteln der Sprache und Ästhetik oder das Verstehen der Zusammenhänge mit den Methoden von Soziologie, Geschichte, Wirtschaft und Recht. Es sind jeweils eigene Zugangsweisen, die nicht gegeneinander austauschbar sind, sondern sich wechselseitig ergänzen. Wenn man dieses Modell auf den schulischen Bildungsauftrag anwendet, wird deutlich, welche Stellung dem konfessionellen Religionsunterricht im Gefüge der übrigen Schulfächer zukommt. Er ist eben kein Orchideenfach, das man auch weglassen könnte, sondern leistet in Ergänzung zu den anderen Weisen des Weltzugangs einen eigenständigen Beitrag zur Wertebildung und Identitätsentwicklung junger Menschen in einer pluralen Gesellschaft. Das besondere Profil des Religionsunterrichts zeigt sich darin, existenzielle Fragen der Schüler, etwa nach Sinn, Gerechtigkeit, Schuld, Tod und Hoffnung, von der biblischen Überlieferung und der kirchlichen Tradition her zu bedenken. Im Unterschied zu Fächern wie etwa Ethik geht der katholische Religionsunterricht das nicht nur philosophisch-rational an, sondern bezieht den Glauben und religiöse Erfahrung als legitime Weisen der Deutung mit ein. Es geht also sehr wohl auch um das Bekenntnis und um das Kennenlernen seiner Inhalte, aber im Kontext des schulischen Bildungsauftrags insgesamt. Diese Eckpunkte würde ich auch als Kriterien für einen guten Religionsunterricht und für die Überprüfung seiner Qualität benennen.

In der Ausbildung von Religionslehrkräften treffen unterschiedliche Anforderungen aufeinander: theologische Fachlichkeit, didaktische Professionalität und die Fähigkeit, mit religiös und weltanschaulich pluralen Klassen verantwortungsvoll umzugehen. Wo sehen Sie hier die entscheidende Schwelle professioneller Kompetenz, und wie würden Sie diese drei Dimensionen im Gesamtprofil eines guten Religionslehrers gewichten?

Die genannten Punkte bauen aufeinander auf: Natürlich muss eine Lehrkraft sich gut auskennen in dem Fach, das sie unterrichtet. Aber der gescheiteste Kopf ist noch lange kein guter Lehrer, wenn er sein Wissen nicht schülergerecht vermitteln kann. Didaktik und Methodik zu beherrschen, bliebe ebenfalls wirkungslos, wenn man sie nur als Handwerkszeug betrachten und einsetzen würde, ohne auf die Schüler zu achten und sich mit ihnen auf ihre Entwicklungsprozesse und Lernfortschritte einzulassen. Wir hatten beim Tag der Religionslehrkräfte kürzlich Prof. Dr. Klaus Zierer zu Gast, eine prominente und viel beachtete Stimme im bildungspolitischen Diskurs unserer Tage, der in einem gemeinsam mit Professor Harald Lesch verfassten Buch eine „pädagogische Zeitenwende“ fordert („Gute Bildung sieht anders aus. Welche Schulen unsere Kinder jetzt brauchen“). Er betonte in seinem Vortrag, welch großes Gewicht die Lehrerpersönlichkeit für den Bildungserfolg hat: die Glaubwürdigkeit und Klarheit der Lehrperson, die nicht nur Wissen und Können vermittelt, sondern in einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung alle Bereiche der Persönlichkeit fördert, die Neugier der Schüler weckt, ihnen hilft, Zusammenhänge zu verstehen, und eine Lust am Lernen entstehen lässt, die über die Schulzeit hinausreicht. Die Lehrerausbildung bei uns im Religionspädagogischen Seminar setzt in den Seminarveranstaltungen immer wieder einen Akzent auf den Aspekt der Haltung, denn zu den Anforderungen an die Lehrerpersönlichkeit kommen beim Religionsunterricht noch das eigene Glauben und Handeln und die eigene Beziehung zur Kirche hinzu sowie die Bereitschaft, „ein Zeugnis christlichen Lebens in Schule und Unterricht zu geben“, wie es in der Missio-Ordnung heißt.

Studenten der Theologie sollen einerseits wissenschaftlich frei arbeiten und ihre eigenen Fragen entwickeln können, andererseits werden sie häufig auf konkrete kirchliche Berufsfelder vorbereitet. Welche Formen der Begleitung und Orientierung halten Sie für angemessen, um diese Spannung zwischen intellektueller Freiheit und beruflicher Verantwortung konstruktiv zu gestalten?

Lehramtsstudiengänge sind aufgrund der staatlichen und staatskirchenrechtlichen Vorgaben tatsächlich stärker auf den Beruf, also das Lehramt an bestimmten Schularten, ausgerichtet als ein rein akademisches Studium. Aber davon abgesehen legt das Studium der jeweiligen Fächer an den Universitäten den Schwerpunkt schon auf den fachwissenschaftlichen Bereich. Viele Lehramtsstudiengänge sind so angelegt, dass man auf ihnen aufbauend im jeweiligen Fach auch einen Abschluss als Master oder Magister erwerben könnte. Insofern ist die intellektuelle Freiheit meines Erachtens nicht eingeschränkt. Eher ist es schwierig, während der Studienjahre einen realistischen Blick auf die berufliche Praxis und angemessene Praxiserfahrungen zu ermöglichen beziehungsweise den Erwerb praktischer didaktischer Fähigkeiten zu vermitteln. An den Fakultäten bemüht man sich sehr darum. Aber der staatlich vorgegebene Rahmen eines Lehramtsstudiums sieht eine stärkere Verschränkung zwischen dem fachwissenschaftlichen Studium und dem Erwerb beruflicher Qualifikationen, wie wir sie beispielsweise von dualen Studiengängen kennen, derzeit nicht vor.

Hochschulpastoral bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Offenheit und Profil. Wie kann sie einerseits niedrigschwellig und dialogbereit bleiben, andererseits aber ein klar erkennbares geistliches Profil bewahren – ohne sich dabei in eine bloße Veranstaltungslogik oder in die Bildung enger Milieus zu verlieren?

Wie jede Pastoral weiß sich auch die Seelsorge an Hochschulen den Menschen verpflichtet. Sie stellt ein Angebot dar, die Lebenswelt Hochschule als Studierende, Lehrende und Mitarbeiter gemeinsam aus dem Glauben heraus zu gestalten, den Glauben miteinander zu teilen und zu feiern, Gemeinschaft zu erfahren, Unterstützung und Lebenshilfe zu bieten sowie Fragen des Lebens und des Glaubens in einer dem akademischen Umfeld angemessenen Weise zu reflektieren. Kurz: Es geht um Kirche-Sein in der ganzen Weite und Vielfalt, die Kirche ausmacht. Hochschulseelsorge schafft Räume, damit das gelingen kann. Es geht nicht um eine Dienstleistung hauptamtlicher Seelsorger für eine bestimmte „Zielgruppe“, womöglich mit der Schlagseite eigener individueller Vorlieben, sondern um die Ermöglichung gemeinsamen Christseins.

Schulpastoral umfasst sehr unterschiedliche Aufgaben – von Krisenbegleitung über Wertebildung bis hin zu liturgischen Angeboten und Gemeinschaftsprojekten. Was würden Sie als den eigentlichen Kernauftrag der Schulpastoral beschreiben, und nach welchen Kriterien lässt sich entscheiden, welche Formen pastoraler Präsenz in einer konkreten Situation Priorität haben sollten?

Schule ist über einen langen Zeitraum hinweg ein für Kinder und Jugendliche sehr prägender Lebensort. Und ich sage bewusst „Lebensort“, denn an den Schulen wird nicht nur gelernt und Wissen vermittelt. Die Schüler bringen ihr ganzes Leben mit in die Schule, ihre Begeisterungsfähigkeit, aber auch ihre inneren Kämpfe, Freundschaften und Konflikte, Freud und Leid. Selbstverständlich muss es uns als Kirche ein Anliegen sein, den Schülern in dieser jugendlichen Lebensphase, die für die Entfaltung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit so entscheidend ist, aus christlicher Nächstenliebe nah zu sein, Begleitung anzubieten, geistliche Anregungen zu geben, die Botschaft des Evangeliums sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Für nicht wenige der jungen Leute ist die Schule der nahezu einzige Ort, an dem sie im Religionsunterricht oder über Angebote der Schulpastoral mit Kirche und mit der christlichen Botschaft in Berührung kommen.

Fortbildungen für Religionslehrkräfte und in der Schulpastoral sollen nicht nur Anregungen geben, sondern langfristig die Praxis verändern. Welche Wege sehen Sie, um sicherzustellen, dass solche Fortbildungen tatsächlich nachhaltige Wirkung entfalten – also Transfer, Professionalisierung und Unterrichtsentwicklung nicht nur angestoßen, sondern auch überprüfbar werden?

Es gibt eine breite Vielfalt an Fortbildungsangeboten auf diözesaner Ebene wie auch bayernweit beim Institut für Religionspädagogik und Lehrkräftefortbildung. Die Bedürfnisse und Interessen der Lehrkräfte sind individuell sehr verschieden, und das darf auch sein. Selbstverantwortung für die eigene berufliche Weiterentwicklung halte ich für einen wichtigen Ansatz, der einen Vorschuss an Vertrauen gewährt, aber auf der Gegenseite auch Verantwortung einfordert. Wenn Sie nach der Möglichkeit fragen, steuernd und praxisverändernd einzugreifen, denke ich eher an Unterrichtsbesuche, die unsere Mitarbeiter in der Hauptabteilung dankenswerterweise deutlich intensiviert haben. Sie geben die Möglichkeit für ein qualifiziertes Feedback und für kollegiale Beratung im Einzelnen, helfen uns aber auch, bei Bedarf mit dem Pflichtfortbildungsprogramm auf erkannte Notwendigkeiten reagieren zu können.

Bei der Entwicklung und Prüfung von Lehrwerken für den Religionsunterricht spielen unterschiedliche Kriterien eine Rolle: theologische Genauigkeit, didaktische Qualität, Anschlussfähigkeit an Lehrpläne sowie Sprache und Bildwelt. Nach welchen Maßstäben beurteilen Sie solche Materialien – und wie gehen Sie mit den Deutungsspielräumen um, die sich gerade in religiösen Themen unvermeidlich ergeben?

Die Zulassung von Schulbüchern für den Religionsunterricht ist ein komplexer Vorgang. Auf der einen Seite wirken die staatlichen Instanzen prüfend mit, etwa im Blick auf die Übereinstimmung mit dem Lehrplan, auf schulpädagogische Grundsätze oder allgemeine Anforderungen an Schulbücher. Aufseiten der Kirche muss für jede Diözese der jeweilige Ortsbischof die Zulassung erteilen, die aber wiederum untereinander abgestimmt werden muss, um zu einem bayernweit einheitlichen Votum zu gelangen. Die Schulbuchkommission koordiniert diesen Prozess. Die wichtigsten Kriterien für die Beurteilung durch die Kirche sind die theologisch-fachliche Richtigkeit von Inhalten in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche, wie sie in Konzilsdokumenten, päpstlichen Lehrschreiben, Dokumenten der Bischofskonferenz oder im Katechismus dargelegt ist, sodann die Passung zu den Vorgaben des Lehrplans, didaktische Erwägungen und die Übereinstimmung mit Grundsätzen des katholischen Religionsunterrichts, die etwa in der Missio-Ordnung sehr gut zusammengefasst sind. Wichtig ist zu verstehen: Ein Schulbuch ist kein Katechismus. Es folgt dem Lehrplan und legt die lernpsychologische Entwicklung der Schüler zugrunde. Manche Themen kehren daher in höheren Jahrgangsstufen vertieft und mit anderen Akzentsetzungen wieder.

Der Religionsunterricht ist ein Beispiel für die institutionelle Kooperation von Kirche und Staat. Wo sehen Sie in dieser Zusammenarbeit die größten Herausforderungen oder Reibungsflächen – etwa bei Zuständigkeiten, rechtlichen Rahmenbedingungen, pädagogischen Standards oder gesellschaftlichen Erwartungen – und wie kann diese Kooperation konstruktiv und konfliktarm gestaltet werden?

Der konfessionelle Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an den öffentlichen Schulen ist im Grundgesetz (Art. 7) verankert und daher mit einer hohen verfassungsrechtlichen Legitimation ausgestattet. Auch das Zusammenwirken von Staat und Kirche auf den verschiedenen Ebenen ist klar geregelt. Auf amtlicher Ebene besteht eine ausgesprochen wertschätzende, vertrauensvolle und gut eingeübte Kooperation. Schwieriger ist manchmal die konkrete schulorganisatorische Umsetzung vor Ort. Darunter haben vor allem die Schulleitungen zu leiden. Allein die Stundenplangestaltung ist mit Rücksichtnahme auf alle beteiligten Konfessionen eine echte Herausforderung. Die bunt gemischte Zusammensetzung der Klassen erfordert oft die Bildung eigener Lerngruppen für den konfessionellen Religionsunterricht, manchmal klassen- oder auch jahrgangsübergreifend. Hinzu kommen größer werdende Zahlen von orthodoxen Schülern, die keinen eigenen konfessionellen Religionsunterricht erhalten, sondern auf Antrag meistens am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, dazu die nichtchristlichen oder konfessionslosen Schüler im Ethikunterricht. Der organisatorische Aufwand ist immens. Das ist uns bewusst, und wir sind dankbar, dass wir auch hier auf eine hohe Bereitschaft zur Kooperation setzen können.

Insgesamt gibt es in einer stärker säkular werdenden Gesellschaft immer wieder einmal Anfragen, ob der konfessionelle Religionsunterricht noch zeitgemäß ist. Ich erinnere dann an das eingangs Gesagte: Ein durch eine überzeugende Lehrpersönlichkeit erteilter, qualitativ guter Religionsunterricht stellt einen Bildungsbeitrag dar, auf den auch eine säkulare Gesellschaft nicht ohne Weiteres verzichten kann. Was würde aus einer Gesellschaft, die ihre kulturellen und religiösen Wurzeln nicht mehr kennt? Was könnte eine Gesellschaft noch zusammenhalten, die keinen Konsens mehr über einen gemeinsamen Wertekanon zustande bringt, die keine Hoffnungsziele mehr kennt, die über sie selbst hinausweisen?

Eine Hauptabteilung wie Schule und Hochschule erfüllt zugleich administrative Aufgaben und wirkt an der inhaltlichen Ausrichtung kirchlicher Bildungsarbeit mit. Würden Sie Ihre Rolle im Bistum eher als operativ-administrativ oder als strategisch und kulturprägend beschreiben – und wie lässt sich diese doppelte Verantwortung in der Praxis sinnvoll verbinden?

Das ist wie überall: Es gibt einen relativ großen Anteil an administrativen Routinevorgängen: Personalführung, Schriftverkehr, Büroorganisation, Absprachen und Konferenzen … Auch darin, das sollte man nicht unterschätzen, kann man im Kleinen durchaus kulturprägend wirken oder auch einmal Themen setzen, gerade wenn ich an die intensive Zusammenarbeit mit den Abteilungsleitern unserer verschiedenen Zuständigkeitsbereiche denke. Aber wir befinden uns natürlich auch in Zeiten grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche, die uns als Kirche, auch im Bistum Regensburg, unmittelbar betreffen. Es bleibt gar nicht aus, dass man angesichts dessen den Blick über die Alltagsanforderungen hinaus auf größere Zusammenhänge lenkt und darüber nachdenkt, wohin die Gesellschaft sich entwickelt, wie wir als Kirche unseren Auftrag in diesen Entwicklungen verstehen und wie wir ihn künftig erfüllen können. Mit der „Pastoralen Entwicklung 2034“ haben wir im Bistum Regensburg ja einen strategischen Prozess laufen, der sich genau diesen Fragen widmet. Wir wollen uns seitens der Hauptabteilung Schule/Hochschule intensiv einbringen. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass die Schulen ein zunehmend wichtiger Ort der Verkündigung und Seelsorge werden, weil wir dort mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien in Kontakt sind, die an ihre Pfarrei womöglich keine oder nur eine geringe Anbindung haben. Der Staat eröffnet uns mit dem Religionsunterricht als Pflichtfach an allen Schulen einen immensen Raum an Möglichkeiten. Wir müssen gut überlegen, wie und in welchem Umfang wir diesen Raum qualitätvoll ausfüllen können, auch als Beitrag der Kirche zu einer humanen freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.

Fragen: Stefan Groß
Foto: Pressestelle Bistum Regensburg
(chb)



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