News Bild Gespräch mit Pfarrer Kilian Saum, Gefängnisseelsorger in der JVA Regensburg
Gespräch mit Pfarrer Kilian Saum, Gefängnisseelsorger in der JVA Regensburg

Seelsorge für Straftäter

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Regensburg, 16. Januar 2023

Pfarrer Kilian Saum ist seiner Berufung gefolgt, die ihn in die Justizvollzugsanstalt Regensburg geführt hat. Nach einem religiös motivierten Überfall rückte für den ehemaligen Benediktinermönch der Erzabtei Sankt Ottilien in Oberbayern die kategoriale Seelsorge in das Blickfeld. Diese befasst sich im Gegensatz zur territorialen Seelsorge in einer Gemeinde mit bestimmten Personengruppen. Das können bestimmte muttersprachliche Gruppen sein, Hochschulgemeinden oder eben die Insassen einer Justizvollzugsanstalt.

Eine Besonderheit der JVA Regensburg ist der mit etwa 80 % sehr hohe Anteil an Gefangenen in Untersuchungshaft. Dadurch entsteht eine große Vielfalt an Menschen und auch Straftaten. Dort sitzen Betrüger, aber auch Räuber und Vergewaltiger hinter Gittern. Die meisten noch nicht verurteilt und auf ihre Unschuld plädierend.

Damit Pfarrer Saum möglichst unvoreingenommen an die einzelnen Gefangenen herantreten kann, hilft es dem Seelsorger, die Tat beim Erstkontakt noch nicht zu kennen. „Ich will dem Menschen begegnen, ihm in die Augen sehen. Erst später nehme ich die Tat wahr. Bei schweren Gewalttaten gehe ich zuerst ins Gebet und lege den Insassen in Gottes barmherzige Hände. Nach einem Ritual der Meditation und somit des Gebetes, mache ich mich drei Tage später wieder auf den Weg zu dem Insassen, der eines schweren Gewaltverbrechens beschuldigt wird. Innerlich gestärkt, bin ich nun bereit und fähig, Auge in Auge zu begegnen, ohne Vorbehalte und Vorurteile.“

„Das menschliche Gesicht der JVA“

Ähnlich wie in einer Pfarrei hat Pfarrer Kilian Saum auch in der JVA neben den Gesprächen mit den Häftlingen auch viele administrative Aufgaben. Er organisiert und feiert Gottesdienste mit den Insassen, ist in Kontakt mit ihren Angehörigen und steht auch diesen mit Rat und Tat in dieser schwierigen Zeit zur Seite. Seinen typischen Tagesablauf beschreibt der Seelsorger folgendermaßen:

„Nach der Ankunft in meinem Büro in der JVA beginnt der Tag mit einem Gebet um den Segen Gottes für alle Begegnungen mit den Insassen und den Beamten. Es wird ein Teelicht entzündet in all den Anliegen des kommenden Tages.

Anschließend hole ich die Anträge der Insassen aus meinem Fach, um sie zu bearbeiten. Jede Bitte und jedes Anliegen hat hohe Priorität. Anträge, die gestellt werden, sind Bitten um ein persönliches Gespräch, auch Beichte, oder Unterstützung mittels Tabaks, Kalender, Tagebücher, Notizbücher, Farbstifte usw. Viele Antragssteller wünschen sich auch einen Rosenkranz, die Bibel, die in verschiedenen Sprachen vorrätig ist. Die muslimischen Insassen wünschen sich Gebetskette, Koran oder auch zu Beginn jeden Monats die Gebetszeiten.

Nach der Bearbeitung der Anträge führt mich mein Weg zu den Insassen. Da ich keinen Haftraumschlüssel habe, beginnt jeder Besuch der Insassen mit einem Plausch mit den Beamten. Dieser Plausch ist nicht nur ein oberflächliches Gespräch, sondern ist von hoher Wichtigkeit. Manchmal begleite ich auch Gefangene zum Gericht, um ihnen durch meine Anwesenheit einen Raum der Sicherheit und Geborgenheit zu geben.  Der Tagesablauf spielt sich hauptsächlich zwischen Büro und den Abteilungen ab.

Auf die Frage, ob er denn keine Angst vor den Insassen hat, antwortet er stets „Nein, die Insassen nennen mich ‚das menschliche Gesicht der JVA‘“.

Pfarrer Kilian (links) und Bischof Rudolf feiern gemeinsam die Hl. Messe beim Bischofsbesuch in der JVA Regensburg am 8. Januar 2023.

In der Gefängnisseelsorge Berufung gefunden

Auf die Frage, was Pfarrer Saum am meisten an seiner Arbeit bewegt, und ob er den Schritt jemals bereut hätte, antwortet er:

„Mein Leben baut sich auf der Regel des Heiligen Mönchsvaters Benedikt auf. Ihm war es wichtig, so lehrt es Jesus, in allen Menschen Christus zu sehen. Das ist mein Leben, in den Insassen Christus sehen. Manchmal ist er etwas kräftig versteckt, aber immer mal wieder ist er sichtbar, in den ängstlichen, sorgenvollen leuchtenden Augen, in der Sehnsucht nach einem normalen Leben. Ich habe den Schritt nie bereut. Jetzt erst wird mir richtig bewusst, warum ich Priester geworden bin. Ich habe oft gezweifelt und hinterfragt, viele Fehler gemacht, doch nun habe ich meine Berufung gefunden.“

Auch nach der Entlassung hört für ihn die Arbeit mit den Straffälligen nicht auf. Pfarrer Saum begleitet sie auf ihrem Weg der Integration hinein in die Gesellschaft. Ihm tut es im Herzen weh, wenn er zusehen muss, wie sie oft wieder abstürzen, weil sie den Schritt hinein in ein geordnetes Leben nicht schaffen, so der Seelsorger. Gerne würde er mehr tun, um die Häftlinge bei ihrer Rehabilitierung zu unterstützen:

„Meine Vision ist zum Beispiel, für die ohne Obdach ein Übergangshaus mit Zimmern anbieten zu können, bis eine Wohnung und Arbeit gefunden ist. Dazu bräuchte ich Menschen, die bereit sind, zu spenden. Denn oft stehe ich selbst, durch meine finanziellen Hilfen für sie, am Rande der eigenen finanziellen Möglichkeiten. Sie sind Kinder Gottes, die trotz allem vom Rand der Gesellschaft in die Gesellschaft zu integrieren sind. Danke allen Streetworkern, den sozialen Werken für die unermüdliche Hilfe in der Sorge um sie. Vergelt‘s Gott unserer Diözese, die mir unermüdlich vertraut, wenn es darum geht, in der JVA den Insassen das Leben zu erleichtern.“

 

Text: Thomas Oberst

Fotos: Pfarrer Kilian Saum / Thomas Oberst