Top view of a beautifully laid festive table. Guests eat and talk while sitting at the table outdoor

Fasten aus christlicher Perspektive: Teil 3

Die sozialen Aspekte des Fastens


Bonn, 18. März 2026

Auch das Fasten unterliegt dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Der Verzicht soll also nicht nur der eigenen Seele dienen, sondern im besten Falle auch den Mitmenschen. Doch was haben Almosen, Gemeinschaft und Gastfreundlichkeit mit Fasten zu tun?

Noch weit mehr als heute war das noch junge Christentum vom Gedanken der Gleichheit geprägt. Vor Gott ist jeder gleich, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status. Es gibt bei ihm „kein Ansehen der Person“ (vgl. Röm 2,11). Und so können wir in der Apostelgeschichte lesen, wie die ersten Christen ihren Besitz für die Gemeinde gaben und alles so verteilt wurde, dass jeder bekam, was er brauchte (vgl. Apg 2,42-47).

Diese gelebte „Geschwisterlichkeit“ fußt auf dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. Mt 22,36-40), das alles christliche Handeln bestimmen soll. Auch die Praxis des Fastens muss sich entsprechend an diesem Gebot messen lassen. Lag in den ersten beiden Teilen dieser Reihe der Fokus auf der persönlichen Gottesbeziehung und der individuellen Umsetzung des Fastens, so soll nun noch die Bedeutung der Mitmenschen betrachtet werden.

„Gib, was du hast“

„Für die Christen gehört das Almosen wesentlich zum Fasten.“[1], schreibt der Benediktinerpater Anselm Grün. Für den Nächsten da zu sein und sich für ihn einzusetzen, ist nicht irgendein Teil der Nachfolge Jesu. Es ist eben jenes Mitleid und Erbarmen, von dem der Kirchenlehrer Gregor von Nazianz (329-390) sagt, dass Gott selbst keine Eigenschaft „eigentümlicher“[2] ist. Gregor sieht es daher als notwendig an, diese Barmherzigkeit nachzuahmen und die eigene Freigebigkeit nicht zu vergessen, solange es einem selbst gut geht.[3] Sein guter Freund und Namensvetter Gregor von Nyssa (ca. 335-394) bringt den Einsatz für Andere konkret mit dem Fasten in Verbindung. Der eigene Verzicht soll nicht zwecklos sein, sondern müsse dem Nächsten zugutekomme. Das eigene „Zuviel“ helfe so dem „Zuwenig“ der Mitmenschen.

Dabei gilt beim Almosen wie auch beim Fasten generell, das richtige Maß zu finden. Im Lukasevangelium wird berichtet, dass Jesus das Verhalten einer armen Witwe hervorhebt, die zwei Münzen spendet (vgl. Lk 21,1-4). Die Reichen hingegen, die nur aus ihrem Überfluss geben, tadelt er. Es wird daraus deutlich, dass Fasten und Almosen „spürbar“ sein sollen. Dem Verzichtenden bzw. Gebenden soll in gewisser Weise danach etwas fehlen. Wie das Beispiel aus dem Evangelium zeigt, hängt der Umfang der Gabe von den eigenen Möglichkeiten ab. Oder wie Gregor von Nyssa es ausdrückt: „Gib, was du hast, denn Gott verlangt nichts Unmögliches.“[4]

Der „Geist der Askese“

Das Wissen darum, dass viele Menschen Not leiden und der Hilfe anderer bedürfen, ist in unserer Gesellschaft glücklicherweise inzwischen angekommen. Klar ist aber auch, dass dieses Bewusstsein alleine noch keine Probleme löst. Der orthodoxe Einsiedler und Priestermönch Gabriel Bunge warnt sogar davor, dass diese Erkenntnis zu Selbstgerechtigkeit und Anklage anderer führen kann: „Für all diese ‚sozialen‘ Implikationen ist uns heute der Sinn sehr geschärft worden, aber die Einsicht ist noch nicht unter die Haut gegangen, dass sich die große Forderung nach Gerechtigkeit wie alle göttlichen Forderungen zuerst und vor allem an mich selbst richtet und nicht ein Mittel ist, den anderen anzuklagen und ins Unrecht zu setzen.“[5] Er sieht also den Einzelnen in der Verantwortung, mit dem Handeln zu beginnen. Ein „Geist der Askese“, so Vater Gabriel, müsse sich in der westlichen Welt „einstellen, dem der Verzicht zugunsten der Brüder zur natürlichen Lebenshaltung wird.“[6] Der persönliche Verzicht kann zum Zeichen des Mitgefühls mit denen werden, denen das Nötigste mangelt. Fasten als „Lebenseinstellung“ bietet dadurch das Potenzial, den Wert immaterieller Güter im eigenen Leben in den Vordergrund zu stellen und sich der eigenen Privilegien sowie den daraus resultierenden Verantwortungen bewusst zu werden.

Heilige Gastfreundschaft

Zu den sozialen Aspekten des Fastens zählt auch, zu wissen, wann nicht die Zeit für Verzicht ist. Besonders von den frühen ägyptischen Mönchen sind zahlreiche Anekdoten und Ratschläge überliefert, die das Thema Gastfreundlichkeit mit dem Fasten in Verbindung bringen. Für die frühe Mönche ist klar: Das Gebot der Nächstenliebe gebietet, das Fasten für einen Gast zu unterbrechen. Tatsächlich ist es gerade im Orient lange Tradition, einem Gast eine Mahlzeit zu bereiten. In wasserarmen und dünn besiedelten Gegenden gibt es nur wenige Gelegenheiten, die Energiespeicher des Körpers wieder zu füllen; und so wird das gemeinsame Essen zur Fürsorge für den Mitmenschen.

Für die frühchristlichen Mönche kam noch ein weiterer Aspekt hinzu, weswegen die Gastfreundschaft für sie von einer „unantastbaren Heiligkeit“[7] war. Johannes Cassian (ca. 360-435) überliefert uns in Bezug auf die Bewirtung von Gästen die weisen Worte eines Altvaters: „Das Fasten habe ich immer bei mir. Aber euch, die ich wieder ziehen lassen muss, kann ich nicht immer bei mir behalten.“[8] Der Mönch spielt dabei auf Jesus an, der auf die Frage seiner Jünger, warum sie nicht fasten, folgende Antwort gibt: „Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“ (Mk 2,19) Wer Christus bei sich aufnimmt, der kann folglich nicht fasten. Da der Schöpfer aber auch in seinem Ebenbild (vgl. Gen 1,26) erkannt wird, ist die Aufnahme und Bewirtung eines menschlichen Gastes im christlichen Verständnis der Aufnahme Gottes gleich. Diese Sichtweise bestätigt sich durch die Worte Jesu, wenn er sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40).

Miteinander fasten

Das Gebot der Liebe übersteigt also das Fasten, „es hebt alle noch so nützlichen menschlichen Übungen auf.“[9] Das Fasten sollte, wie Jesus selbst sagt, „im Verborgenen“ geschehen (vgl. Mt 6,16-18), es soll zuerst Gott dienen und dem Mitmenschen nicht zum Anstoß werden. Es soll Mut machen, für den Nächsten da zu sein.

Fasten muss man aber nicht unbedingt alleine! Gerade die Fastenzeit bietet die Gelegenheit, zusammen mit anderen auf etwas zu verzichten. Wer gemeinsam fastet, kann sich gegenseitig stärken. Das gilt besonders dann, wenn das Verzichten schwerfällt und der Fasten-Vorsatz zu kippen droht. Fasten mit anderen, sei es im Kontext einer größeren Gruppe, der Familie oder auch einzelnen Freunden kann nicht nur das Fasten erleichtern, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen intensivieren. Der gemeinsame Verzicht und der daraus resultierende Austausch wird zur verbindenden spirituellen Erfahrung. Eine solche Erfahrung kann Beziehungen nachhaltig festigen und uns obendrein aufmerksamer für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen machen.
 

Text: Max Maletzki/f1rstlife

(kw)

 


[1] Grün, Anselm: Fasten, Münsterschwarzacher Kleinschriften Bd. 23, Münsterschwarzach 2001, 12. Auflage, S. 41.

[2] Gregor von Nazianz, Rede 14, 5. Übersetzung nach: Gregor von Nazianz: Reden. Über den Frieden, über die Liebe zu den Armen, übersetzt von Philipp Haeuser und bearbeitet von Manfred Kertsch, Schriften der Kirchenväter Bd. 5, München 1983, S. 36.

[3] Vgl. Gregor von Nazianz, Rede 14, 28.

[4] Gregor von Nyssa, 1. Rede von der Liebe zu den Armen 4. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa: Ausgewählte Schriften des heiligen Gregorius, Bischofs von Nyssa, übersetzt von Joseph Fisch, Bibliothek der Kirchenväter 1. Serie Bd. 70, Kempten 1880, S. 200.

[5] Bunge, Gabriel: Gastrimargia. Wissen und Lehre der Wüstenväter von Essen und Fasten. Dargestellt anhand der Schriften des Evagrios Pontikos, Eremos Bd. 3, Münster 2019, 3. Auflage, S. 90.

[6] Bunge, Gabriel: Gastrimargia. Wissen und Lehre der Wüstenväter von Essen und Fasten. Dargestellt anhand der Schriften des Evagrios Pontikos, Eremos Bd. 3, Münster 2019, 3. Auflage, S. 89.

[7] Bunge, Gabriel: Gastrimargia. Wissen und Lehre der Wüstenväter von Essen und Fasten. Dargestellt anhand der Schriften des Evagrios Pontikos, Eremos Bd. 3, Münster 2019, 3. Auflage, S. 113.

[8] Johannes Cassian, De Institutis Coenobiorum 5, 24. Übersetzung nach: Johannes Cassian: Die Heilmittel der acht Hauptlaster. De octo principalium vitiorum remediis, übersetzt und erläutert von Gabriele Ziegler, Quellen der Spiritualität Bd. 15, Münsterschwarzach 2019, S. 134.

[9] Bunge, Gabriel: Irdene Gefäße. Die Praxis des persönlichen Gebetes nach der Überlieferung der heiligen Väter, Beuron 2023, 6. Auflage, S. 81.

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