Junge Frau in einem Lavendelfeld genießt bewusst eine Tasse Tee

Fasten aus christlicher Perspektive: Teil 1

Der Sinn des Fastens


Bonn/Regensburg, 16. Februar 2026

Fasten ist weit mehr als eine einfache Form der Diät: Der christliche Blick auf das Fasten offenbart das große Potenzial und den spirituellen Charakter dieser uralten Praxis. Fasten dient der Seele, der Gottesbeziehung und der Neuausrichtung des eigenen Lebens. 

Die Zeiten vor den großen christlichen Feiertagen waren seit jeher Phasen der Einkehr, der Besinnung und der Vorbereitung. Fester Bestandteil dieser Vorbereitung war und ist das Fasten. Während sich das Fasten in der katholischen Kirche inzwischen auf die große vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern beschränkt, kennen die Ostkirchen auch heute noch einige kleinere Fastenperioden im Kirchenjahr, wie beispielsweise den Advent.

Fasten in der Bibel

Schon im Alten Testament war das Fasten als Praxis der Buße nicht fremd, was sich sehr eindrücklich im Buch Jona (vgl. Jona 3,5) zeigt. Und auch Jesus – der selbst vierzig Tage in der Wüste fastete (vgl. Mt 4,2) wurde immer wieder mit Fragen bezüglich des Verzichts konfrontiert (vgl. Mt 9,14-17; Lk 5,33-35). Dass das Fasten für die ersten Christen von Beginn an eine Rolle gespielt hat, zeigt sich schon in der Apostelgeschichte (vgl. Apg 13,2; 14,23) sowie in der Lehrschrift der „Didache“, einem der ältesten erhaltenen christlichen Texte aus dem späten ersten Jahrhundert. Der Text sieht für Christen den Mittwoch und den Freitag als Fastentage vor (vgl. Didache 8,1) und empfiehlt erwachsenen Taufanwärtern, vor dem Empfang des Sakraments einen oder zwei Tage zu fasten (vgl. Didache 7,4).

Wenn das Fasten für die ersten Christen eine derartige Bedeutung hatte, stellt sich die Frage: Welchen Sinn kann das Fasten für den Einzelnen heutzutage haben?

Fasten als Umkehr

Fasten ist zuallererst kein Selbstzweck, sondern es dient der Demut und der (Neu-)Ausrichtung des Menschen auf Gott. Fasten ist daher zunächst ein Akt der persönlichen Umkehr. „Umkehr“ sollte dabei nicht als ein bestimmter Moment im Leben, sondern viel eher als eine grundsätzliche Haltung verstanden werden, die das eigene Handeln bestimmt; Umkehr ist „ein lebenslanges Geschehen.“[1] Dieser Haltung wohnt ein ständiges Sich-Ausrichten auf Gott inne. Man könnte auch sagen: ein Sich-Finden-Lassen vom Schöpfer.

Umkehr und Neuausrichtung erfordern einen gewissen Freiraum, und hier kommt das Fasten ins Spiel. Durch Fasten übt man sich in persönlichem Verzicht und gewinnt dadurch neue Klarheit. Die Theologin Gabriele Ziegler schreibt über das Fasten entsprechend: „Fasten heißt, einmal auszutesten, warum ich an so vielem hänge.“[2] Der Benediktinerpater und bekannte Autor Anselm Grün sieht im Fasten die Chance, die eigenen Probleme hervortreten zu lassen, die sonst so oft durch andere Dinge überdeckt werden: „Mit gutem Essen und Trinken kann ich vieles verdrängen. Meine tief im Herzen sitzende Unlust und Leere können gar nicht hochkommen. Im Fasten begegne ich mir selbst, begegne ich den Feinden meiner Seele, dem, was mich innerlich gefangen hält. […] Das Fasten deckt mir auf, wer ich bin. Es zeigt mir meine Gefährdungen und gibt mir an, wo ich den Kampf aufnehmen muss.“[3]

Nicht nur von Brot lebt der Mensch

Wie sich zeigt, ist das Fasten aus christlicher Sicht nicht etwas vor allem Körperliches, sondern eine Praxis, die der Seele dient. Ziel der freiwilligen Nahrungseinschränkung ist nicht völlige Entsagung, sondern Mäßigung. Und so muss auch beim Fasten selbst Maß gehalten werden, „denn das Maßlose und Unzeitgemäße ist von kurzer Dauer. Was von kurzer Dauer ist, ist jedoch eher schädlich als nützlich.“[4]

Das Fasten kann – passend eingesetzt – von großem Nutzen sein und wird in der christlichen Tradition als Hilfsmittel zur Erlangung und Einübung verschiedener Tugenden betrachtet. Der kappadokische Kirchenvater Gregor von Nyssa (ca. 335-394) sieht im Fasten sogar den „Grundstein aller Tugend.“[5] Gregor weitet dabei den Fasten-Begriff aus: „Es gibt […] ausserhalb des Körpers ein Fasten und eine Mäßigkeit, die nicht mit dem Materiellen zusammenhängt, eine Enthaltsamkeit vom Bösen“[6]. Es geht also grundlegend um einen Verzicht auf alles, was von Gott trennt.

Dass man das Fasten zuerst mit dem Verzicht auf Essen in Verbindung bringt, hat mehrere Gründe: Zunächst ist die Nahrungsaufnahme die wohl elementarste Sache für den Menschen. Verzicht ist an dieser Stelle für jeden – wenn auch nicht im gleichen Maße – spürbar. Der Einzelne wird daran erinnert, „dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht.“ (Dtn 8,3) Im Fasten wird auf spiritueller Ebene die „vollkommene Abhängigkeit [der Seele] von Gott“[7] erfahrbar.

Darüber hinaus lässt ein Zuviel an Nahrung den Geist schnell ermüden. Ein maßvoller Verzicht versetzt den Fastenden in die richtige Verfassung für das Gebet, ohne dass die Kräfte für Arbeit und sonstige Pflichten schwinden. Durch ein solches Gebet wird nun die zuvor angesprochene Auseinandersetzung mit Problemen der eigenen Gottesbeziehung möglich. Fasten lässt uns erkennen, wo wir Schlechtes vermeiden und Gutes tun können. Es hilft, den Blick immer von Neuem auf Christus zu richten und auf seinem schmalen Weg (vgl. Mt 7,10) voranzuschreiten.
 

Text: Max Maletzki/f1rstlife

(kw)

 


[1] Bunge, Gabriel: Irdene Gefäße. Die Praxis des persönlichen Gebetes nach der Überlieferung der heiligen Väter, Beuron 2023, 6. Auflage, S. 103.

[2] Ziegler, Gabriele: Frei werden. Der geistliche Weg des Johannes Cassian, Münsterschwarzacher Kleinschriften Bd. 178, Münsterschwarzach 2011, S. 71.

[3] Grün, Anselm: Fasten, Münsterschwarzacher Kleinschriften Bd. 23, Münsterschwarzach 2001, 12. Auflage, S. 28-29.

[4] Evagrios Pontikos, Praktikos 15. Übersetzung nach: Evagrios Pontikos: Der Praktikos (Der Mönch). Hundert Kapitel über das geistliche Leben, hrsg. von Gabriel Bunge und Jakobus Kaffanke, eingeleitet und kommentiert von Gabriel Bunge, Weisungen der Väter Bd. 6, Beuron 2011, 3. Auflage, S. 106.

[5] Gregor von Nyssa, 1. Rede von der Liebe zu den Armen 2. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa: Ausgewählte Schriften des heiligen Gregorius, Bischofs von Nyssa, übersetzt von Joseph Fisch, Bibliothek der Kirchenväter 1. Serie Bd. 70, Kempten 1880, S. 197-198.

[6] Gregor von Nyssa, 1. Rede von der Liebe zu den Armen 1. Übersetzung nach: Gregor von Nyssa: Ausgewählte Schriften des heiligen Gregorius, Bischofs von Nyssa, übersetzt von Joseph Fisch, Bibliothek der Kirchenväter 1. Serie Bd. 70, Kempten 1880, S. 196.

[7] Bunge, Gabriel: Irdene Gefäße. Die Praxis des persönlichen Gebetes nach der Überlieferung der heiligen Väter, Beuron 2023, 6. Auflage, S. 82.

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