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Durch das Kirchenjahr: Anzug und Krawatte

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… mit Benedikt

Jak 2,1-5 – 23. Sonntag im Jahreskreis

Ich hasse Busse, Züge und U-Bahnen. Wenn sie leer sind, dann geht’s ja noch. Volle Verkehrsmittel aber gehen gar nicht mehr. Eng gedrängt muss man versuchen, wenigstens den kleinen freien Raum vor und neben und hinter sich gegen die drängende Masse zu verteidigen. Besonders schlimm ist das im Sommer. Oft geht es mir auch bei einem Sitzplatz so: Neben mir ist der Platz frei. Ich bin dann ganz froh um den Freiraum. Gelegentlich aber nähern sich dann Menschen, erpicht auf den Sitzplatz. Automatisch mustere ich die Personen. Gepflegt oder ungepflegt?

Nur die inneren Werte zählen. Ganz klar! Wir bewerten ja niemanden aufgrund seines Äußeren. Würde uns im Traum nicht einfallen. Wir machen das nicht. Wir achten auf die inneren Qualifikationen eines Menschen. Das machen wir uns sehr gerne immer wieder vor. Wir wollen keine oberflächlichen Menschen sein. Und sind es trotzdem. Man sagt oft, der erste Eindruck eines Menschen sei der entscheidende. Ich glaube, das stimmt.

 

Wir (ver-)urteilen mehr als uns lieb ist

Nimmt ein Universitätsprofessor eine Prüfung ab, wird es nicht ganz an ihm vorbeigehen, ob der Prüfungskandidat in Jogginghosen oder in Anzug und Krawatte ihm gegenübersitzt. Gleiches gilt für ein Bewerbungsgespräch. Der erste Eindruck ist entscheidend. Nur: auf den ersten Eindruck kann man die inneren Werte und Qualifikationen eines Menschen noch gar nicht absehen. Also besteht dieser erste, so entscheidende Eindruck vor allem aus Äußerlichkeiten. Aussehen, Körperbau, Kleidung, Stil.

Das ist ja auch manchmal gar nicht schlecht. Kleidung kann sehr viel Gutes aussagen. Der Student, der in Anzug und Krawatte vor seinem Prüfer erscheint, drückt aus, dass er es ernst nimmt. Er hat Respekt vor dem, der ihm gegenübersitzt. Wer sich für eine Hochzeit oder eine Geburtstagsfeier schön anzieht, sagt: Ich freue mich! Dieser Tag, diese Feier bedeutet mir etwas. Also ja: Kleider machen Leute. Der äußere und erste Eindruck wird ja aber nicht nur durch den Stil der Kleidung geprägt. Körperhaltung und Aussehen spielen genauso eine Rolle wie der erste Satz, den man sagt, und die Art, wie man spricht.

Ich will hier gar nicht verurteilen, mir geht es immer wieder so. Auch ich bewerte – vielleicht unterschwellig, vielleicht bewusst – Menschen nach ihrem ersten und äußerlichen Auftreten. Die ganze Menschheit scheint sich von diesem Laster nur schwer trennen zu können. Das ist keine moderne Angewohnheit, schon der Verfasser des Jakobusbriefs hatte mit dieser Marotte zu kämpfen. Er gibt seiner Gemeinde mit auf den Weg: „Haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person.“ Man könnte jetzt sagen: Natürlich! Wir sind doch alle Geschwister.

 

Jakobus hält den Christen den Spiegel vor

Aber der Verfasser setzt nach: „Wenn in eurer Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz! Und zu dem Armen sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz sich zu meinen Füßen! – macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen?“

Diese Argumentation ist bestechend und man wird nicht anders können als zuzustimmen. Ja, in diesem Falle macht man Unterschiede. Und diese Unterschiede beruhen alleine auf dem äußeren Erscheinungsbild der Kleidung. Und ja, das ist eine verwerfliche Überlegung, keine kluge Unterscheidung. In der Gemeinde weisen wir heute niemandem mehr Plätze zu. Ein Armer in schmutziger Kleidung könnte heute genauso gut in der ersten Reihe sitzen wie ein Reicher in prächtiger Kleidung am Rand stehen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir nicht. Aber haben wir Christen deshalb schon die Beurteilung aufgrund äußerer Kriterien abgelegt? Keineswegs. Kleider machen Leute. Das gilt heute wie es schon immer galt.

Doch: Was macht den Christen aus? Die Kleider bestimmt nicht. Der erste Eindruck wohl auch nicht. Den Christen macht aus, dass er dieses Denken durchbricht. Das geht nicht immer, ganz klar. Aber der Christ muss es immer wieder versuchen. Das entscheidende ist das Herz eines Menschen, nicht seine Garderobe. Und schon gar nicht der erste Anblick im Bus oder Zug.