Papst Benedikt XVI. in Regensburg

Die Theologie Papst Benedikts XVI. – heute

Unverändert aktuell


Rom / Regensburg, 18. Juni 2026

Am 16. April 2027 wäre Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. 100 Jahre alt geworden. Ein Anlass, das Vermächtnis des deutschen Papstes mit neuen Augen zu betrachten und seine Aktualität angesichts neuer Herausforderungen für die Menschheit auf den Prüfstand zu stellen. Wir sprachen mit dem Präsidenten der Vatikanstiftung Fondazione Ratzinger, Roberto Regoli.

Vatican News: Don Regoli, die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, haben natürlich begonnen. Können Sie uns einige der Initiativen vorstellen, die im Laufe dieses Jahres noch stattfinden werden?

Roberto Regoli, Präsident der Fondazione Joseph Ratzinger – Benedetto XVI mit Sitz im Vatikan: „Wir haben Initiativen auf allen Kontinenten. Was uns besonders beeindruckt, ist, dass es neben den Projekten, die wir als Stiftung fördern, auch zahlreiche andere Akteure gibt – Universitäten und Institutionen –, die auf uns zukommen, um gemeinsam etwas zu schaffen. Das Interesse reicht von Italien über Deutschland und Europa bis nach Nord- und Lateinamerika, Afrika, Asien und sogar Ozeanien. Wir erhalten Anfragen aus der ganzen Welt, und natürlich wird auch der deutschsprachige Raum dabei eine wichtige Rolle spielen. Bereits in diesem Jahr gab es in verschiedenen Ländern Initiativen, etwa akademische Kurse.

Wo setzen Sie einen Schwerpunkt?

Besonders hervorzuheben ist eine gemeinsame Veranstaltung im kommenden Oktober: Die Universität Wien und die Universität Augsburg werden ein internationales Symposium über Joseph Ratzinger, seine Theologie und seinen Beitrag zum kirchlichen und kulturellen Leben veranstalten. Doch nicht nur das. In diesem Jahr gibt es Initiativen sowohl im intellektuellen und akademischen Bereich als auch auf Ebene der Diözesen. Im November wird beispielsweise das Erzbistum Hamburg einen Studientag zu Ehren von Ratzinger/Benedikt XVI. veranstalten, ausgehend von seinem Werk „Einführung in das Christentum“.

Und nördlich der Alpen, vielleicht in Regensburg?

Und um im deutschsprachigen Raum zu bleiben: Auch 2027 wird es weitere Initiativen geben, insbesondere in Regensburg. Dort gibt es ein Benedikt-XVI.-Institut, an dem die Diözese Regensburg beteiligt ist. Es wird eine Ausstellung über ihn organisiert werden, ebenso wie Gottesdienste anlässlich des hundertsten Geburtstags. Solche Veranstaltungen wird es sowohl in Regensburg als auch in München geben. Wir haben also zahlreiche Initiativen unterschiedlicher Art: akademische, diözesane und allgemeinbildende, wie etwa Ausstellungen.

Was sollte man Ihrer Meinung nach von Papst Benedikt in Erinnerung behalten?

Er hatte die Fähigkeit, ein tiefgründiger Theologe zu sein und zugleich in die kulturellen Debatten seiner Zeit hineinzusprechen. Das Risiko der Theologie in den letzten zwei Jahrhunderten bestand darin, sich aus den kulturellen Diskussionen herauszuhalten. Ratzinger hingegen verstand es, sich aktiv in diese Debatten einzubringen. Denken wir etwa an die Fragen Europas: Was ist der Westen? Welchen Beitrag leisten Christentum und Katholizismus zur öffentlichen Debatte? Oder denken wir an seine Beiträge zur Anthropologie.

…die über seinen Ruf als Theologe hinausgehen….

Mich hat besonders beeindruckt, dass sich gegen Ende seines Pontifikats sogar kulturelle Kreise marxistischer Prägung – vor allem in Italien – an ihn wandten, als es um die Gefahren ging, denen der Mensch angesichts der immer mächtigeren technischen Eingriffsmöglichkeiten ausgesetzt ist. Es ging um die anthropologische Frage: Wer ist der Mensch? Was bedeutet das Menschsein? Und heute kommen noch die Fragen des Transhumanismus hinzu. Was macht die Identität des Mannes und der Frau aus? Ratzinger hat sehr viel über diese Themen gesprochen. Er betrieb also eine Theologie, die nicht nur nach innen gerichtet war, sondern die großen Debatten der Zeit aufgriff. Das hat dazu beigetragen, dass seine Präsenz und sein Erbe weit über das Ende seines Pontifikats und sogar über seinen Tod hinaus fortwirken.

Wenn Sie einen Charakterzug hervorheben müssten, der Sie bei Ihren Begegnungen mit Ratzinger besonders beeindruckt hat – welcher wäre das?

Etwas, das mich an seiner menschlichen Art immer beeindruckt hat, war seine Demut. Er war ein großer Denker, Theologe, Papst und eine der prägenden Persönlichkeiten des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Dennoch interessierte er sich wirklich für sein Gegenüber. Er fragte mich stets nach meinen Forschungen und Studien – aufrichtig und ehrlich, weil er wirklich verstehen und lernen wollte. Er war ein großer Intellektueller und zugleich ein Mensch tiefer Demut. Deshalb konnte er mit allen Menschen sprechen.

Man hat den Eindruck, dass Ratzinger und seine Theologie heute verstärkt auch bei jungen Menschen Interesse wecken.

Das fasziniert mich sehr. Auf meinen Reisen treffe ich immer wieder junge Menschen, die mich nach Ratzinger fragen. Seit ich Präsident der Stiftung geworden bin, haben solche Begegnungen sogar zugenommen. Auch ich habe mir diese Frage oft gestellt: Warum interessiert sich ein junger Mensch des 21. Jahrhunderts für Ratzinger?

Warum ist das so?

Zunächst einmal, weil die Sehnsucht nach Spiritualität immer größer wird. Nach einem säkularisierten Westen entsteht gewissermaßen ein neuer säkularisierter Westen, in dem das Spirituelle wieder an Bedeutung gewinnt und viele Menschen sich der christlichen Erfahrung zuwenden.

Während seines ganzen Lebens ist er schwierigen Fragen ja nicht ausgewichen…

Ratzinger weckt Interesse, weil er Antworten auf Fragen gibt. Während seines ganzen Lebens ist  er den schwierigen Fragen nicht ausgewichen. Er hat Stellung bezogen und dadurch sowohl Zustimmung als auch Ablehnung hervorgerufen. Außerdem konnte Ratzinger auf einfache Weise kommunizieren. Wie die Kirchenväter verstand er es, selbst komplexe theologische Wahrheiten so auszudrücken, dass sie für sein Gegenüber unmittelbar verständlich wurden. Deshalb lesen heute nicht nur Studierende der Theologie Ratzinger. Sein Werk Einführung in das Christentum wird in zahlreichen Studiengängen verwendet und ist in viele Dutzend Sprachen übersetzt worden. Auch Studierende anderer Fachrichtungen greifen zu seinen Werken, um sich geistig und theologisch weiterzubilden.

Wir können auch beobachten, dass Papst Leo XIV. Benedikt mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und vielleicht sogar mit einer geistigen Verbundenheit zitiert. Wo sehen Sie den roten Faden?

Ihre Frage benennt meines Erachtens bereits diesen roten Faden: eine Freundschaft im Denken. Das ist für mich zentral, weil beide eine gemeinsame Quelle haben: den heiligen Augustinus. Papst Leo als Sohn des Augustinus und Papst Benedikt als dessen geistiger Bruder – gewissermaßen Sohn und Bruder zugleich. Daher teilen beide einen kulturellen Hintergrund und eine bestimmte Weise, sich dem Menschen, der Theologie und auch der Politik zu nähern. In diesem Sinne gibt es viele Gemeinsamkeiten.

Mit etwas zeitlichem Abstand können wir heute mit Fug und Recht feststellen, dass das Verhältnis zwischen Papst Benedikt und der deutschen Kirche nicht immer einfach war. Was könnte die deutsche Kirche heute von seinem Pontifikat lernen?

Ratzinger war Deutschland, insbesondere Bayern, sehr verbunden. Selbst in seinem Testament verweist er auf seine Heimat. Obwohl er etwa vierzig Jahre in Rom lebte und gewissermaßen ein echter Römer hätte werden können, blieb seine kulturelle, geistliche und existenzielle Verbindung zu Bayern bis zuletzt grundlegend. Er war dieser Kirche eng verbunden, doch kam es immer wieder zu Missverständnissen zwischen ihm und ihr. Seine Antwort auf manche Krisen der deutschen Kirche bestand darin, stets auf den geistlichen Horizont hinzuweisen und die Kirche an ihre geistliche Sendung zu erinnern. Die Ratzinger'sche Lösung wäre also, immer stärker auf die Berufung zur Heiligkeit zu schauen, damit die Kirche auch heute eine bedeutende und glaubwürdige Kirche sein kann.

Man hört, dass möglicherweise – vielleicht ist es noch etwas früh – in Betracht gezogen wird, einen Seligsprechungsprozess für Benedikt XVI. in Gang zu setzen…

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Deshalb stelle ich fest, dass das gläubige Volk Gottes diese Frage auf allen Ebenen stellt – von den Gläubigen über die Geistlichen bis hin zu den Bischöfen. Es gibt dieses weitverbreitete Interesse. Nach dem Kirchenrecht kann jedoch vor Ablauf von fünf Jahren nach dem Tod nichts unternommen werden. Bis zum 31. Dezember 2027 sind daher die kanonischen Voraussetzungen für die Einleitung eines Verfahrens nicht gegeben. Ab dem 1. Januar 2028 können diejenigen, die daran interessiert sind, einen entsprechenden Antrag stellen.

Und was können Sie aktuell dazu sagen?

Was die aktuelle Situation betrifft, kann ich sagen, dass bei der Stiftung bereits Berichte über empfangene Gnaden eingegangen sind, die der Fürsprache Ratzingers zugeschrieben werden. Außerdem erhalten wir zunehmend Anfragen, die Einführung eines Seligsprechungsverfahrens zu unterstützen. Es handelt sich um einen weitverbreiteten Wunsch. Diejenigen, die dafür Verantwortung tragen wollen, werden sich zu gegebener Zeit damit befassen müssen.“

Die Fragen an Don Roberto Regoli stellte Christine Seuss bei einem Journalistengespräch.

Vatican News

(sig)



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