Gläubige beten am Grab im vietnamesischen Tac Say Pilgrimage Center

Der Hirte, der vor der Gewalt nicht floh

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 9. Juli 2026

Die erste Seligsprechung in Vietnam gilt einem Priester und Märtyrer, der auch in Todesgefahr bei seiner Herde blieb. Seit vielen Jahren wird er im Mekongdelta und darüber hinaus verehrt. Pater Diệp wird auch von Menschen verehrt, die keine Christen sind.

Der vietnamesische Priester und Märtyrer Pater Francis Xavier Trương Bửu Diệp wurde am 2. Juli 2026 im Tắc Sậy Pilgrimage Center in der Diözese Cần Thơ im Süden Vietnams seliggesprochen. Luis Antonio Kardinal Tagle, Pro-Präfekt des Dikasteriums für Evangelisierung, leitete die Feier als Vertreter von Papst Leo XIV. Rund 70.000 Menschen, darunter auch viele Nichtkatholiken, waren zu der Feier gekommen. Es war die erste Seligsprechungsfeier auf vietnamesischem Boden. Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubige aus vielen Teilen des Landes waren anwesend. Auch Menschen anderer Religionen verfolgten das katholische Ritual. 

Die katholische Kirche ist in Vietnam eine Minderheit. Sie kennt Beschränkung, staatliche Kontrolle und politische Konflikte. Zugleich ist sie lebendig, jung, fromm und tief in den Familien verankert. Vietnam steht im Weltverfolgungsindex 2026 von Open Doors unter den 50 Ländern, in denen Christen besonders stark unter Druck stehen. Open Doors beschreibt für Vietnam vor allem staatliche Kontrolle, Überwachung, bürokratische Einschränkungen und Druck auf nicht registrierte christliche Gruppen.

Erste Seligsprechung in Vietnam

Die Seligsprechung auf vietnamesischem Boden ist daher mehr als nur ein liturgisches Highlight. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche in diesem Land Wurzeln geschlagen hat und mit ihrer eigenen Geschichte sichtbar wird. Vietnamesische Märtyrer, Priester, Mütter, Pilger und die Armen zeigen eine geistliche Topografie. Die katholische Kirche ist in Vietnam offiziell präsent. Sie hat Bischöfe, Pfarreien, Wallfahrtsorte und öffentliche Feiern. Die Seligsprechung von Pater Trương Bửu Diệp am 2. Juli 2026 mit Zehntausenden Gläubigen zeigt, dass katholisches Leben sichtbar möglich ist. Zugleich bleibt die Kirche in einem kommunistischen Einparteienstaat tätig, in dem Religionsgemeinschaften registriert, kontrolliert und politisch misstrauisch beobachtet werden.

Pater Francis Xavier Trương Bửu Diệp, oft einfach Cha Diệp genannt, wurde am 1. Januar 1897 in der heutigen Provinz An Giang im Süden Vietnams geboren. Bereits mit 12 Jahren wurde er Mönch. Er studierte im Priesterseminar von Phnom Penh in Kambodscha und wurde 1924 zum Priester geweiht. Nach seiner Rückkehr wirkte er zunächst in der Ausbildung und Seelsorge, später wurde er Pfarrer von Tắc Sậy im Mekongdelta, wo er über viele Jahre Gemeinden aufbaute und besonders den Armen nahe war. Die Gestalt dieses Priesters berührt die Herzen der Menschen offenbar über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus. Heiligkeit spricht hier eine Sprache, die auch dann verstanden wird, wenn man sich zu einem anderen Glauben bekennt.

Der Hirte der Armen

In den unruhigen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er trotz wachsender Gewalt bei seiner Gemeinde. Im März 1946 wurde er zusammen mit Gläubigen festgenommen. Der Überlieferung nach hätte er fliehen können, entschied sich aber, bei seinen Leuten zu bleiben und sein Leben für sie hinzugeben. Am 12. März 1946 wurde er getötet. Seit Jahrzehnten wird er in Tắc Sậy, dem Ort seines Wirkens verehrt. Beachtlich ist, dass er auch von vielen Nichtkatholiken geehrt wird. Sein Name ist in Vietnam seit Jahrzehnten mit dem Ruf eines Hirten der Armen verbunden. 

Die Kirche spricht im Rahmen seiner Seligsprechung von einem Martyrium. Ein Märtyrer ist ein Zeuge, der mit seinem Leben für Christus einsteht. Darum war für die Seligsprechung kein Wunder nötig. Cha Diệp verkörperte mit seinem Leben und Sterben den Satz aus dem Johannesevangelium, dass der gute Hirte sein Leben für die Schafe gibt. Dieser Satz des Herrn bekam durch ihn er in Tắc Sậy ein Gesicht und einen Namen. Diese Seligsprechung im fernen Osten kann auch der westlichen Kirche ein Beispiel sein. In Europa und Nordamerika wird in der Kirche viel über Strukturen, Zuständigkeiten, Leitung, Partizipation und Zukunftsmodelle gesprochen. Cha Diệp erinnert daran, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche immer an ganz konkreten Menschen hängt, die im Ernstfall mit ihrem Leben für Christus einstehen. 

Zeuge in einer verwirrten Welt

Pater Diệp ist dadurch kein romantischer Held. Seine Geschichte passt nicht als Schmuck in die Vitrine der frommen Legenden. Dazu ist die Story viel zu handfest in die blutige und unübersichtliche Geschichte des Krieges in Vietnam verflochten. Das 20. Jahrhundert in Indochina war geprägt von Kolonialherrschaft, Krieg, von Ideologien, Umbrüchen, Vertreibung und Angst. Kriege treffen immer die Kleinen und Schwachen am stärksten. Pater Diệp blieb dort, wo Gott ihn hingestellt hatte, an der Seite seiner Brüder und Schwestern. Das Zeugnis wurde verstanden.

Seit Jahrzehnten pilgern Gläubige zu seinem Grab. Sie bitten ihn um seine Fürsprache. Berichte erzählen von Hilfe, Trost und von Gebetserhörungen. Auch Nichtkatholiken finden den Weg nach Tắc Sậy. Das ist in Asien nichts Ungewöhnliches. Religionen leben hier im Alltag oft nahe nebeneinander. Da kann die Heiligkeit eines konkreten Menschen Brücken bauen. Menschen in Not fragen, ob einer bei ihnen ist, ob er nahe ist, ob er geholfen hat, ob er ihr Leid verstand. Kardinal Tagle deutete in seiner Predigt den neuen Seligen als Zeugen, der einer verwirrten Welt hilft, die Wahrheit Jesu wiederzufinden. Diese Wahrheit ist nicht bloß eine Lehre, die man korrekt ausformuliert. Sie ist Begegnung mit einem konkreten Menschen, der Christus sichtbar macht. Sie ist Liebe, die sich hingibt. Wo diese Liebe sichtbar wird, da beginnt Evangelisierung.

Das Muster des Kreuzes

Die große Zahl der Teilnehmer zeigt die geistliche Kraft der lebendigen Erinnerung. Achtzig Jahre nach seinem Tod kamen die Menschen in Hitze und Enge eines großen Festes zusammen. Moderne Gesellschaften vergessen schnell. Sie produzieren pausenlos neue Aufregungen. Die Kirche lebt anders. Sie erinnert. Sie trägt die Geschichten konkreter Menschen über Generationen, weil ihr Leben in Christus fruchtbar geworden ist. In der Seligsprechung sagt sie, dass diese Erinnerung nicht nur privat ist, sondern dass sie zur ganzen Kirche gehört.

Pater Diệp wird nun als Seliger verehrt. Für die Gläubigen in Vietnam wird sein Grab ein Ort des Gebets bleiben. Die Verehrung ist nun offiziell. Cha Diệp ist zur Ehre der Altäre erhoben. Und vielleicht liegt die eigentliche Botschaft dieser Seligsprechung darin, dass die Kirche nicht einen Sieger nach Maßstäben feiert. Sie feiert einen Getöteten. Einen, der äußerlich verlor. Einen, der der Gewalt nicht entkam. Einen, der keine Macht hatte, seine Leute zu schützen, außer durch die letzte Solidarität seines Bleibens. Für Christen ist das kein Scheitern. Es ist das Muster des Kreuzes. Der Hirte, der nicht floh, wurde zwar getötet, doch sein Zeugnis starb nicht. Cha Diệp war und ist weiter für die Menschen in Vietnam da, über Jahrzehnte, über Grenzen hinweg, über Konfessionen hinaus, und nun auch als Seliger der Kirche. Auch wer kein Vietnamese ist, darf sich an ihn wenden: Seliger Cha Diệp, bitte für uns.

 

Text: Peter Winnemöller

(kw)



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