odysseus aus der griechischem mythologie auf einem großen segelschiff auf see

Christliche Werte im Film „Die Odyssee“

Die goldene Regel und die Streitkultur


Regensburg, 1. September 2026

Manche Filme lassen einen nach dem Anschauen nicht mehr los. Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee ist so einer: Er stellt moralische Fragen, die einen noch lange danach zum Nachdenken bringen – vor allem, wie diese mit christlichen Werten in Verbindung stehen.

Ein Motiv war besonders interessant und zieht sich wie ein roter Faden durch den fast dreistündigen Film: „Zeus Gesetz“ wird immer wieder genannt und nimmt maßgeblichen Einfluss auf die gesamte Handlung. Der eigentliche Name dieser Regel in der griechischen Mythologie ist „Xenia“. Sie verpflichtet jeden Menschen grundsätzlich zu bedingungsloser Gastfreundschaft und zu Respekt Fremden gegenüber. Der Regisseur Christopher Nolan erklärt das Gesetz vereinfacht als griechisches Pendant zu unserer „goldenen Regel“. Wir Christen kennen diese aus der Bergpredigt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) Die Bibel stellt mit der goldenen Regel einen grundlegenden moralischen Kompass zur Verfügung. In Nolans Film geht es allen Charakteren, die diese Regel brechen, früher oder später schlecht. Der Regisseur erklärt in einem Interview der BBC, dass er die goldene Regel als zentrales Motiv gewählt habe, weil sie damals wie heute als Rückgrat der Gesellschaft diene. Zu der Zeit, in der die Odyssee spielt, hätte man nicht überleben können, ohne sich auf sie als moralisches Grundprinzip verlassen zu können. Dass die Regel heute genauso wichtig ist, würde Homers Geschichte immer noch so nachvollziehbar und relevant machen.

Moralische Verantwortung beginnt im Kleinen

Die Tagesschau trägt in einem Artikel über die Odyssee einige Stimmen zusammen, die den Film und vor allem das Xenia-Motiv darin als Bezug auf internationale Politik interpretieren: Der Blick fällt auf Russland, China und Donald Trump, diese würden die Regel in der Gegenwart brechen. Es ist wichtig, politische Aktionen auch aus moralischer Perspektive im Auge zu behalten. Dass bestimmte Handlungen aus christlicher Sicht untragbar sind, ist unbestreitbar. Aber gerade in Zeiten, in denen es leichtfällt, weltpolitische Akteure moralisch zu verurteilen, fällt es umso schwerer, die Bergpredigt zu beachten: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Mt 7,3) Die goldene Regel ist uns nicht gegeben, um den moralischen Zeigefinger gegen „die da oben“ zu richten, sondern um uns selbst den Spiegel vorzuhalten. Moralische Verantwortung beginnt nicht auf globaler Ebene, sondern im Kleinen, von Mensch zu Mensch.

Nachhaltig gelebte Demokratie

Politische Fehlentwicklungen entstehen zu großen Teilen dann, wenn Wahlentscheidungen nicht im Diskurs, sondern in Blasen getroffen werden, also in Echokammern, in denen jede Meinung Zuspruch findet, egal ob sinnvoll oder nicht. Xenia verpflichtet zum Beispiel explizit dazu, einem Gast erst Fragen zu stellen, nachdem man ihm zu Essen gegeben hat: Die Regel verbietet Vorurteile. Wer also die Regel befolgt, nimmt auch Andersartige ohne Vorurteile und mit Nächstenliebe auf. Damals vielleicht ein zwielichtiger Bettler, heute der Onkel, dessen politische Einstellung einen ärgert. Tatsächlich kann auch nur so wirkliche Demokratie gelebt werden: Wer jemandem mit einer anderen politischen Meinung den respektvollen Diskurs verwehrt und lieber mit Gleichgesinnten redet, schubst nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber zurück in die Echokammer. Die goldene Regel ist also eine wichtige Bedingung für nachhaltig gelebte Demokratie. Wenn sie im Kleinen gelebt wird, kann sie der gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken und so auch politischen Effekt haben. Dass ein Film wie die Odyssee, der so viele Menschen erreicht, so direkt an dieses moralische Grundprinzip erinnert, ist eine große Chance. Aber es ist eine Chance, die jeder für sich selbst nutzen muss. 


Text: Raphael Frauendienst/Young Faith

(kw)

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Gedankenstrich ist ein neues Format von Young Faith, in dem abwechselnd vier junge Leute Texte zu aktuellen Themen verfassen, die sie beschäftigen. Raphael Frauendienst aus Regensburg hat dieses Jahr sein Abitur bei den Regensburger Domspatzen absolviert. Nun beginnt er ein Freiwilliges Soziales Jahr.



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