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Zur Neuigkeit
Bonaventura: Kardinalbischof und Kirchenlehrer
Als Giovanni di Fidanza wurde Bonaventura geboren. Er war der Sohn eines Arztes. Als Kind erkrankte er schwer, doch er wurde geheilt, nachdem seine Mutter ihn zu Franziskus von Assisi gebracht und der ihn gesegnet hatte. Als Franziskus 1226 im Sterben lag, besuchte ihn die Mutter mit dem nunmehr ganz gesunden Kind abermals; Franziskus rief über dem Kind aus: "oh buona ventura", “oh gute Fügung”! Ds wurde später zum Ordensnamen von Giovanni.
1236 ging Giovanni an die Universitas magistrorum et scholarium - den Vorläufer der Universität Sorbonne - nach Paris, wo er bis 1242 zunächst die allgemeinen Wissenschaften studierte. 1243, vielleicht auch schon vor Beginn seines Studiums, trat er unter dem Namen Bonaventura im damaligen Konvent des Cordeliers - heute ein medizinisches Institut der Universität Sorbonne - in Paris dem Franziskaner-Minoritenorden bei, setzte dort seine Studien nun in der Theologie fort bis zum Jahr 1254. 1256 promovierte Bonaventura in Philosophie und Theologie. 1257 wurde er zusammen mit Thomas von Aquin Professor der Theologie am Pariser Institut für arme Theologiestudenten, das zur Universität Sorbonne wurde.
Bonaventura wurde in den 1252 aufgebrochenen Streit zwischen der sogenannten "Professorenpartei" der Pariser Universität und den "Mendikantenorden", den Bettelorden, hineingezogen und wurde neben seinem Mitbruder Johannes Pecham und Thomas von Aquin der bedeutendste Verteidiger der neuen Orden. Ursache der Auseinandersetzung war die Neuartigkeit der Bettelorden: Bis ins 13. Jahrhundert kannte die abendländische Kirche auf der einen Seite die von ihrer Dotation lebenden Seelsorger, auf der anderen Mönchsorden, in denen der einzelne besitzlos lebte, aber durch sein Kloster abgesichert war. Die neuen Orden waren aber auch als Gemeinschaft nicht durch Besitz gesichert, sondern auf die Almosen der Bevölkerung angewiesen. Sie praktizierten eine nicht am Pfarrprinzip orientierte Seelsorge, sondern waren überregional organisiert und stärkten so die päpstliche Zentralgewalt gegenüber den Ortsbischöfen. An der Pariser Universität beanspruchten diese Mendikanten nun auch Magisterstellen; die Professorenpartei argumentierte, dass die Lebensform der Mendikanten sich zu Unrecht auf das Evangelium berufe.
Bonaventura hielt dagegen. Gott lenke erstens die Kirchengeschichte so, dass jeder Herausforderung einer neuen Epoche eine neue Antwort entspricht: die Bettelorden seien die Antwort auf die Gefahr des Reichtums, die die Wirtschaftsentwicklung damals mit sich brachte. Die Glieder am Leib Christi ergänzten sich zweitens; deshalb dürfen die Bettelorden ihre Mitchristen materiell belasten, da sie ihnen in ihrer Seelsorge auch viel geben. Drittens nannte er die Armut, das Verlassen der Sicherheit der Ständeordnung. Diese sei der eigentliche Erscheinungsort Gottes; der Mensch soll arm sein, damit er von Gottes Reichtum erfüllt werde.
Ein Erfolg der Mendikanten in der ersten Phase des Streites war 1255 die Bulle von Papst Alexander IV. Quasi lignum vitae, Wie der Baum des Lebens, durch die ihnen Lehrstühle an der Pariser Universität zugesprochen wurden. Während dieser Zeit schrieb Bonaventura seinen Sentenzenkommentar und beschäftigte sich, wie auch Thomas von Aquin, mit der Aufnahme aristotelischen Gedankengutes in die theologische Tradition des Augustinus. Bonaventuras Kommentar der Sentenzen des Petrus Lombardus gilt als die reichhaltigste und bedeutendste Auslegung der Theologie der Kirchenväter im Mittelalter.
Als Bonaventura Magister in Pisa war - die Universität wurde dort erst 1343 offiziell gegründet, zu seiner Zeit gab es einzelne Gelehrte, um die sich Schüler sammelten - habe ihn Thomas von Aquin besucht und gefragt, wo seine Bibliothek sei, aus der er sich so große Kenntnisse und Beredsamkeit erworben habe. Bonaventura zog einen Vorhang zurück und deutete auf den gekreuzigten Christus. Seine demütige Bescheidenheit veranlasste ihn lange Zeit, nicht an der Eucharistie teilzunehmen, bis sie ihm angeblich von einem Engel gereicht wurde.
Nachdem Bonaventura 1257 seinem langjährigen Freund und Förderer, dem Ordensgeneral Johannes von Parma in Città della Pieve bei Perugia wegen dessen Sympathie zu den Vorstellungen von Joachim von Fiore den Prozess gemacht und seine Verurteilung bewirkt hatte, wurde Bonaventura als dessen Nachfolger zum Ordensgeneral der Franziskaner gewählt; er leitete den Orden vom damaligen Konvent des Cordeliers in Paris aus. Die Auseinandersetzung um den "Joachimismus" begleitete ihn weiter: Joachim von Fiore hatte viele Anhänger im Franziskanerorden, da viele in Franziskus den von Joachim prophezeiten Künder des neuen, vom Heiligen Geist geprägten Zeitalters sahen. In der Auseinandersetzung mit dem Joachimismus lehnte Bonaventura die Lehre eines "dritten Zeitalters des Heiligen Geistes" ab, da Christus die Erfüllung der Zeit gebracht habe; er griff aber den Gedanken einer Periodisierung der Geschichte auf.
Die aufgebrochene innere Spaltung des Franziskanerordens, bedingt durch die Frage, wie streng der Orden die von Franziskus geforderte Verpflichtung zur Armut befolgen müsse, konnte Bonaventura überwinden durch Generalstatuten, die die Franziskusregel auf die veränderten Zeitverhältnisse hin aktualisierten. Ähnlich wichtig waren die zwei von ihm verfassten Lebensgeschichten des Franziskus, die er schrieb, um die Differenzen im Verständnis der Botschaft von Franziskus auszugleichen. Es gelang Bonaventura, den durch Streitigkeiten zerrissenen Orden vor dem Zerfall zu bewahren, was ihm den Ruf eines "zweiten Stifters des Franziskanerordens" eintrug. Auch die Einführung des "Ave Maria" zur Vesper wird ihm zugeschrieben.
Der Ehrentitel "Doctor devotus" kennzeichnet Bonaventuras aufopferungsvolle Arbeit für den Orden; seine große Bedeutung als Theologe zeigt der Ehrentitel "Doctor seraphicus". Wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin suchte auch er Vernunft und Glauben miteinander in Einklang zu bringen. Er akzeptierte den größten Teil der aristotelischen Philosophie, lehnte aber deren Metaphysik als unzulänglich ab, da sich Aristoteles nicht vom Licht des christlichen Glaubens leiten ließ. Die Lehre von der Erleuchtung des menschlichen Geistes durch das Göttliche übernahm Bonaventura von Augustinus. Bonaventuras Werk "Reise des Geistes zu Gott" von 1259 sowie seine kurzen mystischen Abhandlungen spiegeln seine Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Seele wider, Gott zu erkennen und mit ihm eins zu werden. Dreh- und Angelpunkt seines Denkens und Glaubens war die Bibel als Quelle der Gotteserkenntnis, "ein Garten, in dem wir Nahrung finden", "das Herz Gottes", "Mund, Zunge und Griffel Gottes". Seiner Meinung nach solle man aber "nicht zu viel philosophisches Wasser in den Wein der Heiligen Schrift gießen". Papst Leo XIII. nannte Bonaventura "Fürst aller Mystiker".
Bonaventura arbeitete nun mit an der Vorbereitung des 2. Konzils von Lyon, das den Bruch mit der Ostkirche kitten sollte. Er wiurde vom Papst zusammen mit anderen Bischöfen zum griechischen Kaiser geschickt, um diesen zum lateinischen Ritus zurückzuführen. Bonaventura leitete das Konzil in Lyon vom Beginn im Mai 1274 bis zu seinem Tod im Juli; tatsächlich gelang die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der Ostkirche für einige Zeit.
Bonaventura starb noch vor Beendigung des Konzils in Lyon und wurde in der dortigen Kirche der Franziskaner bestattet, die heute seinen Namen trägt. Seine Reliquien wurden in dieser Kirche aufbewahrt, sind aber teilweise bei einem Brand zerstört worden, teilweise verschollen; diese Kirche wurde wie das Franziskanerkloster 1790 in der Französischen Revolution geschlossen und bis 1806 als Getreidelager genutzt, dann wurde die Kirche wieder hergestellt. Die Nikolaus-Basilika seiner Heimatstadt Bagnoregio erhielt zuvor noch eine Armreliquie.
Papst Leo XIII. würdigte Bonaventura als den Fürsten unter den Mystikern. Papst Benedikt XVI. sagte 2010 über Bonaventura, der Thema seiner Habilitationsarbeit war, in einer Katechese: Er lebte im 13. Jahrhundert, einem Zeitalter, in dem der christliche Glaube zutiefst in die Kultur und Gesellschaft Europas eingedrungen war und so im Bereich der Literatur, der Kunst, der Philosophie und Theologie unvergängliche Werke inspirierte. Unter den christlichen Gestalten, die zum Zustandekommen dieser Harmonie zwischen Glaube und Kultur beigetragen haben, tritt eben Bonaventura hervor, ein Mann des Handelns und der Kontemplation von großer Frömmigkeit und Klugheit in der Leitung.
Text: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon
(sig)