News Bild Vor 75 Jahren begannen die „Transporte“ von Regensburg nach Hartheim – Gedenken des Bezirks an die Morde an behinderten und psychisch kranken Menschen

Vor 75 Jahren begannen die „Transporte“ von Regensburg nach Hartheim – Gedenken des Bezirks an die Morde an behinderten und psychisch kranken Menschen

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Bischof Rudolf thematisiert in seiner Ansprache die aktuelle Debatte um Sterbehilfe: Lesen Sie den genauen Wortlaut der Ansprache von Bischof Rudolf Voderholzer nach.

 

Es herrschte eine traurige Stimmung, die allen vor Augen stellte: nie wieder! Exakt 75 Jahre sind vergangen, seitdem der erste „T4-Sammeltransport“ von der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt zur Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ging. In der Krankenhauskirche St. Vitus fand die offizielle Gedenkfeier des Bezirks Oberpfalz „Erinnern. Nicht vergessen.“ statt, an der Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, der evangelisch-lutherische Dekan Eckhard Herrmann sowie die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg, Ilse Danziger, sowie zahlreiche Personen aus der Politik und Verantwortliche und Mitarbeiter aus der psychiatrischen Arbeit teilnahmen. Die Reichenbacher Klosterspatzen sorgten mit ihrem Gesang für eine wirklich beeindruckende musikalische Umrahmung. Sie sangen die Lieder „Meine Zeit steht in deinen Händen“, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ und „Halte zu mir, guter Gott“.

 

642 Menschen wurden ab Regensburg nach Hartheim verbracht

Sechs Mal rollten die Transporte der „Krankenmordaktion“ von Regensburg nach Oberösterreich: vom 4. November 1940 bis zum 5. August 1941, wie Bezirkstagspräsident Franz Löffler in seiner Rede sagte. 642 Menschen wurden damals ab Regensburg nach Hartheim verbracht, von denen 284 Personen aus anderen Einrichtungen in Straubing, Münchshofen bei Straubing sowie Reichenbach stammten: „Die gesamte Belegschaft wurde so zu Mittätern, wenn auch Ärzte von Karthaus in Einzelfällen Patienten durch rasche Entlassungen vor den drohenden Abtransporten gerettet haben.“

 

Den Blick schärfen, um ähnliches zu verhindern

Bezirkstagspräsident Löffler sagte weiter, der sich regende Widerstand bei Angehörigen der Betroffenen, bei einzelnen Mitarbeitern von Pflegeanstalten und prominenten Kirchenvertretern habe im öffentlichen Protest des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen gegipfelt.
Nach Frau Ilse Danziger, die einzelne Schicksale von im Zuge der „Aktion“ ermordeten Juden schilderte, sprach Bischof Dr. Voderholzer, der sich insbesondere für die Organisation des Gedenkens bedankte. Er forderte dazu auf, „den Blick zu schärfen, um ähnliches zu verhindern“. Wie Bezirkstagspräsident Löffler verwies auch der Bischof auf das Zeugnis Clemens August von Galens, der der lauteste Ankläger unter den deutschen Bischöfen war. Mit deutlichen Worten stellte der Bischof von Münster in Frage, dass „unproduktive Volksgenossen lebensunwert“ geworden seien und sterben müssten, weil ein Amt so urteile oder eine Kommission ein entsprechendes „Gutachten“ vertrete, erinnerte Dr. Voderholzer. Bischof von Galen: „Bei diesen Menschen handelt es sich doch nicht um Maschinen.“

 

Es kann zu einer pränatalen Selektion kommen

Außerdem wollte Dr. Voderholzer seine Sorge nicht verhehlen, dass es in Verbindung mit der Abtreibungsgesetzgebung zu einer pränatalen Selektion kommen kann. Im Falle der Legalisierung des „assistierten Suizids“, kritisierte das Oberhaupt der Diözese Regensburg, würde erheblicher Druck auf alte und pflegebedürftige Menschen ausgeübt, „von solchen Angeboten auch Gebrauch zu machen“. Bischof Voderholzer verwies auf Kardinal Karl Lehmann, demzufolge das Prinzip der Selbstbestimmung in eine Fremdbestimmung durch eine lebensfeindliche Umgebung umschlagen könnte. Statt Hilfe zum Suizid zu leisten sei es vielmehr angezeigt, Hilfe zum Leben zu geben. Menschen hätten Angst vor Schmerzen sowie vor dem Alleinsein.

 

Kranzniederlegung an der Gedenktafel

Im Anschluss an das Gedenken „Erinnerung. Nicht vergessen.“ in der Klosterkirche St. Vitus fand eine Kranzniederlegung an der Gedenktafel im Kirchhof von St. Vitus statt.



Zum Kommentar „Der Hardliner“ in der Mittelbayerischen Zeitung vom 05. November 2015

 

Leserbrief des Krankenhausseelsorgers am Bezirksklinikum in Regensburg 

Anlässlich der Gedenkfeier am 4. November 2015 in der Krankenhauskirche St. Vitus in der durch den Bezirk Oberpfalz und die medbo an die Opfer der sogenannten „T4“-Krankenmorde in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll, heute Bezirksklinikum Regensburg, gedacht und erinnert wurde, hielt neben weiteren Rednern auch der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer eine Ansprache.

MZ-Redakteur Pascal Durain erhebt dazu in seinem Kommentar „Der Hardliner“ einen der schwersten Vorwürfe, den man einem Redner bei solch einer Gedenkveranstaltung für 641 ermordete Patientinnen und Patienten machen kann:

„Umso beschämender ist es, … dass ihr Leid von einem Hardliner wie Bischof Voderholzer dazu benutzt wurde, um gegen Abtreibung oder pränatale Diagnostik Stimmung zu machen.“

Bei der Wucht dieses Vorwurfs fällt Sachlichkeit schwer – und doch ist nur sie dem Thema angemessen: Tatsache ist, dass Bischof Voderholzer in seiner Rede in keiner Weise das Leid der Ermordeten auch nur in irgendeiner Form relativiert oder benutzt hat. Bischof Voderholzer hat auch keine Stimmung gemacht.

Im Gegenteil: Ausdrücklich verweist der Bischof darauf, dass er unsere Gegenwart nicht im Ansatz mit der Zeit des Nationalsozialismus vergleichen will. Der Bischof ehrt die ermordeten Menschen gerade auch dadurch, dass er nicht stehen bleibt beim Gedenken, sondern auch den Blick „schärfen“ will „für die Gegenwart, damit wir Lehren ziehen und verhindern können, dass sich Ähnliches wiederholt.“

Allerdings: Im Rückblick auf die größte Katastrophe und auf das größte Versagen unseres Landes aktuelle Sorgen und Befürchtungen, den Schutz des menschlichen Lebens betreffend, auszusprechen - ohne dabei freilich das Leid der Toten zu relativieren - muss nicht nur erlaubt sein, sondern ist die Pflicht eines jeden Menschen, der Gefahren sieht, erst recht eines jeden Christen.

Dass Bischof Rudolf Voderholzer dies tut, hat nichts mit Stimmungsmache zu tun. Es ist schlicht seine Aufgabe. Er regt aktuell zum Nachdenken an, und das denke ich ist auch Sinn der Sache. 

Die Rede - wie auch der gesamte Besuch von Bischof Rudolf - war in sich stimmig: Er gedachte der Ermordeten und äußerte seine Sorgen zu wichtigen Fragestellungen und Problemen der Zukunft. 

Es lohnt, die Rede des Bischofs auf der Homepage der Diözese Regensburg im Wortlaut nach zu lesen um sich selbst eine Meinung zu bilden. Und es lohnt, sich über das was er sagt Gedanken zu machen; ohne Polemik und ohne Vorurteil.

Diakon Harald Wieder,
Katholischer Krankenhausseelsorger am Bezirksklinikum Regensburg

 

Bischof Rudolf Voderholzer: "Wir dürfen nicht schweigen" 

In seiner Predigt anlässlich des Gebetstags um Geistliche Berufe legte Bischof Rudolf Voderholzer seine Argumentation bei der Gedenkveranstaltung im Bezirksklinikum nochmals dar. Er ging auch auf den Kommentar "Der Hardliner" in der Mittelbayerischen Zeitung vom 5. November 2015 ein:


"(...)
Der Hirtendienst Jesu kostet sein Blut, das heißt er fordert den ganzen Einsatz, und er hinterlässt Spuren, aber er mündet in die große Freude des Himmels.
Liebe Schwestern und Brüder, auch der Hirtendienst in der Kirche in der Nachfolge Jesu kann riskant sein, führt auf dorniges Gelände und trägt einem mitunter Attacken ein, die verletzen können. Und doch ist er wichtig und notwendig.

Sie haben es vielleicht in der Zeitung gelesen. Gestern jährte es sich zum 75. Mal, dass im Zuge des – euphemistisch – „Euthanasie“ genannten Vernichtungsprogramms der Nationalsozialisten erstmals psychisch Kranke auch aus dem Bezirksklinikum Regensburg abtransportiert, nach Hartheim bei Linz gebracht und dort umgehend durch Vergasung ermordet wurden.

Ein wahrlich dunkles Kapitel in der Geschichte auch dieser unserer Einrichtung in Regensburg. Der Bezirk als Träger veranstaltete eine Gedenkfeier, zu der ich auch geladen war mit der Bitte um einen Beitrag. Da es immerhin die außerordentlich mutigen Predigten des Bischofs von Münster, des mittlerweile selig gesprochenen Clemens August Graf von Galen waren, die schließlich zu einem vorübergehenden Stopp dieser Ermordungs-Aktionen in ganz Deutschland führten, habe ich auch auf ihn hingewiesen.

Von Galen legte in seiner Predigt vom 3. August 1941 den Finger in die Wunde, wenn er sagte, diese Menschen seien doch unsere Mitmenschen, Schwestern und Brüder, und nur weil sie vielleicht unproduktiv sind und unsere Zuwendung brauchen, Arbeitskraft binden, die für den Krieg gebraucht wird, und Lebensmittel essen, die andere brauchen, kann man sie doch nicht einfach umbringen. Ein wahrhaft dunkles Kapitel der Geschichte.

Um bei diesem Gedenken gestern aber nicht nur rückwärtsgewandt zu bleiben, sprach ich offen von meinen Sorgen im Blick auf manche Tendenzen in der Gegenwart, wo ich ähnliche Denkmuster auch entdecke, ohne dass ich unsere Gegenwart jetzt mit der Zeit des Dritten Reiches vergleichen möchte.
Ich habe davon gesprochen, dass es heute durch die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Untersuchung von Embryonen und eine entsprechende Abtreibungsgesetzgebung doch auch eine Selektion von vermeintlich „lebensunwertem“ Leben gebe.

Und auf die aktuellen Debatten im Bundestag Bezug nehmend habe ich unterstrichen, dass es unbedingt dabei bleiben muss, dass aktive Tötung, aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid ein Tabu bleiben, damit nicht der Druck auf alte und pflegebedürftige Menschen unerträglich anwächst, von den gesetzlichen Möglichkeiten doch auch Gebrauch zu machen und sich den Angehörigen zu „ersparen“. Der Diözesanadministrator von Limburg, Weihbischof Grothe, hat es so formuliert: Kein Mensch darf in die Situation gebracht werden, dass er sich rechtfertigen muss, wenn er leben will, auch wenn es vielleicht mit Aufwand und Mühe verbunden ist.

Für diese meine Aktualisierung der Problematik von damals hat mich der Kommentator der Mittelbayerischen Zeitung schwer gescholten. Er bezeichnet meine Aussagen als beschämend. Sie zeigten mich als „hardliner“.

Argumente bleibt er freilich schuldig.

Es ist aber eine Tatsache. In der „Zeit“ und in der „Welt“ war es vor kurzem zu lesen: Neun von zehn Kindern mit Trisomie 21, genannt „Down-Syndrom“, erblicken nicht das Licht der Welt, weil sie zuvor abgetrieben werden.

Ich weiß von nicht wenigen Eltern, die nach einem problematischen Ergebnis der Pränataldiagnostik unter Druck gesetzt werden, das Kind abtreiben zu lassen. Keine Frau macht ihren Leib gerne zum Ort des Todes ihres Kindes. Und ich weiß auch um die Tränen von Müttern, die diesem Druck nicht standgehalten haben und sich dann ein Leben lang Vorwürfe machen, dass sie ihr Kind in dem Stadium, wo es am meisten ihres Schutzes bedurft hatte, dem Messer oder der Absaugpumpe ausgeliefert haben.

Liebe Schwestern und Brüder, es ist leicht, beim Gedenken eines solch schrecklichen Geschehnisses das Versäumnis anderer zu beklagen. Kraft kostet es dagegen, zu versuchen, die Lehren daraus zu ziehen. Doch wir dürfen nicht schweigen. Entscheidend ist nicht das Urteil einer oberflächlichen Presse, sondern die Menschlichkeit, die das Beurteilungskriterium sein wird, wenn wir vor den Richterstuhl Gottes geführt werden (vgl. die Lesung heute, Röm 14,10). Und vielleicht auch der Gedanke an das Urteil späterer Generationen. Was wird man in 50 oder 75 Jahren über uns sagen?

Und so möchte ich schließen mit einem tief empfundenen Dank an alle, die heute im Bezirksklinikum Dienst tun im Bereich der Medizin, der Pflege und der Seelsorge. Sie zeigen den Menschen, dass sie eine Würde haben und lassen sie sie auch spüren. Auch das ist Hirtendienst! Ich danke allen Eltern, die in sich den Mut und die Menschlichkeit nicht niederringen ließen und auch einem – in den Augen der Welt nicht perfekten und nicht produktiven – Kind das Recht auf Leben einräumten. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den vielen Einrichtungen der Caritas und der Jugendfürsorge, die sich ganz dem Dienst an den Menschen mit Handycaps widmen. Tief bewegt hat mich die musikalische Gestaltung gestern. Gesungen haben die „Reichenbacher Klosterspatzen“, ein Männerchor, dessen Mitglieder vor 75 Jahren vielleicht auch zu den Opfern der Selektion und Vernichtung gehört hätten. Sie sangen (mit Dietrich Bonhoeffer): „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, und „Halte zu mir guter Gott, heut den ganzen Tag“. Ein Vergelt‘s Gott dem Chorleiter und allen, die mithelfen, die Fähigkeiten und Charismen auch derer zu fördern, die in unserer Leistungs- bzw. Erfolgsgesellschaft zu den Verlierern gehören. Ein überaus wichtiger Hirtendienst!

Nachdem der Bundestag heute die Intensivierung der Palliativ- und der Hospizarbeit beschlossen hat, schließe ich in den Dank alle ein, die einen ganz menschlichen Hirtendienst tun am Bett eines kranken und sterbenden Menschen, auf dass er oder sie nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen Menschen sterben kann.

Und beten wir für die, die den weltlichen Hirtendienst der Gesetzgebung übertragen bekommen haben und die morgen abstimmen werden in den genannten Fragen: Dass sie mithelfen, dass unser Land ein menschliches Gesicht behält und zur Kultur des Lebens steht auch an seinem Ende. Amen."


In unserer Mediathek finden Sie die vollständige Predigt des Bischofs zum Download.