Altarbild mit Darstellung des Engelsturzes

Schmuckstücke im Bistum: Eine Kopie des Engelsturzes in Schönthal

Ein Rubens aus zweiter Hand


Schönthal, 2. Oktober 2026

Dr. Daniel Rimsl arbeitet als Kunsthistoriker bei der Abteilung Kunst- und Denkmalpflege des Bistums Regensburg. Als Leiter der Fachstelle Inventarisierung ist er ein wahrer Kenner der zahlreichen „Schmuckstücke“ in den Kirchen unseres Bistums. In unserer Reihe „Schmuckstücke im Bistum“ stellt er uns regelmäßig besondere Kunstobjekte vor. In unserem aktuellen Beitrag führt uns Dr. Rimsl nach Schönthal im Dekanat Cham. Hier kann man eine besondere Darstellung des berühmten „Engelsturz“ bewundern. 

Peter Paul Rubens (1577–1640) war der bedeutendste Maler des flämischen Barock, seine Werke hängen in den großen Museen Europas. Viele seiner Gemälde befanden sich aber ursprünglich in Kirchen und fanden erst nachträglich ihren Weg in die Museen. Einen Eindruck davon vermittelt die Pfarrkirche St. Michael in Schönthal (Dekanat Cham): Hier hängt über dem Hochaltar eine Kopie nach Rubens‘ berühmtem Engelsturz, der heute in der Alten Pinakothek in München hängt. Das Original wurde 1621/22 gemalt, die Kopie stammt wohl ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. Und beide haben ihre eigene bewegte Geschichte.

Bildersturm in Schönthal

Schönthal war seit 1263 ein Kloster des Augustinerordens (dem auch Papst Leo XIV. angehört), die Klosterkirche war Maria geweiht. Die Geschichte verlief nicht immer glücklich: 1427/28 fügten die Hussiten Kloster und Kirche großen Schaden zu. Nachdem die Reformation in der Oberpfalz durchgesetzt wurde, vertrieb man 1559 die Mönche. Als unter Pfalzgraf Kasimir das reformierte Bekenntnis vorgeschrieben wurde, führte man auch in Schönthal einen Bildersturm durch, der nur einen steinernen Altarblock in der Kirche beließ; alle übrige Ausstattung wurde beseitigt.

Gegen 1630 setzte die Rekatholisierung ein, erst 1669 erfolgte die Rückgabe des Klosters an den Orden. Um 1700 wurden Kloster und Kirche neu gebaut; Kirchenpatron ist seitdem den Erzengel Michael.

Wiederaufbau nach Feuerverwüstung

1802 wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgelöst, die Kirche wurde zur Pfarrkirche bestimmt. 1833 sodann löste ein Blitzschlag einen Brand aus, der die ganze Kirche zerstörte und nur wenig von der alten Ausstattung übrigließ. Der Wiederaufbau erfolgte in sehr schlichter Gestalt. 

Immerhin überließ man der gebeutelten Pfarrei ein spektakuläres Gemälde als Altarbild: Rubens‘ Engelsturz, wenn auch nicht vom Meister selbst, aber in einer qualitätvollen Kopie – Rubens war schon zu Lebzeiten hoch angesehen, und eine Kopie nach Rubens war nichts Minderwertiges, sondern Ausdruck der Wertschätzung für die Bilderfindungen des Malers. 

Rubens‘ Malerei war im frühen 17. Jahrhundert revolutionär in ihrer explosiven Dramatik und Farbigkeit. Zahlreiche Fürsten gaben bei ihm Gemälde in Auftrag, auch Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, der in Neuburg an der Donau seine Residenz hatte.

Dramatische Bildkomposition

Wolfgang Wilhelm bestellte bei Rubens mehrere Altarbildern, die er für seine Residenzstadt bei Rubens in Auftrag gab: Dazu zählt der Engelsturz, der möglicherweise zur Ausstattung der Neuburger Pfarrkirche St. Peter gehörte und später auf Umwegen nach München in die Alte Pinakothek gelangte. Das Gemälde stellt ein dramatisches Ereignis in Szene: Dynamisch fliegt der Erzengel mit seinen Mitstreitern aus dem Hintergrund, den siebenköpfigen Drachen stößt er mit dem Fuß hinunter, wehrhaft hält er ihm seinen Schild entgegen. Oben erscheint Gottvater mit der Weltkugel.

Für den geschichtlichen Hintergrund muss man wissen, dass Wolfgang Wilhelm lutherisch war und Neuburg als Bollwerk des Protestantismus im ansonsten weitgehend katholischen Bayern galt. 1613/14 konvertierte er aber zum Katholizismus. Politisch hatte das große Sprengkraft. 

Künstlerischen Ausdruck fand die Konversion des Pfalzgrafen in den neuen Altarbildern wie dem Engelsturz: Eine Darstellung des Erzengels Michael, der gemäß der Offenbarung des Johannes (Ofb. 12,7–9) den Drachen und die gefallenen Engel bekämpft, wurde auch als konfessionelle Aussage verstanden und damit als politische Botschaft; aus dem gleichen Antrieb heraus wurde in Schönthal Michael zum Kirchenpatron gewählt, offenbar Ausdruck einer Rekatholisierung, die sich als wehrhaft und widerstandsfähig verstand.

Und dieser Hintergrund ist auch für die Herkunft der Kopie interessant: Sie stammt aus der Regensburger Augustinerkirche, die direkt am Neupfarrplatz stand. Die Stadt war seit 1542 protestantisch dominiert, und man kann annehmen, dass die katholische Minderheit in der Stadt das Bild als Spitze gegen die protestantische Stadtführung verstand.

Glanzpunkt der Schönthaler Pfarrkirche

Die Augustinerkirche wurde 1838 abgerissen. Ihre Ausstattung verteilte man auf andere Kirchen. So kam Schönthal zu seinem bemerkenswerten Altarbild. Das Kircheninnere hat längst nicht mehr das ärmliche Aussehen, das es nach dem Wiederaufbau erhalten hatte: Ab 1909 bekam es im Zuge einer Erweiterung und Neugestaltung eine etwas prächtigere Ausstattung. Und wenn auch der Zahn der Zeit weiter nagt – seit Längerem harrt die Kirche einer Sanierung –, bildet der Erzengel Michael über dem Hochaltar den Glanzpunkt in der Schönthaler Pfarrkirche.

Text: Dr. Daniel Rimsl, Redaktion: Jakob Schötz, Fotos: © Kunstsammlungen im Bistum Regensburg

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