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Zur Neuigkeit
Person der Woche: Michael Weißmann, Caritasdirektor
Caritas ist mehr als Sozialarbeit – sie ist Kirche in der Welt
Regensburg, 09. Oktober 2026
Im Rahmen unserer Reihe „Person der Woche” stellen wir jede Woche interessante Persönlichkeiten aus dem Bistum Regensburg und darüber hinaus vor. Heute möchten wir einen Blick auf die Caritas im Bistum Regensburg werfen. Was wäre, wenn es die Caritas von heute auf morgen nicht mehr gäbe? Michael Weißmann, Direktor Diözesancaritasverband, spricht über Pflegeheime, Krankenhäuser, Beratungsstellen, Ehrenamt und die vielen Aufgaben, die im Bistum Regensburg längst selbstverständlich geworden sind.

Er sagt, warum Nächstenliebe ohne Professionalität nicht auskommt, weshalb der Staat Verantwortung nicht einfach weiterreichen kann und wo die Caritas der Politik widersprechen muss. Das Gespräch führte Dr. Dr. Stefan Groß, Pressesprecher des Bistums Regensburg. Entscheidend bleibt für Weißmann die Würde des Menschen – vom Anfang bis zum Ende des Lebens.
Herr Weißmann, wofür steht die Caritas heute jenseits ihrer konkreten sozialen Dienste?
Die Caritas ist für mich kein Sozialkonzern, der nebenbei noch ein kirchliches Etikett trägt. Sie ist Kirche selbst. Zum Wesen der Kirche gehören Verkündigung, Liturgie und Diakonie, und darin hat die Caritas ihren festen Platz. Kirche wendet sich durch sie ganz konkret Menschen in Not zu. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ auf den Punkt gebracht, dass der Liebesdienst zum Wesen der Kirche gehört.
Gerade heute kann die Caritas deshalb auch ein Gesicht der Kirche sein, weil Menschen hier unmittelbar erleben, was Kirche tut und wofür sie da ist. Zu unserem Selbstverständnis gehören ebenso Verkündigung und gemeinsamer Gottesdienst. Wir entwickeln derzeit zudem ein pastorales Konzept für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren verschiedenen Einrichtungen. Dieser Prozess läuft bereits seit zwei Jahren und macht sichtbar, wie viel geistliche Substanz innerhalb des Verbandes vorhanden ist.
Entscheidend ist am Ende, dass Menschen, die zu uns kommen – ob in eine Beratungsstelle, ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus –, erfahren, dass sie von Gott gewollt sind und eine unverlierbare Würde besitzen. Das ist unser Auftrag und zugleich der Anspruch, den wir an uns selbst stellen.
Lorenz Werthmann gründete den Deutschen Caritasverband aus dem Gedanken organisierter christlicher Hilfe. Was ist von diesem ursprünglichen Selbstverständnis geblieben?
Dieser Grundgedanke ist geblieben. Früh wurde erkannt, dass eine gute Absicht allein nicht genügt. Nächstenliebe braucht Fachlichkeit, Professionalität, Ordnung und Verlässlichkeit, sonst bleibt sie Stückwerk. Für uns ist deshalb wichtig, den Anspruch des Glaubens mit einem hohen fachlichen Anspruch zu verbinden. Beides gehört zusammen und darf nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Das katholische Prinzip der Subsidiarität will Verantwortung möglichst nah beim Menschen belassen. Welche Bedeutung hat dieser Gedanke für die Caritas heute noch praktisch?
Subsidiarität gehört zu den Grundgedanken unserer Arbeit. Was der Einzelne, die Familie, die Pfarrei oder ein Verein vor Ort leisten können, soll ihnen die größere Einheit nicht abnehmen. Deshalb ist es uns wichtig, dass die Caritas dort präsent ist, wo die Menschen leben. Im Bistum Regensburg findet man sie in größeren Städten und Orten mit Beratungsstellen, Einrichtungen, Heimen und Krankenhäusern. Sie reicht aber bis in die Pfarreien und Gemeinden hinein. Eine ganz wesentliche Säule ist dabei das Ehrenamt. Ohne ehrenamtliches Engagement könnten wir vieles überhaupt nicht leisten. Nach den Einbrüchen während der Corona-Zeit ist dabei auch eine neue Generation von Ehrenamtlichen hinzugekommen.
Subsidiarität bedeutet allerdings nicht, dass sich der Staat aus seiner Verantwortung zurückziehen kann, sobald Aufgaben von der freien Wohlfahrtspflege übernommen werden. Er bleibt auch in der Verantwortung für deren Finanzierung, denn aus eigenen Mitteln können wir diese Aufgaben nicht vollständig tragen.
Welche Aufgaben übernimmt die Caritas, die der Staat ohne freie Wohlfahrtspflege selbst organisieren und finanzieren müsste?
Die Caritas begleitet Menschen im Grunde von der Wiege bis zur Bahre. Das beginnt bei der Beratung von Schwangeren und reicht über Kindertagesstätten, Pflegeheime und Krankenhäuser bis zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten für nahezu alle Lebenslagen. Ein wichtiges Eingangstor ist die allgemeine Sozialberatung. Dort kann zunächst jeder Mensch mit seinem Anliegen kommen. Unsere fachlich ausgebildeten Berater können entweder unmittelbar helfen oder an spezialisierte Angebote weitervermitteln, etwa an die Schuldnerberatung, die Suchtberatung oder die Migrationsberatung. Für sehr viele Lebenssituationen gibt es eine Form der Beratung oder Unterstützung. Diese breite Struktur eröffnet den Menschen zugleich die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, an wen sie sich wenden möchten.
Wie finanziert sich die Caritas tatsächlich – und wo endet staatliche Refinanzierung, wo beginnt der eigene Beitrag von Kirche und Verband?
Hier muss man sehr genau unterscheiden. Ein Teil unserer Arbeit besteht aus Wirtschaftsbetrieben. Dazu gehören etwa Altenheime, Krankenhäuser oder Kindertagesstätten. Sie finanzieren sich über Beiträge, Kostenerstattungen, Pflegekosten, Leistungen der Krankenkassen oder Elternbeiträge. In diese Bereiche fließen keine Kirchensteuermittel. Sie müssen wirtschaftlich geführt werden und sich im laufenden Betrieb tragen.
Gerade Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen stehen dabei unter wachsendem Druck. Veränderungen in der Gesundheitspolitik und neue gesetzliche Vorgaben erschweren die wirtschaftliche Führung, hinzu kommen im Pflegebereich ältere Immobilien. Umso wichtiger ist eine professionelle Geschäftsführung, die dafür sorgt, dass die Einrichtungen tragfähig bleiben.
Daneben gibt es Beratungsangebote, die teilweise staatlich gefördert werden, weil sie Aufgaben übernehmen, für die auch der Staat Verantwortung trägt. Dennoch bleibt für uns regelmäßig ein Eigenanteil von mindestens zehn Prozent, den wir selbst erwirtschaften müssen. Gerade dies zwingt uns auch dazu, immer wieder nach tragfähigen und innovativen Lösungen zu suchen.
Ein Beispiel ist die Obdachlosenarbeit in Regensburg. Die öffentliche Pflichtaufgabe betrifft zunächst die Unterbringung. Wir haben diesen Ansatz weitergeführt und Strukturen geschaffen, die Menschen dabei unterstützen sollen, wieder in die Gesellschaft zurückzufinden und selbst Verantwortung übernehmen zu können.
Schließlich gibt es Bereiche, die weitgehend oder vollständig aus Kirchensteuermitteln finanziert werden. Dazu zählt etwa die allgemeine Sozialberatung. Auch die Schwangerenberatung wird nach unseren Zahlen zu 95 Prozent durch das Bistum finanziert.
Kann die Caritas zugleich Partner des Staates und kritische Stimme gegenüber staatlicher Sozialpolitik sein?
Das eine bedingt für mich sogar das andere. Partnerschaft bedeutet nicht Gefolgschaft. Durch unsere praktische Arbeit erfahren wir unmittelbar, wo Gesetze oder Regelungen Schwierigkeiten verursachen und wo nachgebessert werden müsste. Deshalb gehört es zu unserer Aufgabe, die Politik auf Fehlentwicklungen hinzuweisen.
Entscheidend ist allerdings, dass diese Kritik konstruktiv bleibt und glaubwürdig ist. Es darf dabei nicht in erster Linie um die finanziellen Interessen der Caritas gehen. Maßstab müssen vielmehr unsere Erfahrungen mit den Menschen sein, die uns anvertraut sind und für die zugleich auch die Politik Verantwortung trägt.
Was würde sich für die Menschen im Bistum Regensburg konkret verändern, wenn es die Caritas von heute auf morgen nicht mehr gäbe?
Das hätte gewaltige Auswirkungen. Pflegeplätze würden wegfallen, Altenheime und zwei Krankenhäuser könnten nicht mehr weitergeführt werden, Beratungsstellen gäbe es nicht mehr. Menschen mit Suchtproblemen, Menschen mit Schulden, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderung würden wichtige Anlaufstellen und Hilfsangebote verlieren.
Im Bistum sprechen wir von rund 900 Einrichtungen und Angeboten der Caritas. Hinzu kommen etwa 25.000 haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende. Auch zahlreiche Arbeitsplätze wären also betroffen. Unsere jährliche Statistik weist insgesamt rund 350.000 Kontakte mit Klienten, Bewohnern und Patienten aus. Diese Zahlen zeigen, welche Dimension die Arbeit der Caritas im Bistum Regensburg inzwischen erreicht hat.
Welche sozialen Probleme wachsen derzeit schneller, als Politik und Gesellschaft darauf reagieren können?
Eines der größten Themen ist die Pflege. Der demografische Wandel, über den seit vielen Jahren gesprochen wird, wird jetzt zunehmend konkret spürbar. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand und fehlen damit auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich werden viele von ihnen in den kommenden Jahren selbst Unterstützung und Pflege benötigen.
Pflege ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch ein ethisches Thema. Wenn es politisch nicht gelingt, dafür tragfähige Lösungen zu entwickeln, werden andere Debatten an Schärfe gewinnen. Dazu gehört für mich auch die Diskussion über den assistierten Suizid. Für die Caritas stehen die Würde und das Leben des Menschen im Vordergrund. Wir verstehen uns als lebensbejahend – vom Anfang bis zum Ende des Lebens. Deshalb reichen unsere Angebote von der Schwangerenberatung bis zur Palliativ- und Hospizmedizin sowie zur Hospizbegleitung. Den assistierten Suizid lehnen wir ab.
Wir müssen sehr genau wahrnehmen, welche Veränderungen sich in der Gesellschaft vollziehen, und dort, wo Menschen sich selbst nur noch als Belastung empfinden, auch als Anwalt ihrer Würde auftreten.
Muss eine katholische Caritas manches anders tun als ein weltanschaulich neutraler Wohlfahrtsverband – und wenn ja, woran sollte man diesen Unterschied erkennen?
Unser Selbstverständnis haben wir in einem Leitbild festgehalten, in dem deutlich wird, aus welchen Quellen wir schöpfen und als Caritas handeln. Dort heißt es: „Der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen. Dies gibt ihm seine Würde und seinen Wert und für diese Würde stehen wir ein.“ Das ist für mich der Kern der Nächstenliebe und damit der Caritas.
Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen auf ihre persönliche Weise den Glauben und die Kirche mit und machen diese Haltung im täglichen Umgang mit den Menschen sichtbar. Auch das geistliche Leben gehört deshalb zu unserer Arbeit. Wir feiern beispielsweise regelmäßig Mitarbeitergottesdienste. Darin zeigt sich nach innen wie nach außen etwas von dem, wofür die Caritas als katholischer Verband steht.
Fragen: Stefan Groß
Fotos: Harry Landauer, Sonja Och, Caritas Regensburg
(chb)
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Caritas im Bistum Regensburg




