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Zur Neuigkeit
Person der Woche: Martin Rothweiler, EWTN-Programmdirektor
„Wir wollen Christus zu den Menschen bringen“
Regensburg, 6. November 2026
Im Rahmen unserer Reihe „Person der Woche” stellen wir jede Woche interessante Persönlichkeiten aus dem Bistum Regensburg und darüber hinaus vor. Heute möchten wir einen Blick auf den katholischen Fernsehsender EWTN werfen. Martin Rothweiler hat EWTN im deutschsprachigen Raum über ein Vierteljahrhundert geprägt. Seit Juli 2026 verantwortet er als Programmdirektor die inhaltliche Entwicklung des katholischen Fernsehsenders.
Herr Rothweiler, Sie haben EWTN im Jahr 2000 in Deutschland aufgebaut und den Sender über 25 Jahre geleitet. Welche Ihrer damaligen Vorstellungen haben sich in der Praxis als Irrtum erwiesen? Was würden Sie heute bei der Gründung eines katholischen Fernsehsenders anders machen?
Beim Start von EWTN in Deutschland war mir bewusst, dass es schwierig werden würde. Unsere finanziellen Mittel waren so begrenzt, dass man eigentlich nicht viel falsch machen konnte. Wir produzierten einen Flyer und verteilten ihn als Beilage über die “Tagespost”, um auf den Sendestart aufmerksam zu machen. Die ersten Interessenten meldeten sich vor allem telefonisch oder postalisch bei uns. Sie wollten wissen, wie man EWTN empfangen konnte und bestellten die erste Programmübersicht.
Möglich wurde der Start überhaupt erst, weil Mutter Angelica, Ordensfrau und Gründerin von EWTN, entschieden hatte, das englischsprachige Programm über den Satelliten Hotbird nach Europa und in den Nahen Osten auszustrahlen. Technisch war EWTN damit zwar empfangbar, der Satellit war jedoch nicht auf den deutschen Markt ausgerichtet. Deshalb mussten wir den Interessenten zunächst erklären, wie der Sender überhaupt zu empfangen war. Hinzu kam, dass es anfangs nur eine Stunde deutschsprachiges Programm am Wochenende gab. Wenig später kamen der tägliche Rosenkranz und weitere Sendungen hinzu. Der überwiegende Teil des Programms blieb jedoch englischsprachig.
Die Voraussetzungen hätten aus menschlicher Sicht kaum schlechter sein können. Nach jedem vernünftigen Maßstab hätte man unter diesen Bedingungen nicht starten dürfen. Doch das Motto von Mutter Angelica hat uns getragen: „Wenn du nicht den Mut hast, etwas Lächerliches zu tun, kann Gott auch nichts Wunderbares daraus machen.“ Trotz aller Schwierigkeiten haben wir begonnen.
Die deutschen Bistümer verfügen über eigene Medien, auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk finden kirchliche Themen ihren Platz. Was würde der katholischen Öffentlichkeit fehlen, wenn EWTN seinen Sendebetrieb morgen einstellen müsste?
EWTN ist ein unabhängiger katholischer Medienanbieter mit Fernsehen, Internetangeboten und einer starken Präsenz auf Plattformen wie YouTube, Instagram, Facebook und TikTok.
Fehlen würde vor allem eine Stimme, die konsequent die Weltkirche in den Blick nimmt und zugleich fest in der Lehre der katholischen Kirche verwurzelt ist. Besonders sichtbar wird das bei unseren umfangreichen Live-Übertragungen. Dazu gehören die täglichen Heiligen Messen aus verschiedenen Orten des deutschsprachigen Raums - wie zuletzt die Abschlussmesse zur 750-Jahrfeier aus dem Regensburger Dom - ebenso wie die Berichterstattung über große Ereignisse der Weltkirche, etwa Weltjugendtage, Weltfamilientreffen, Internationale Eucharistische Kongresse oder Synoden in Rom.
Beim Konklave nach dem Tod von Papst Franziskus hat kein anderer Sender im deutschsprachigen Raum in vergleichbarer Breite direkt aus Rom berichtet: vom Requiem über die Novendiales und die Tage des Vorkonklaves bis zum Konklave selbst und der Amtseinführung von Papst Leo XIV. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist unsere klare Orientierung am Lehramt der katholischen Kirche. Sie gehört zu unserem Selbstverständnis und ist eine wichtige Grundlage für das Vertrauen unserer Zuschauer.
Zugleich bieten wir eine große Vielfalt an deutschsprachigen und internationalen Produktionen. Wir verstehen uns ausdrücklich als Verkündigungssender und möchten Christus zu den Menschen bringen. Das bedeutet jedoch nicht, schwierige Themen auszuklammern. So haben wir beispielsweise auch ausführlich über den Missbrauchsgipfel in Rom berichtet. Wenn EWTN morgen seinen Sendebetrieb einstellen müsste, würde der katholischen Öffentlichkeit daher nicht nur ein Fernsehsender fehlen, sondern eine mediale Plattform, die Glaubensverkündigung, Weltkirche und aktuelle Berichterstattung in dieser Form miteinander verbindet.
Millionen Menschen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten von der katholischen Kirche abgewandt. Erreichen Ihre Sendungen auch Zuschauer, die mit dem kirchlichen Leben längst abgeschlossen haben? Welche konkreten Reaktionen haben Ihnen gezeigt, dass EWTN bei solchen Menschen wieder Interesse am christlichen Glauben wecken konnte?
Ja, wir erreichen tatsächlich auch Menschen, die dem Glauben fern stehen oder der Kirche längst den Rücken gekehrt haben.
Besonders bewegt hat mich die Geschichte eines Zuschauers, der EWTN eher zufällig entdeckte, als er in einer schweren Lebenskrise war und sogar daran dachte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er sah eine Sendung mit einem ehemaligen Gefängnisseelsorger, der davon sprach, dass Gott jeden Menschen liebt und sein Wert nicht von Leistung oder Anerkennung abhängt. Dieser Gedanke traf ihn tief. Er hatte sein Leben lang versucht, den Erwartungen anderer gerecht zu werden, war enttäuscht worden und hatte der Kirche bereits kurz nach der Firmung den Rücken gekehrt. Über EWTN nahm er Kontakt zu dem Seelsorger auf. Dieser erste Schritt wurde für ihn zu einem Wendepunkt.
Eine andere Geschichte handelt von einer Frau, die lange Zeit in großer Armut lebte und sich überwiegend vom Betteln auf der Straße über Wasser hielt. Eines Tages stand sie vor unserer Tür und bedankte sich dafür, dass wir ihr Papst Franziskus nahegebracht hatten. Für sie war er „einer von uns“. Von dem wenigen Geld, das sie hatte, spendete sie EWTN 30 Euro. Daraus entstand eine bis heute bestehende Freundschaft. Später konnten wir ihr sogar ermöglichen, Papst Franziskus persönlich zu sehen. Meine Frau hat sie dabei begleitet und unterstützt. Die Frau war früher aus der Kirche ausgetreten. Heute hat sie in der katholischen Kirche wieder eine geistliche Heimat gefunden. Solche Begegnungen zeigen uns immer wieder, dass Medien Menschen erreichen können, die wir sonst niemals treffen würden. Wenn man solche Geschichten hört, weiß man, dass all die Anstrengungen unserer Medienarbeit jede Mühe wert sind.
EWTN überträgt regelmäßig die Heilige Messe. Für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Kirche besuchen können, sind solche Übertragungen eine Möglichkeit, mit dem liturgischen Leben verbunden zu bleiben. Was erfahren Sie von diesen Zuschauern über die Bedeutung des Fernsehens für ihren Glauben? Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass möglicherweise auch Menschen, die am Gemeindegottesdienst teilnehmen könnten, die Messe zunehmend am Bildschirm verfolgen?
Die Heilige Messe ist tatsächlich das wichtigste und beliebteste Angebot für unsere Zuschauer. Wobei mir das Wort „Zuschauer“ dabei eigentlich kaum über die Lippen kommt. Die Menschen schauen nicht einfach zu, sondern sie feiern die Messe mit. Gerade ältere, kranke oder anderweitig in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen schreiben uns immer wieder, wie dankbar sie für diese Möglichkeit sind. Sie erleben die tägliche Messe als geistliche Stärkung und schöpfen daraus Kraft und Trost für ihren Alltag. "Seit 15 Jahren bin ich an den Rollstuhl gefesselt und kann nicht mehr zur Kirche gehen", schreib uns eine Zuschauerin. "Bei EWTN kann ich täglich die Heilige Messe mitfeiern. Vergelts Gott für Ihre Arbeit." Jemand anders schrieb uns, dass er seitdem wer die Heilige Messe wenigstens im Fernsehen verfolgen könne, sein Glaube größer geworden sei und er Freude im Herzen habe.
Unsere Absicht ist es natürlich nicht, Menschen, die eine Kirche besuchen können, eine bequeme Alternative zum Gottesdienst vor Ort anzubieten. Im Gegenteil: Wir möchten die Bedeutung der Heiligen Messe und der Heiligen Eucharistie neu ins Bewusstsein rufen. Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Nichts kann die reale Teilnahme an der Messfeier und den sakramentalen Empfang der Heiligen Kommunion ersetzen.
Das machen wir auch in unseren katechetischen Sendungen rund um Liturgie und Eucharistie immer wieder deutlich. Gleichzeitig leisten Fernseh- und Onlineübertragungen einen unschätzbaren Dienst für jene Menschen, die aus Alters-, Gesundheits- oder anderen schwerwiegenden Gründen nicht an einer Messfeier teilnehmen können. Für sie bleiben diese Übertragungen eine wichtige Möglichkeit, mit dem liturgischen Leben der Kirche verbunden zu sein und ihren Glauben aktiv zu leben.
Sie erhalten seit vielen Jahren unmittelbare Rückmeldungen auf Ihre theologischen Sendungen. Bei welchen Glaubensfragen beobachten Sie die größten Unsicherheiten unter Ihren Zuschauern, und wo müsste die katholische Kirche nach Ihren Erfahrungen in ihrer Verkündigung deutlicher werden?
Die größte Verunsicherung haben wir eigentlich zur Corona-Zeit erlebt, als Menschen nicht wussten, wie sie damit umgehen sollen, dass sie keine Heilige Messe besuchen durften und auch keine Gelegenheit hatten, das Sakrament der Versöhnung an Ostern zu empfangen. Damals haben wir eigens eine Call-in-Sendung eingeführt, wo die Menschen anrufen oder eine E-Mail schreiben konnten, um ihre seelische Not zu teilen und Fragen zu stellen.
Grundsätzlich haben wir meines Erachtens in Deutschland die Katechese, also die systematische Glaubensunterweisung, über viele Jahrzehnte vernachlässigt. Dadurch sind bei vielen Katholiken Unsicherheit und eine geringe Kenntnis des eigenen Glaubens entstanden. Zugleich standen in der öffentlichen Diskussion häufig Strukturfragen und kontroverse Themen im Vordergrund, etwa das Frauenpriestertum, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare oder andere kirchenpolitische Debatten. Hinzu kommt, dass manche Entwicklungen und Diskussionen, wie wir sie etwa im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg erlebt haben, bei vielen Gläubigen Fragen nach dem Selbstverständnis der Kirche und dem christlichen Menschenbild ausgelöst haben. Das hat nicht selten zu weiterer Verunsicherung geführt.
Umso dankbarer sind viele Menschen für die Glaubensangebote von EWTN. In unterschiedlichen Formaten und Sendereihen wollen wir über den katholischen Glauben aufklären und die entscheidende Frage in den Mittelpunkt stellen: Wer ist Jesus Christus? Wie begegnet er uns heute? Wie ist er gegenwärtig in den Sakramenten und im Leben der Menschen? Denn letztlich geht es beim christlichen Glauben nicht zuerst um Strukturen und Debatten, sondern um die persönliche Begegnung mit Christus.
EWTN versteht sich als katholischer Fernsehsender mit einem klaren missionarischen Auftrag. Welche Bedeutung hat die Evangelisierung für Ihre tägliche Programmarbeit, und welche Möglichkeiten sehen Sie, durch das Fernsehen Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen, die bislang keinen Zugang zur Kirche gefunden haben?
Die Evangelisierung, also Christus zu den Menschen zu bringen, steht im Zentrum unserer Arbeit. Wenn wir heute von Fernsehen sprechen, gehören natürlich auch das Internet und die sozialen Medien dazu. Deshalb sind wir nicht nur im Fernsehen präsent, sondern auch auf Plattformen wie YouTube, Instagram, Facebook oder TikTok. Wir werfen das Netz weit aus, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Dabei erleben wir, dass Menschen ganz unterschiedliche Zugänge zum Glauben finden. Deshalb fragen wir uns bei jeder Sendung: Welche Nöte und Fragen bewegen die Menschen heute? Wie können wir gerade diejenigen ansprechen, die keine Verbindung zur Kirche oder zum Glauben haben?
Viele Menschen leiden unter Einsamkeit, der Suche nach ihrer Identität oder dem Gefühl, nicht zu genügen, weil sie den Erwartungen anderer nicht gerecht werden. Sie suchen nach Sinn in ihrem Leben. Hier können unsere Zeugnis-Sendungen eine große Hilfe sein. Darin erzählen Menschen von ihrem Weg zum Glauben, von Trost, Heilung und neuer Hoffnung. Es sind Geschichten von Menschen, die schwere Lebenskrisen durchlebt haben, ein Kind verloren haben, in Schuld verstrickt waren oder keinen Ausweg mehr sahen. Solche Erfahrungen berühren, weil sich viele darin wiederfinden können. Manchmal geschieht Evangelisierung aber auch ganz schlicht durch eine Katechese, in der jemand vielleicht zum ersten Mal hört, dass Gott jeden Menschen unendlich liebt und niemand sich diese Liebe verdienen muss. Für viele ist das eine befreiende Botschaft.
Darüber hinaus stellen wir in unseren Sendungen Orte gelebten Glaubens vor und machen auf Gemeinschaften, Initiativen und geistliche Angebote aufmerksam. Denn christlicher Glaube braucht Gemeinschaft und konkrete Anknüpfungspunkte vor Ort. Mit unserer Medienarbeit können wir Wege bereiten und Türen öffnen. Den Glauben schenken können wir nicht. Letztlich ist es Gott selbst, der die Herzen berührt und alles Weitere bewirkt.
Viele junge Menschen begegnen religiösen Themen inzwischen zuerst auf YouTube, Instagram oder TikTok. Welche Erfahrungen hat EWTN mit der Glaubensvermittlung auf diesen Plattformen gesammelt? Wo sehen Sie die Gefahr, dass die Anpassung an kurze Formate und die Erwartungen des Publikums zu einer inhaltlichen Verkürzung der christlichen Botschaft führt?
Das Mediennutzungsverhalten hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Menschen möchten Inhalte zeitlich und räumlich unabhängig konsumieren. In der Tat kommen heute immer mehr Menschen über digitale Angebote mit dem Glauben in Berührung. Dabei zeigt sich, dass keineswegs nur kurze Formate erfolgreich sind: Gerade auf YouTube finden auch längere Sendungen, Interviews, Vorträge und Dokumentarfilme ihr Publikum. Aufmerksamkeit entsteht jedoch häufig zunächst durch Shorts, Reels und kurze Videoclips – auch solche, die aus längeren Sendungen generiert werden und auf diese wiederum verweisen. Auch Religionslehrer nutzen unsere Angebote. Über diese Kurzformate erreichen wir besonders viele junge Menschen. Interessanterweise beobachten wir etwa auf dem EWTN-Instagram-Kanal ein wachsendes Interesse vor allem bei jungen Männern zwischen 25 und 34 Jahren.
Die sozialen Medien bieten zudem den großen Vorteil einer unmittelbaren Kommunikation. Menschen können Fragen stellen, kommentieren und direkt mit uns in Kontakt treten. Dadurch entsteht ein direkter Austausch, der in den klassischen Medien kaum möglich war. Beeindruckend ist, wie verschieden die Menschen sind, die etwa auf unseren Video-Podcast „Himmel, Herz und Hirn“ reagieren – darunter eben auch Menschen, die keinen Bezug zur Kirche haben oder auf dem Weg nach draußen sind. Jemand schrieb uns: „Guter Podcast! Ich bin katholisch, wollte die Kirche eigentlich verlassen in Richtung Freikirche. Dank diesem Podcast zögere ich. Vielleicht ist die katholische Kirche doch nicht so verstaubt. Danke!“
Wir dürfen uns aber nicht von Klickzahlen, Reichweiten und Algorithmen treiben lassen – so wichtig diese Kennzahlen auch sind. Die Versuchung besteht darin, den Erfolg einer evangelisierenden Medienarbeit allein an Views, Followern oder Abonnenten zu messen. Dabei geht es letztlich um etwas anderes: Der liebe Gott wird uns einmal nicht fragen, wie viele Klicks oder Follower wir hatten, sondern wie viele Menschen wir im Herzen berührt und zu Christus geführt haben. Kurzformate sollen Interesse wecken, Denkanstöße geben und Türen öffnen. Die eigentliche Vertiefung muss dann in längeren Formaten, in der Katechese, im persönlichen Gespräch und letztlich in der Begegnung mit Christus selbst erfolgen. Kurzformate sind der Einstieg, nicht das Ziel. Sie sollen Neugier auf die Wahrheit wecken und Menschen ermutigen, auf ihrer Suche tiefer zu graben. Und genau das geschieht auch.
EWTN verfügt über ein internationales Netzwerk mit Erfahrungen aus sehr unterschiedlichen kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Welche Anregungen aus anderen Ländern haben Sie für das deutschsprachige Programm übernommen? Mich interessiert besonders ein Beispiel, das Ihre bisherige Vorstellung von erfolgreicher Glaubensverkündigung verändert hat.
Als Teil eines internationalen Netzwerks können wir bei EWTN viele Synergien nutzen. So übernehmen wir beispielsweise das monatliche Nachrichtenmagazin VATICANO, das vom EWTN-Büro im Vatikan produziert wird. Auch im Bereich Lebensrecht haben wir Anregungen aus den USA aufgegriffen und mit “Perspektive Leben” ein regelmäßiges Pro-Life-Magazin etabliert, das von Alexandra Linder, der Vorsitzenden des Bundesverbands Lebensrecht, moderiert wird. Darüber hinaus profitieren wir von zahlreichen Erfahrungen anderer EWTN-Standorte weltweit. Ein Beispiel sind Sendungen, in denen Menschen Zeugnis von ihrem persönlichen Glaubensweg geben. So haben wir unter anderem eine Reihe mit Konvertiten ins Programm aufgenommen, die erzählen, wie sie den Weg in die katholische Kirche gefunden haben. Das Format orientiert sich an der amerikanischen Sendung “Journey Hom” und trägt deshalb auch bei uns diesen Namen.
Wenn mich etwas in meinem Verständnis erfolgreicher Glaubensverkündigung geprägt hat, dann die Erfahrung, wie stark persönliche Glaubenszeugnisse Menschen ansprechen. Natürlich bleiben Katechese, Glaubensunterricht und apologetische Formate wichtig. Aber Menschen werden häufig nicht zuerst durch Argumente berührt, sondern durch die Lebensgeschichte anderer Menschen. Sie erkennen sich in deren Fragen, Zweifeln, Krisen und Erfahrungen wieder. Gerade darin liegt eine große Kraft der Evangelisierung. Außerdem habe ich durch die internationale Arbeit gelernt, wie wichtig es ist, die Schönheit des Glaubens sichtbar zu machen. Gute Bilder, überzeugende Geschichten sowie Sendungen über Kunst, Kultur und gelebten Glauben können oft Türen öffnen, die durch theoretische Erklärungen allein verschlossen bleiben würden. Es gibt noch viele Ideen, die wir gerne umsetzen würden, etwa im Bereich Kinderprogramm, Kultur oder Glaubensvermittlung. Dafür wären jedoch deutlich mehr finanzielle Mittel erforderlich, als uns derzeit durch Spenden zur Verfügung stehen. Das Potenzial ist groß, und vieles bleibt noch zu entdecken und auszuprobieren.
Seit Juli 2026 konzentrieren Sie sich als Programmdirektor auf die inhaltliche Entwicklung von EWTN. Welche Veränderungen möchten Sie in den kommenden Jahren verwirklichen, um Menschen anzusprechen, die bisher kaum Kontakt zur katholischen Kirche hatten? Und welche Zukunft geben Sie dem klassischen Fernsehen angesichts der wachsenden Bedeutung digitaler Medien?
Das klassische, lineare Fernsehen wird kontinuierlich an Bedeutung verlieren, weil die Menschen Inhalte, die sie interessieren, orts- und zeitunabhängig anschauen wollen. Die Mediathek wird für einen Fernsehsender – neben den Social-Media-Kanälen – daher immer bedeutsamer. Früher fragte man: Wie kommt das Signal zum Zuschauer? Heute müssen wir zusätzlich fragen: Wie findet der Zuschauer unsere Inhalte? Deshalb sind neben Satellit, Kabel und IPTV insbesondere Streaming-Angebote wie die Mediathek und Social Media unverzichtbar geworden.
Gleichwohl gilt: Bei den über 50-Jährigen schauen mehr als drei Viertel täglich lineares Fernsehen, bei den 14- bis 29-Jährigen ist es immerhin noch ein Viertel. Das lineare Fernsehen wird noch längere Zeit Bestand haben, davon gehe ich aus. Es ist keineswegs tot. Insbesondere für ältere Zielgruppen bleibt es das dominante Medium – gewiss auch für unseren Sender, wenn wir an unsere vielen Live-Übertragungen von Heiligen Messen denken, für die gerade Menschen, die nicht mehr zur Kirche gehen können, so dankbar sind. Gleichzeitig werden wir jüngere Zielgruppen oder Menschen, die bisher kaum Kontakt zu Kirche und Glauben hatten, vor allem über unsere Social-Media-Kanäle erreichen, über die wir auch auf das stetig wachsende Programmangebot unserer Mediathek aufmerksam machen wollen. Deswegen gilt dem Ausbau der Mediathek und unserer Social-Media-Kanäle für die Evangelisierung unsere besondere Aufmerksamkeit.
Aber egal, wie der Weg zu den Zuschauern oder Nutzern aussieht: Letztlich kommt es auf die Inhalte an, die wir anbieten. Content is king. Und wir haben mit der christlichen Botschaft den besten und wertvollsten Inhalt, den es gibt. Dabei ist auch die Schönheit der Bilder für mich ein ganz wesentliches Element. Denn Schönheit transportiert auf ganz eigene Weise die Gegenwart Gottes und kann Herz und Seele für ihn öffnen.
Fragen: Stefan Groß
Foto: Martin Rothweiler
(chb)
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