Regensburger Oberbürgermeister Thomas Burger

Person der Woche: Dr. Thomas Burger, Oberbürgermeister Stadt Regensburg

Vom Oberministrant zum Oberbürgermeister


Regensburg, 02. Oktober 2026 

Im Rahmen unserer Reihe „Person der Woche” stellen wir jede Woche interessante Persönlichkeiten aus dem Bistum Regensburg und darüber hinaus vor. Heute möchten wir einen Blick auf die Stadt Regensburg werfen. Regensburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Burger spricht über seine christliche Prägung, über Nächstenliebe, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. 

Im Gespräch erklärt er, warum die Kirchen für Regensburg weit mehr leisten als soziale Dienstleistungen, weshalb Pfarrgemeinden Orte gelebter Gemeinschaft bleiben und was eine Stadt zusammenhält. Dabei wird deutlich, wie sehr ihn die Erfahrungen aus Ministrantenzeit, Ehrenamt und kirchlicher Jugendarbeit bis heute begleiten:

Herr Burger, Sie betonen häufig, dass Ihnen Ihre Eltern früh vermittelt hätten, wie wichtig soziale Gerechtigkeit sei. Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie heute ganz persönlich, und wo erleben Sie auch in einer wohlhabenden Stadt wie Regensburg Ungerechtigkeit?

Ich bin tatsächlich damit aufgewachsen, immer alle im Blick zu haben, mich nicht über andere zu erheben, sondern mich als Teil des Ganzen zu betrachten. Dazu gehört auch, das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen. Geht es wirklich gerecht zu? Gelingt es uns, die unterschiedlichen Interessen in einer Gesellschaft auszugleichen? Das ist mir gerade in Regensburg wichtig, und ich glaube, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Wir wollen eine Stadt für alle sein, in der Solidarität nicht nur ein Begriff ist, sondern tatsächlich gelebt wird. Und wir sind es. 

Wenn Problemlagen auftreten, ob durch Krisen von außen oder durch Entwicklungen innerhalb unserer Stadt, erleben wir immer wieder, dass sich Menschen, Organisationen und Initiativen kümmern. Das Schöne an Regensburg ist, dass unsere professionellen Strukturen und das ehrenamtliche Engagement gut ineinandergreifen. Wenn manche versuchen, die Stadtgesellschaft zu spalten, gehen viele Menschen auf die Straße und sagen ganz deutlich, dass sie ein solches Regensburg nicht wollen. Wir stehen zusammen.

Sie waren Ministrant, später Oberministrant und Gruppenleiter und haben später selbst Verantwortung in der kirchlichen Jugendarbeit übernommen. Welche Spuren hat diese Zeit hinterlassen? War Kirche für Sie vor allem Glaubensgemeinschaft, oder haben Sie dort auch gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen?

Von allem ein bisschen. Ich war mein ganzes Leben lang ehrenamtlich unterwegs, und bei den Ministranten begann mein erstes ehrenamtliches Engagement. Zunächst war ich natürlich ein ganz normaler neuer Ministrant. Aber schon damals habe ich erfahren, was Gemeinschaft außerhalb des Elternhauses bedeutet. Man findet sich als Teil eines Ganzen wieder, knüpft persönliche Beziehungen, schließt Freundschaften und erlebt, dass man gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann. Zugleich lernt man, Verantwortung zu übernehmen, weil vieles organisiert werden muss.

Das alles war mit einem Wertegerüst verbunden. Sich umeinander zu kümmern, solidarisch zu handeln und darauf zu achten, dass es sozial gerecht zugeht, gehört für mich zu den christlichen Werten. Deshalb habe ich mich später auch in der SPD wiedergefunden. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität stehen aus meiner Sicht in einer engen Verbindung mit dem Christentum und seinen Werten. Darin spiegelte sich vieles von dem wider, was ich bereits aus meinem Elternhaus mitbekommen hatte.

Später wurde ich Gruppenleiter und habe dabei erfahren, wie viel Freude es machen kann, gemeinsam mit anderen etwas zu organisieren. Dort lagen für mich auch die Anfänge der späteren Arbeit mit Menschen und in Teams. Ich habe damals entdeckt, dass mir genau das richtig Spaß macht.

Welche Rolle spielen die christlichen Werte heute noch für Ihre politische Arbeit?

Sie sind nach wie vor wichtig, weil sie auf ein gutes Zusammenleben und auf soziale Gerechtigkeit abzielen.

Die Kirchen verlieren Mitglieder. Gleichzeitig leisten Pfarreien, Caritas, kirchliche Einrichtungen und zahlreiche Ehrenamtliche einen erheblichen Teil der sozialen Arbeit in unserer Stadt. Haben Politik und Gesellschaft ausreichend im Blick, was verschwinden würde, wenn dieses Engagement einmal wegfiele?

Nicht immer, befürchte ich. Wenn Kirche kritisiert wird, bezieht sich diese Kritik häufig auf die Amtskirche. Ich werde deshalb nicht müde, darauf hinzuweisen, was die Menschen, die Kirche letztlich ausmachen, tatsächlich leisten. Das beginnt beim Ehrenamt in den Kirchengemeinden, diesen kleinen Keimzellen gelebter Gemeinschaft vor Ort, und reicht bis zu den professionellen Angeboten der Caritas und anderer kirchlicher Organisationen. Gerade dieses Zusammenspiel zwischen Ehrenamt und professionellen Strukturen ist außerordentlich wichtig.

Dabei geht es um weit mehr als um Einrichtungen wie Pflegeheime oder Kindertagesstätten. Es geht auch um den persönlichen Kontakt, um Besuchsdienste und darum, den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Vieles davon geschieht auf der Grundlage christlicher Werte, insbesondere der Nächstenliebe. Man kümmert sich umeinander und versucht, niemanden zurückzulassen.

Gerade beim großen Thema Einsamkeit wird deutlich, wie wertvoll der menschliche Kontakt in den Pfarrgemeinden ist und was beispielsweise die Caritas leistet. Das Gemeine an der Einsamkeit ist ja, dass sie häufig gar nicht auffällt. Wenn ein Mensch nicht mehr zu einer Veranstaltung oder einem Treffen kommt, bemerkt man zunächst nur seine Abwesenheit. Es braucht jemanden, der genauer hinschaut und sich fragt, warum dieser Mensch nicht mehr kommt. Deshalb müssen wir aktiv auf die Menschen zugehen und nachsehen, wie es ihnen geht.

Was erwarten Sie von den Kirchen? Sollten sie sich stärker in gesellschaftliche Debatten einmischen, auch dann, wenn ihre Positionen unbequem sind und nicht unbedingt dem politischen Zeitgeist entsprechen?

Ich glaube, Demokratie lebt davon, dass sich alle einbringen, sofern sie ein Interesse an einem funktionierenden Gemeinwesen und einem funktionierenden Staat haben. Bei den Kirchen ist das der Fall. Sie haben das Ziel, dass Gemeinschaft funktioniert.

Natürlich weiß ich, dass nicht alle kirchlichen Positionen bei allen Menschen gleichermaßen gut ankommen. Das ist bei politischen Parteien nicht anders. Aber gerade darin liegt doch das Gute an der Demokratie. Es gibt unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven. Menschen können sogar dieselben Werte als Grundlage haben und trotzdem zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Deshalb bin ich durchaus der Meinung, dass Kirchen gut daran tun, sich einzumischen, sich einzubringen und ihre Sicht auf die Werte darzulegen. Das macht unsere Demokratie lebendiger.

Sie haben bezahlbares Wohnen als eine zentrale Aufgabe bezeichnet. Droht Regensburg sozial auseinanderzudriften, wenn Menschen mit kleinen Einkommen sich die Stadt nicht mehr leisten können?

Wir sind eine prosperierende Stadt in einer prosperierenden Region. Immer mehr Menschen kommen zu uns, der Platz wird knapp, und damit steigen die Wohnkosten. Diese Herausforderung betrifft nicht nur Regensburg. Eine der vordringlichsten Aufgaben der Politik ist es deshalb, dafür zu sorgen, dass Regensburg eine Stadt für alle bleibt, für verschiedene soziale Schichten und Einkommensgruppen. Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass man sich die Stadt erst einmal leisten können muss. Wir müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen. Dazu tun wir bereits einiges, etwa über geförderten Wohnraum und weitere Vorgaben, die preisgedämpftes Wohnen ermöglichen. Darauf müssen wir als Kommune ein besonderes Augenmerk richten. 

In Regensburg leben Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen und Religionen. Wie verbinden Sie Offenheit mit dem Anspruch auf gemeinsame Regeln und Werte?

Wir müssen eine klare Haltung für ein freiheitlich-demokratisches und solidarisches Gemeinwesen zeigen. Das beginnt bei der Stadtspitze und setzt sich darin fort, dass wir entsprechende Initiativen und demokratische Bildung unterstützen. Schon Kinder und Jugendliche sollen in jungen Jahren in Beteiligungsformaten erfahren, dass es sich lohnt, sich einzubringen, dass ihre Meinung zählt und gehört wird. Sie sollen auch lernen, aufeinander zu achten. Ich finde, das funktioniert in Regensburg gut. Eine solche Haltung muss im Alltag vermittelt werden, nicht erst dann, wenn sich Gegensätze zuspitzen. Deshalb sind die Beteiligungsangebote für Kinder und Jugendliche für mich ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens. Dabei müssen wir darauf achten, dass sich auch hier alle angesprochen fühlen und Vielfalt als Bereicherung sowie Chance gesehen wird. 

Sie kommen selbst aus dem Vereinsleben und dem Ehrenamt. Nehmen wir die Arbeit von Feuerwehr, Rettungsdienst und sozialen Initiativen inzwischen zu selbstverständlich?

Das nehme ich gelegentlich wahr. Man geht davon aus, dass es eine Freiwillige Feuerwehr gibt, dass der Rettungsdienst funktioniert und dass im Sozialbereich jemand kommt, wenn man Hilfe braucht. Die Erwartung an solche Angebote wächst. Weniger bewusst ist manchen, dass sie nur funktionieren, weil viele Menschen selbst einen Beitrag leisten und ihre Freizeit dafür einsetzen. Ich komme aus dem Ehrenamt und habe von dort auch die Freude mitgenommen, gemeinsam etwas zu organisieren. Wir müssen dieses Bewusstsein wieder stärken und Menschen anregen, selbst über ein Engagement nachzudenken. Deshalb haben wir ein Ehrenamtsfestival in Regensburg veranstaltet, das wir wiederholen wollen. Dort kann man sehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Für die Stadt ist das Ehrenamt substanziell wichtig. Wir unterstützen es mit freiwilligen Leistungen, weil wir wissen: Fiele es weg, würde es nicht nur dunkler und leiser, sondern auch deutlich teurer. Niemand muss alles machen, doch unser Zusammenleben lebt davon, dass sich viele Menschen einbringen.

Viele junge Menschen erleben hohe Mieten und unsichere Zukunftsaussichten. Was brauchen sie, damit sie in Regensburg ihre Heimat und eine berufliche Perspektive finden?

Zunächst müssen sie sich wohlfühlen und ernst genommen werden. Sie sollen erfahren, dass sie gehört werden und ihre Stadt mitgestalten können, etwa im Jugendbeirat oder bei der Gestaltung von Spielplätzen. Jugendliche brauchen auch eigene Räume, Jugendzentren und Orte, an denen sie sich treffen können, ohne etwas konsumieren zu müssen. Sie sollen nicht das Gefühl haben, zu stören, sondern willkommen zu sein. Später wird das Wohnen immer wichtiger: Das beginnt bei der Studentenbude, geht über das Wohnen für Auszubildende, das wir fördern wollen, bis zu jungen Familien, die sich fragen, ob sie sich Regensburg noch leisten können. Deshalb brauchen wir bezahlbaren Wohnraum. Hinzu kommen Jugendkultur und kulturelle Angebote, die zu jungen Menschen passen. Auch wirtschaftspolitisch müssen wir Innovation weiter voranbringen und interessante Arbeitsplätze schaffen. Junge Menschen sollen sehen, dass sie hier eine gute Zukunft haben. Arbeit ist schließlich deutlich mehr als nur Geldverdienen. Wir sind bei diesen Themen schon gut aufgestellt, müssen aber am Ball bleiben.

Familien tragen viel Verantwortung für Kinder und Angehörige und stehen zugleich unter finanziellem Druck. Was muss die Politik konkret tun?

Über Familien wird viel gesprochen. Manchmal fragen sie sich aber, was davon bei ihnen ankommt. Was bleibt jetzt für die Familie konkret übrig? Für mich darf der Zugang zur frühkindlichen Bildung nicht vom Geldbeutel einer Familie oder ihrer Herkunft abhängen. Wir brauchen Strukturen, die Familien unterstützen, damit sie nicht nur damit beschäftigt sind, finanzielle Sorgen zu bewältigen, sondern auch Zeit füreinander haben. Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle. Eltern müssen Zeit für ihre Kinder haben können, ohne ständig den Druck zu spüren, rechtzeitig an der Kita und am Arbeitsplatz sein zu müssen. Wir sollten Familien zuhören, auch wenn es um kleine Schwierigkeiten des Alltags geht, und Anlaufstellen sowie geeignete Hilfsangebote bereitstellen. Hier leisten auch die Kirchen viel. Insgesamt müssen wir stärker vom Reden ins Handeln kommen und die passenden Rahmenbedingungen schaffen.

Eine soziale Stadt muss auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein. Wo setzen Sie bei der Inklusion an?

Wir haben bereits vor einigen Jahren einen Inklusionsbeauftragten eingeführt, weil das Thema eine Querschnittsaufgabe ist. Es beginnt bei einer Ampel oder der Verkehrsplanung und reicht bis zum barrierefreien Ausbau. An manchen Stellen bearbeiten wir beispielsweise das Kopfsteinpflaster, damit Menschen mit dem Rollstuhl besser vorankommen. Besonders wichtig ist mir, diejenigen selbst einzubeziehen, die es betrifft. Wir sind oft gut darin, über andere zu reden und zu meinen, wir wüssten, was sie brauchen. Besser funktioniert es, wenn sie selbst mitreden können. Deshalb arbeiten wir auch mit Beiräten wie dem Inklusionsbeirat. Neben den großen Konzepten müssen wir im Alltag immer wieder auf die kleinen Dinge achten, die einen Unterschied machen.

Im kommunalen Haushalt konkurrieren soziale Aufgaben, Bildung, Kultur und Infrastruktur miteinander. Wie finden Sie die Balance, wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden können?

Bildung hatte in den Regensburger Haushalten der vergangenen Jahre immer den größten Anteil. Gerade frühkindliche Bildung und Kindertagesstätten sind uns wichtig, weil dort Grundlagen gelegt werden. Zugleich brauchen wir einen ausgewogenen Haushalt. Viele Bereiche stehen nicht so stark in Konkurrenz, wie es zunächst wirkt. Kunst und Kultur haben viel mit Bildung, demokratischer Bildung und einer funktionierenden Stadtgesellschaft zu tun. Eine Wirtschaftspolitik, die Innovationen voranbringt, schafft wiederum Arbeitsplätze. Das greift ineinander, und wir sollten diese Aufgaben nicht gegeneinander ausspielen. Trotzdem müssen wir entscheiden, welche Schule wann saniert wird und welche Maßnahmen wir uns, auch in der Kultur, leisten können. Regensburg geht es vergleichsweise gut, aber auch wir bekommen immer mehr Aufgaben vom Land und vom Bund aufgeladen, ohne entsprechend mehr Geld zur Verfügung gestellt zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, die unterschiedlichen Perspektiven in die politische Diskussion einzubeziehen und Interessen auszugleichen. Wir können nicht jeden Wunsch erfüllen. Wenn die Menschen aber sehen, dass wir um eine ausgewogene Lösung bemüht sind, hilft das dem gemeinsamen Weg.

Sie wollen Regensburg vom Guten zum noch Besseren führen. Was verstehen Sie darunter?

Ich bin gebürtiger Regensburger und immer hier geblieben, weil ich diese Stadt wirklich toll finde: nicht zu groß und nicht zu klein, genau die richtige Mischung. Oft sind es die kleinen Dinge, mit denen wir besser werden können. Vielleicht lässt sich in der Verwaltung etwas vereinfachen, damit wir besser ansprechbar sind, oder es gibt Unterstützungsangebote, die viele Menschen noch gar nicht kennen. Deshalb setze ich auf Zuhören und bin viel unterwegs. So erfährt man, wo es hakt. Manchmal hilft schon eine Bank an einer Bushaltestelle oder ein Abfalleimer. Solche Verbesserungen bringen uns im Alltag oft weiter als die großen Schlagzeilen. Natürlich müssen wir auch schauen, wo es grundsätzliche Probleme gibt. Regensburg ist gut aufgestellt, aber man sollte nie stehen bleiben, sondern immer schauen, was man noch besser tun kann – für uns alle als Stadtgesellschaft.

Herr Burger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Fragen: Dr. Dr. Stefan Groß
Foto: Harald Beitler
(chb)

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