Portraibild von Claudia Steinbauer

Person der Woche: Claudia Steinbauer, Leiterin Katholische Akademie Regensburg

Zukunft der Pflege gemeinsam gestalten


Regensburg, 30. Oktober 2026 

Im Rahmen unserer Reihe „Person der Woche” stellen wir jede Woche interessante Persönlichkeiten aus dem Bistum Regensburg und darüber hinaus vor. Heute möchten wir einen Blick auf die Pflege werfen. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. Zeitgleich nimmt die Zahl der in der Pflege tätigen Menschen immer mehr ab. Diese Entwicklung stellt den Pflegebreich vor große Herausforderungen. 

Die Katholische Akademie der Caritas in Regensburg setzt sich jeden Tag mit dem Thema Pflege auseinander. Wie man junge Menschen für einen Beruf in der Pflege begeistern kann und wie man die Zukunft der Pflege im Zeitalter der KI verantwortungsvoll gestalten kann, darüber haben wir mit Claudia Steinbauer gesprochen. Sie ist die Leiterin und Geschäftsführerin der Katholischen Akademie in Regensburg und zugleich Bildungsreferentin. 

Sehr geehrte Frau Steinbauer, was ist eigentlich die Katholische Akademie für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen in Bayern e.V.?

Seit über 50 Jahren zeichnet sich die Katholische Akademie durch qualitätsgesicherte und anerkannte Bildungsangebote aus, die sich an Menschen des Gesundheits- und Sozialwesens richten. Wir öffnen bewusst neue Lernräume: für systemisches Denken, reflektierte Führung, ethische Orientierung, digitale Souveränität und den professionellen Umgang mit Komplexität und Wandel. Zukunft wird hier nicht theoretisch diskutiert, sie wird konkret gestaltbar gemacht.

„Innovativ, christlich, lebendig“ ist dabei kein Schlagwort - es ist gelebte Haltung. Eine aktuelle interne Organisationsentwicklung unterstreicht den Anspruch der Akademie, Lernen nicht nur zu vermitteln, sondern selbst vorzuleben. Teamarbeit, Offenheit, Vernetzung und kontinuierliche Weiterentwicklung prägen die Kultur – nach innen wie nach außen.

Welche konkreten Angebote gibt es hier in der Akademie?

Das Bildungsportfolio reicht von Führungskompetenz, Fachthemen wie Diabetes und andere chronische Erkrankungen, Pflegefachthemen, Praxisanleitung, Geriatrie und Gerontopsychiatrie, Palliativ Care und Hospizarbeit und Ethik bis hin zur Organisationsentwicklung. Präsenz, Online- und hybride Lernsettings ermöglichen individuelles, zeitgemäßes Lernen – immer mit dem Ziel, Teilnehmende nachhaltig zu stärken, handlungskompetent zu machen, Orientierung über die fachliche Expertise hinaus zu geben.

Wie kann christlicher Glaube konkret im Pflegealltag Platz finden, ohne dass es aufgesetzt oder bevormundend wirkt?

Christlicher Glaube findet im Pflegealltag vor allem durch die Haltung und die Werte, die unser Handeln prägen, seinen Platz. Es geht dabei weniger um ausdrücklich religiöse Angebote, als vielmehr darum, wie wir Menschen begegnen, wie wir miteinander umgehen und wie wir Pflege und Begleitung gestalten.

In der Akademie sind diese Fragen ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Fort- und Weiterbildungen. Das christliche Menschenbild und die damit verbundenen Werte wie Menschenwürde, Nächstenliebe, Respekt, Barmherzigkeit, Achtsamkeit, Solidarität und Verantwortung bilden eine wesentliche Grundlage für die Konzeption unserer Bildungsangebote. Sie beeinflussen sowohl die Auswahl unserer Themen als auch unsere didaktische Gestaltung und unser Verständnis von professionellem pflegerischem Handeln.

Uns ist wichtig, dass diese Werte nicht nur theoretisch vermittelt werden, sie sollen im beruflichen Alltag erfahrbar sein. Das zeigt sich beispielsweise darin, Menschen in ihrer Individualität wahrzunehmen, ihre Selbstbestimmung zu achten, auch in herausfordernden Situationen wertschätzend zu bleiben und Raum für existenzielle Fragen, Ängste, Hoffnungen und spirituelle Bedürfnisse zu geben.

Wie steht es aktuell um den Pflegebereich in Deutschland?

Die Situation der Pflegenden in Deutschland ist aus meiner Sicht von einem deutlichen Spannungsfeld geprägt. Einerseits nehme ich eine Aufbruchstimmung und ein wachsendes professionelles Selbstbewusstsein wahr. Pflegende positionieren sich zunehmend als eigenständige Profession, formulieren ihre fachlichen Ansprüche klarer und fordern zu Recht mehr Verantwortung und Gestaltungsspielraum ein.

Andererseits erleben wir, dass die Pflegenden bei vielen grundlegenden gesundheitspolitischen und strukturellen Entscheidungen noch immer nicht ausreichend beteiligt sind. Diejenigen, die tagtäglich nah an den Menschen arbeiten und über eine hohe fachliche Expertise verfügen, sitzen bei den wirklich wichtigen Entscheidungen häufig nicht mit am Tisch. Hier besteht für mich ein deutlicher Widerspruch zwischen dem Anspruch an die Profession und ihrer tatsächlichen Einflussmöglichkeit. Gleichzeitig stehen Pflegeeinrichtungen und ihre Mitarbeitenden unter enormem Druck. Personalmangel, Arbeitsverdichtung und wirtschaftliche Herausforderungen erschweren es, den eigenen professionellen Ansprüchen im Alltag gerecht zu werden.

Gerade deshalb sehe ich in der Bildung eine wichtige Schlüsselrolle. In unserer Akademie verstehen wir Fort- und Weiterbildung nicht nur als Vermittlung von Fachwissen, sondern auch als Beitrag zur Professionalisierung und Stärkung der Pflegenden. Wir möchten Pflegende darin unterstützen, ihre fachliche Kompetenz weiterzuentwickeln, ihre Haltung zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und ihre Perspektiven selbstbewusst einzubringen. Denn die Zukunft der Pflege darf nicht nur für die Pflegenden gestaltet werden, sie muss wesentlich mit ihnen gestaltet werden. Dafür braucht es neben guten Rahmenbedingungen vor allem eines: die konsequente Anerkennung der Pflege als eigenständige Profession – auch dort, wo Entscheidungen getroffen werden.

 

Was müsste passieren, um Berufe in der Pflege für junge Menschen attraktiver zu machen?

Ich glaube, wir müssen vor allem viel stärker sichtbar machen, wie unglaublich vielfältig, anspruchsvoll und chancenreich Pflegeberufe tatsächlich sind. Pflege ist eben nicht nur ein Beruf, sondern eröffnet ganz unterschiedliche Entwicklungs- und Karrierewege – von der direkten Versorgung über Spezialisierungen in unterschiedlichsten Fachbereichen bis hin zu Praxisanleitung, Management, Pädagogik, Wissenschaft und Forschung.

Gerade jungen Menschen müssen wir diese Perspektiven viel deutlicher aufzeigen. Wer sich für einen Pflegeberuf entscheidet, legt sich nicht auf eine einzige Tätigkeit für das gesamte Berufsleben fest. Im Gegenteil: Die Pflege bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln, neue Aufgaben zu übernehmen und den eigenen beruflichen Weg immer wieder neu zu gestalten. Natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Dienstpläne, angemessene Bezahlung und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten sind entscheidend. Aber ich finde, wir sollten die Pflege nicht ausschließlich über ihre Herausforderungen und Defizite darstellen. Wir müssen auch wieder stärker darüber sprechen, was diesen Beruf so besonders macht: die Verbindung von hoher fachlicher Kompetenz, Verantwortung, menschlicher Nähe, Sinnhaftigkeit und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten.

Als Akademie sehen wir hier einen wichtigen Auftrag. Mit unseren Fort- und Weiterbildungsangeboten möchten wir berufliche Perspektiven eröffnen, Talente fördern und Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg innerhalb der Pflege zu gehen. Mein Wunsch wäre, dass junge Menschen Pflege nicht als berufliche Sackgasse wahrnehmen, vielmehr als eine Profession voller Möglichkeiten, in der sie etwas bewegen, Verantwortung übernehmen und sich ein Berufsleben lang weiterentwickeln können. 

Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn die Menschen pflegebedürftig werden, aber es kein Pflegepersonal gibt?

Die Konsequenzen wären aus meiner Sicht gravierend – und zwar nicht nur für die pflegebedürftigen Menschen, sondern für unsere gesamte Gesellschaft. Wenn professionelle Pflege nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht, würde die Verantwortung zwangsläufig wieder stärker auf die Familien zurückfallen. Und wir wissen, was das in der Realität bedeutet: Es wären vor allem Frauen, die diese Verantwortung übernehmen müssten. Töchter, Ehefrauen und Schwiegertöchter würden ihre Berufstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben, um Angehörige zu versorgen.

Damit würden wir gesellschaftlich einen enormen Rückschritt erleben. Viele Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte – insbesondere im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen, ihre berufliche Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit – stünden wieder infrage. Traditionelle Rollenbilder und Familienkonstellationen, die wir längst überwunden glaubten, würden aus der Not heraus erneut an Bedeutung gewinnen. Und wir dürfen nicht vergessen: Nicht jeder Mensch hat Angehörige, die diese Verantwortung übernehmen können oder wollen. Vereinsamung und damit Diskriminierung pflegebedürftiger Menschen wären die Folgen. Pflegebedürftigkeit darf aber nicht davon abhängen, ob jemand eine Familie hat oder welche finanziellen Möglichkeiten vorhanden sind.

Der Pflegenotstand ist deshalb weit mehr als ein Problem des Gesundheitswesens. Er ist eine gesellschaftliche und gleichstellungspolitische Herausforderung. Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft Verantwortung füreinander übernehmen und wie wir verhindern, dass diese Verantwortung wieder überwiegend auf den Schultern von Frauen lastet. Professionelle Pflege zu sichern bedeutet deshalb nicht nur, eine gute Versorgung pflegebedürftiger Menschen zu gewährleisten. Es bedeutet auch, gesellschaftliche Teilhabe, Chancengerechtigkeit und die Errungenschaften der Gleichberechtigung zu schützen.

 

Frau Steinbauer, Pflege ist ein Thema, das uns alle betrifft. Was bedeutet gute Pflege für Sie persönlich?

Gute Pflege bedeutet für mich in erster Linie, den Menschen in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen und ihm mit Respekt, Wertschätzung und auf Augenhöhe zu begegnen. Jeder Mensch bringt seine eigene Lebensgeschichte, seine individuellen Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten und Ressourcen mit. Diese gilt es zu erkennen, ernst zu nehmen und in die Pflege und Begleitung einzubeziehen. Für mich bedeutet gute Pflege deshalb auch, Menschen nicht auf ihre Erkrankung, ihre Einschränkungen oder ihre Pflegebedürftigkeit zu reduzieren. Vielmehr geht es darum, das zu sehen und zu stärken, was ein Mensch selbst noch kann und möchte. Selbstbestimmung, Würde und die Möglichkeit, das eigene Leben mitzugestalten, dürfen auch bei zunehmender Pflegebedürftigkeit nicht verloren gehen.

Gute Pflege ist für mich immer auch Beziehung und Begleitung. Sie braucht fachliche Kompetenz, Empathie, Zeit zum Zuhören und die Bereitschaft, sich auf die individuelle Lebenssituation eines Menschen einzulassen. Dabei geht es nicht darum, alles für jemanden zu übernehmen, stattdessen ihn dort zu unterstützen, wo er Hilfe benötigt, und seine Selbstständigkeit so weit wie möglich zu erhalten. Letztlich zeigt sich die Qualität von Pflege für mich nicht allein daran, wie gut wir jemanden versorgen, sondern auch daran, wie sehr es uns gelingt, ihm ein selbstbestimmtes Leben in Würde und mit Lebensqualität zu ermöglichen.

Welche Rolle werden Digitalisierung und künstliche Intelligenz zukünftig in der Pflege spielen?

Ich bin überzeugt, dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz zukünftig eine wichtige unterstützende Rolle in der Pflege spielen werden. Sie bieten große Chancen, insbesondere wenn es darum geht, Pflegende bei administrativen und organisatorischen Aufgaben zu entlasten, Prozesse zu vereinfachen und mehr Raum für die eigentliche pflegerische Arbeit zu schaffen. Gleichzeitig halte ich es für entscheidend, diese Entwicklungen kritisch und differenziert zu betrachten. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist automatisch sinnvoll oder für den Einsatz in der Pflege geeignet. Wir müssen uns immer fragen: Welchen konkreten Nutzen bringt eine Technologie für die pflegebedürftigen Menschen und die Pflegenden? Wo unterstützt sie professionelles Handeln, und wo liegen ihre Grenzen?

Eine Frage beschäftigt mich dabei besonders: Was passiert eigentlich mit der Zeit, die durch den Einsatz von KI und digitalen Technologien eingespart wird? Kommt diese tatsächlich den pflegebedürftigen Menschen zugute? Entsteht dadurch wirklich mehr Zeit für persönliche Zuwendung, Gespräche und individuelle Begleitung? Oder führt die gewonnene Effizienz am Ende lediglich dazu, dass noch mehr Aufgaben in noch kürzerer Zeit erledigt werden müssen? Hier müssen wir genau hinschauen. Denn Digitalisierung darf nicht ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Ihr Erfolg sollte sich nicht allein an eingesparter Zeit oder optimierten Prozessen messen lassen. Sie soll die Qualität der Pflege und die Arbeitsbedingungen der Pflegenden tatsächlich verbessern.

Gerade in der Pflege, in der Beziehung, Vertrauen und menschliche Nähe eine zentrale Rolle spielen, darf die Technik niemals zum Selbstzweck werden. Auch für uns als Akademie ergibt sich daraus ein wichtiger Bildungsauftrag. Wir möchten Pflegende nicht nur dazu befähigen, neue Technologien kompetent einzusetzen, stattdessen deren Nutzen, Grenzen und ethische Auswirkungen kritisch zu hinterfragen und ihre Einführung aktiv mitzugestalten. Für mich ist deshalb entscheidend: Digitalisierung und KI müssen dem Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Und die Zeit, die wir durch Technologie gewinnen, sollte dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht wird: bei den Menschen, die auf Pflege und Zuwendung angewiesen sind.

Wenn Sie die Zukunft der Pflege in einem Satz beschreiben müssten: Was wäre Ihre wichtigste Botschaft an die Menschen, oder die Politik?

Die Zukunft der Pflege kann nur gemeinsam gestaltet werden – die Profession Pflege muss an allen sie betreffenden Entscheidungen gleichberechtigt beteiligt sein und diese maßgeblich mitgestalten.

Die Fragen stellte Christian Beirowski.

Fotos: Katholische Akademie Regensburg
(chb) 

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