Professorin bei der Vorlesung

Michael Krewet und Julie Casteigt halten Antrittsvorlesungen an der Uni Regensburg

Gewinn für die Geisteswissenschaften


Regensburg, 4. Mai 2026

Am Abend des 29. April 2026 präsentierte sich die Universität Regensburg im besten Licht. Die in großer Zahl erschienenen Anwesenden im H 24 des Vielberth-Gebäudes konnten zwischen 17 und 19.15 Uhr ein Tableau vivant von Grußworten und Vorträgen erleben, welches sich zu etwas zusammenfügte, das mit Fug und Recht als eine Sternstunde der Geisteswissenschaften bezeichnet werden darf. Anlass der Veranstaltung waren die Antrittsvorlesungen von Prof. Dr. Michael Krewet (Lehrstuhl für klassische Philologie – Gräzistik) und von Professorin Dr. Julie Casteigt (Lehrstuhl – plus Spitzenprofessur – für Philosophische Grundlagen der Theologie).

Die beiden Vorlesungen wurden durch Grußworte von Univ.-Präsident Udo Hebel, gefolgt von den Professoren Bernhard Dotzler, Tobias Nicklas und Rolf Schönberger, eingeleitet, die sich durchgängig durch souveräne Sachkenntnis, große Klarheit und feinsinnigen Humor auszeichneten. Beide Neuberufenen, die bereits einige Semester lang in Regensburg forschen und unterrichten, wurden sowohl trefflich charakterisiert als auch herzlich willkommen geheißen: Beide Fakultäten, wie auch die Universität Regensburg insgesamt, dürften sich, so der gemeinsame Tenor, einfach glücklich schätzen, zwei in höchstem Maße distinguierte Wissenschaftler hinzugewonnen zu haben.

Professor Krewet sprach über eine These, die sich bereits bei Hegel findet und die unlängst von keinem Geringeren als Vittorio Hösle mit Verve verteidigt worden ist: Die Geschichte der attischen Tragödie vollende sich in Sophokles‘ Spätwerk „Philoktet“. Der springende Punkt und besondere Reiz dieser These liegt in dem Umstand beschlossen, dass die besagte Vollendung mit Aristoteles‘ Dramentheorie nicht in Übereinstimmung zu bringen sei. Dieser Klassiker der Poetik hatte einen Umschlag vom Glück ins Unglück bei dem Helden des Dramas als die gattungsbildende differentia specifica der Tragödie ausgemacht – der „Philoktet“ aber weise einen glücklichen Ausgang auf... Michael Krewets eindringliche Textanalysen vermochten jedoch zu verdeutlichen, dass Philoktets leidenschaftlicher Einsatz für Menschlichkeit, ungeachtet seiner schlussendlichen Versöhnung mit Neoptolemos und Odysseus, dennoch als für ihn selbst frustrierend betrachtet werden müsse. Ungeachtet des „happy ends“ bleibe ein lastender und dunkler Schatten auf der Seele des Helden liegen.

Die Trinitätslehre von Albertus Magnus

Ganz wie Professor Krewet brach auch Professorin Casteigt („Kann aus der mittelalterlichen Philosophie etwas Gutes hervorgehen?“) eine Lanze für Aristoteles – wenn auch indirekt. Ihr Held ist nämlich Albertus Magnus, „doctor universalis“ und ehedem Bischof von Regensburg. Allerdings hatte einleitend bereits der renommierte Neutestamentler Professor Nicklas auf den Umstand verwiesen, dass Albert sich seinerzeit justament die modernste und theologisch umstrittenste Philosophie zur Gefährtin – dieser Begriff dürfte es besser treffen als der einer Magd – seiner Theologie auserkoren hatte, i. e. die aristotelische. Professor Schönberger sprach in einem brillanten Kurzvortrag u. a. von der „zentralen Rolle“, die Albert für Julie Casteigts Denken spiele, wobei er das treffliche Bonmot anfügte, es würden „Gedanken von Frau Casteigt nicht nur beschrieben, sondern auch gedacht“. 

Um das Wichtigste gleich vorwegzusagen: Wie (ungeachtet der bekannten Skepsis Nathanaels) auch aus Nazareth durchaus „etwas Gutes“ kommen konnte, so aus dem vorgeblich obskuren Mittelalter und dessen noch weit verdächtigerer Scholastik. Ebenso konkret wie paradigmatisch wurde von der Vortragenden auf die Trinitätslehre des späten Albert in seiner eigenen „Summa theologiae“ verwiesen, einer bei genauer Hinsicht mustergültigen Philosophie der Differenz avant la lettre. Die „Ko-Ursprünglichkeit von Einheit und Differenz“, die wir – außer in einigen modernen Formen von Kunst (beispielsweise bei Cy Twombley) und Musik (etwa bei Arnold Schönberg) – nicht zuletzt in den „Überlagerungen der Quantenphysik“ wiederfinden können, sei mustergültig bereits von Albert bedacht wie formuliert worden. 

Genauer besehen habe Albert eine bislang so gut wie unbeachtete „Grammatik der Bedeutungen“ erstellt, die es gestatte, das göttliche Wesen auf vier Weisen zu beschreiben, die allesamt durchaus Verschiedenes ausdrücken, ohne sich im Geringsten zu widersprechen. Eine solche Grammatik sei für das kühne Unterfangen, über die göttliche Trinität zu sprechen, schon deswegen unabdingbar, da sie sich neutral verhalte gegenüber realistischen, nominalistischen, transzendentalphilosophischen und weiteren denkbaren Erklärungsvorschlägen. Das bedeutet: Sie nimmt das Resultat der Erwägungen nicht bereits in der Methode der Beschreibung und der Art der Problemlösung vorweg. Darüber hinaus bahne Alberts neu entdeckte „Grammatik“ der Theologie einen neuen Weg um beispielsweise mit der modernen Physik in einen fruchtbaren Dialog einzutreten. Die von Albert am Beispiel der Trinität durchgespielte Philosophie der Differenz erweise sich insgesamt als „offen für mannigfache Begegnungen und Erzählungen“. 

Nach dem langanhaltenden Applaus eines merkbar beeindruckten Publikums im Vortragssaal brachte Bischof Dr. Rudolf Voderholzer im angrenzenden Foyer, einem Gesprächspartner gegenüber, seine tief empfundene Befriedigung über die Antrittsvorlesung von Julie Casteigt zum Ausdruck. Bei der Neuberufenen und bereits mit höchsten Auszeichnungen Bedachten handele es sich, so Bischof Rudolf, um eine Theologin und Philosophin, die es verstünde, „Funken aus der mittelalterlichen Philosophie zu schlagen, die heute noch zünden und erhellen“. Sie habe auf bewundernswerte Weise die Bedeutung der Trinitätstheologie seines großen Vorgängers auf dem Bischofsstuhl herausgearbeitet und im Grunde „nachgewiesen, dass man sich auf der Höhe des wissenschaftlichen Diskurses unserer Gegenwart der Trinitätsthematik eigentlich gar nicht entziehen“ könne. 

Text: Sigmund Bonk

(kw)



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