News Bild Läuten, hören und aufschauen – Am Mittag des Ostersonntags sind alle Glocken im Einsatz

Läuten, hören und aufschauen – Am Mittag des Ostersonntags sind alle Glocken im Einsatz

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Ein vertrautes und heimatliches Gefühl ruft es bei vielen hervor: das Läuten von Kirchenglocken. In letzter Zeit hat Glockengeläut eine vertiefte Bedeutung erlangt. Während man sich nicht zum Gebet treffen kann, weiß man doch: Wo eine Glocke geläutet wird, da betet einer, da feiert einer stellvertretend die Messe, auf jeden Fall: Da hört einer gerade auf den selben Klang. Martin Kellhuber, Glockensachverständiger im Bistum Regensburg, bestätigt diesen Eindruck: „In Krisenzeiten kann das durchaus sein, dass Glockengeläut die Leute zusammenführt. Das Gefühl kommt auf: Wir halten zusammen, wir fühlen gemeinsam und beten gemeinsam“. Die Sprache der Glocken ist für viele Menschen gar nicht ohne weiteres verständlich.

 

Warum läuten Glocken?

Die Glocken selbst sind häufig der erste Fundort, wenn man wissen will, zu welchem Zweck sie eingesetzt werden. In vielen Fällen ist dort etwas eingraviert, was über die Verwendung der Glocke berichtet. Eine berühmte Inschrift aus dem 15. Jahrhundert – sie wurde von Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ verarbeitet – findet sich auf einer Glocke im Schaffhauser Münster: Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango. Die Lebenden rufe ich, die Toten betrauere ich, die Blitze breche ich. Auf drei Hauptfunktionen des Läutens wird hier angespielt: Glocken läuten, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen. Sie läuten auch, um den Eintritt eines Todes bekannt zu geben. Und das fulgura frango weist darauf hin, dass dem Läuten unter anderem apotropäische Wirkung zugesprochen wurde, man also davon ausging, dass es Unheil abwenden kann. Es gibt aber noch weitere Gründe für das Läuten von Glocken. Wichtig ist und war vor allem in früheren Zeiten die Funktion, den Tag einzuteilen. Neben dem Stundenschlag wird der Tag durch Gebetläuten am Morgen, Mittag und Abend strukturiert. Das Gebetläuten, das regional variiert, ist verbunden mit einem kurzen Gebet, häufig dem Angelus („Engel des Herrn“): Wenn die Glocke erklingt, unterbrechen Gläubige ihre Tätigkeit und sprechen das Gebet. In vielen Ortschaften ist freitags um 15:00 Uhr ein Läuten zu vernehmen – das soll an die Todesstunde Jesu erinnern.

 

Von Einzelglocken zu großem Geläut

Glockensachverständiger Martin Kellhuber weist darauf hin, dass sich die Läutegewohnheiten verändert haben. Früher seien vor allem „Individualisten“, einzelne Glocken mit charakteristischem Klang, wichtig gewesen, durch die man sofort erkannte, was der Anlass ist. Das gilt heute noch teilweise für die Totenglocke. Während man früher überwiegend mit Einzelglocken läutete, liegt seit etwa 100 Jahren das Hauptaugenmerk auf dem Gesamtgeläut. Hierbei werden die Glocken speziell aufeinander abgestimmt, um einen guten Gesamtklang zu geben.

In seiner Palmsonntagspredigt sprach Bischof Rudolf Voderholzer davon, dass viele die jetzige Lage mit Kriegszeiten vergleichen. Es gäbe aber einige sehr wesentliche Unterschiede, sagte der Bischof. Einer dieser Unterschiede sei zum Beispiel, dass im Zweiten Weltkrieg die Glocken des Regensburger Doms abgenommen werden mussten. Sie wurden eingeschmolzen und es wurden Kanonen oder Panzer aus ihnen gefertigt. „Welch‘ eine Freude umgekehrt“, betonte der Bischof in seiner Predigt, „wenn wir gerade jetzt doch auch immer wieder das volle Glockengeläut vernehmen dürfen und zu den Kirchtürmen hinaufschauen können.“

 

Die Glocken fliegen nach Rom

Ein Zeichen, das in dieser Karwoche besonders deutlich sein wird, ist das Schweigen der Glocken von Gründonnerstagabend bis Ostern. Im Volksmund heißt es, die Glocken – oder deren Klöppel – fliegen nach Rom. Sie würden dort vom Papst gesegnet und kehrten zur Auferstehung wieder zurück. Das Aussetzen des Glockengeläuts, sagt Martin Kellhuber, stehe ganz schlicht für die Trauer. „Alles Laute verbietet sich da. Nach der Gefangennahme Christi bis zur Auferstehung symbolisiert das Schweigen der Glocken die Abwesenheit Christi.“ Die Große Fürstin, eine der Glocken des Regensburger Domes, weist durch ihre Inschrift auf den alten Brauch hin: Christus cum iacet, campana tacet. Wenn Christus im Grab liegt, schweigen die Glocken.

 

Osterjubel

Wahrscheinlich wird gerade in diesem Jahr das Wiedereinsetzen der Glocken in der Osternacht besonders deutlich wirken. Am Ostersonntag werden dann um 12:00 Uhr alle Glocken der katholischen und evangelischen Kirchen eine Viertelstunde lang läuten und volltönend die Osterbotschaft verkünden. „Es ist ein großartiges ökumenisches Zeichen“, sagte Bischof Voderholzer in seiner Predigt am vergangenen Sonntag: „Lassen wir uns von diesem Zeichen innerlich anrühren!“