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Zur Neuigkeit
Kirchen aus dem Bistum Regensburg: St. Ulrich in Ainau
Romanische Weltdeutung in Stein
Geisenfeld / Regensburg, 16. April 2026
Die Pfarrkirche St. Ulrich in Ainau ist eines jener Bauwerke, die ihre Größe nicht durch eine überbordende Ausdehnung, sondern aus Verdichtung beziehen. Was hier auf engem Raum errichtet wurde, ist mehr als ein ländliches Gotteshaus – es ist ein in Stein gefasstes Bildprogramm, ein Werk von hoher künstlerischer Disziplin. Zugleich zeichnet es sich als Zeugnis mittelalterlicher Frömmigkeit aus, die sich in Architektur und Skulptur zu erkennen gibt. Gerade in ihrer Abgeschiedenheit bewahrt diese Kirche eine Eindringlichkeit, die den Blick nicht zerstreut, sondern sammelt.
Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Ulrich in Ainau, einem Stadtteil von Geisenfeld im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, ist eine romanische Apsidenanlage aus dem 13. Jahrhundert. Dass ausgerechnet die kleinste Pfarrei der Diözese Regensburg ein solches Bauwerk birgt, ist mehr als eine hübsche Randbemerkung. Es ist ein Hinweis darauf, dass Rang in der Kunst nie eine Frage der Ausdehnung war, sondern der Konzentration.
Hier steht kein monumentaler Bau, der den Betrachter überwältigen will. Vielmehr begegnet man einem Gotteshaus, das seine Wirkung aus Maß, Fügung und geistiger Dichte gewinnt. Schon der erste Blick auf St. Ulrich lässt spüren, dass dieser Ort nicht zufällig gewachsen ist, sondern aus einem Willen zur Form hervorgegangen sein muss, der das Nützliche überstieg und auf Dauer zielte. Der Kirchenpatron ist Ulrich von Augsburg, einer der drei Patrone des Bistums Augsburg. Das Gebäude selbst, reich an Skulpturenschmuck und mit einem außerordentlich qualitätvollen Portal aus der Bauzeit versehen, gehört zu den geschützten Baudenkmälern Bayerns.
Auf einem Hügel, über der Zeit
Die auf einem künstlich angelegten Hügel etwas abseits gelegene Ulrichskirche wurde um 1220/30 beziehungsweise um 1230 vermutlich als Burgkapelle einer heute nicht mehr erhaltenen Wasserburg errichtet. Schon diese Lage verleiht ihr einen eigentümlichen Charakter. Die Kirche steht nicht einfach nur in der Landschaft; sie wirkt, als ruhe sie auf einem älteren Gedächtnis von Schutz, Herrschaft und Sammlung. Nach einer Überlieferung wurde sie vermutlich auf dem Fundament einer kleinen Burg erbaut, die Herzog Adalbero um 1036 errichtet haben soll.
Solche geschichtlichen Tiefenschichten sind bei diesem Bau nicht bloß Beiwerk. Man meint sie förmlich noch im Stein zu spüren. Die Kirche erhebt sich nicht wie ein isoliertes Kunstwerk, sondern wie eine Form, die aus Jahrhunderten herausgeschlagen wurde. Gerade darin liegt ihr Reiz: Sie ist gebauter Glaube, aber ebenso Sediment vergangener Ordnungen.
Romanische Strenge, innere Sammlung
Die Kirche besteht aus einem rechteckigen, einschiffigen Langhaus, einer eingezogenen halbrunden Apsis und dem Turm. Der Bau ist in Gussmauerwerk errichtet und mit regelmäßigen Quadern aus Kelheimer Kalkstein verblendet. Das Langhaus besitzt eine Holzfelderdecke, die Apsis wird von einem aus gotischer Zeit stammenden Netzrippengewölbe gedeckt.
Was auf dem Papier knapp beschrieben ist, entfaltet in der Anschauung eine bemerkenswerte Wirkung. Diese Architektur kennt keine Willkür, keine nervöse Bewegung, kein gefälliges Spiel mit Formen. Alles ist auf Ruhe, Fassung und Ordnung hin gebaut. Gerade das macht die romanische Kunst so unverwechselbar: Sie sucht nicht die Bewegung des Augenblicks, sondern die Dauer. Sie will nicht verführen, sondern gründen. In Ainau ist diese Haltung mit seltener Reinheit bewahrt.
Das Langhaus mit seiner schlichten Decke besitzt jene herb-schöne Klarheit, die den Blick nicht zerstreut. Die Apsis wiederum trägt bereits Spuren späterer Zeiten, ohne dass der ursprüngliche Kern zerstört worden wäre. So steht St. Ulrich vor dem Betrachter nicht als starres Relikt, sondern als gewachsene Gestalt, in der die Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben, ohne die innere Geschlossenheit des Ganzen aufzulösen.
Die Spuren der Jahrhunderte
Bei der ersten Umgestaltung im 15. Jahrhundert oder zu Anfang des 16. Jahrhunderts vergrößerte man die Fenster und erhöhte die Apsis, deren ursprüngliche Halbkuppel beim Einbau des gotischen Netzrippengewölbes durchbrochen wurde. Vermutlich besaß die Apsis ehemals ein von außen zugängliches profanes Obergeschoss. Auf die Apsis setzte man einen Turm, der zunächst mit einem Satteldach gedeckt war und erst im 19. Jahrhundert sein heutiges Pyramidendach erhielt. Der Aufbau des Turms führte später zu Rissen im Gemäuer, da das Gebäude in diesem Bereich kein ausreichend starkes Fundament besaß.
Beim nächsten Umbau, der im Jahr 1702 erfolgte, verlegte man den Eingang an die Westfassade und mauerte das romanische Südportal zu. Erst in den Jahren 1858 bis 1861 wurde dieses Portal wieder freigelegt; zugleich verlängerte man das ursprünglich 7,60 Meter lange und 5,90 Meter breite Langhaus um 5,30 Meter nach Westen. Unmittelbar neben St. Ulrich wurde 1862 bis 1863 das heute ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Pfarrhaus errichtet.
Gerade solche baulichen Veränderungen machen den Reiz des Bauwerks aus. Es ist nicht die starre Reinheit eines museal konservierten Zustands, die hier begegnet, sondern ein lebendiger Organismus der Geschichte. Jede Epoche griff ein, besserte aus, überformte, ergänzte. Und doch blieb etwas Unverwechselbares erhalten: eine innere Tonlage des Baus, die alle Eingriffe überdauerte.
Das Südportal – Schwelle und Offenbarung
Die eigentliche Berühmtheit von St. Ulrich liegt im romanischen Südportal. Es gehört zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Landkreises und wird von Kunstsachverständigen hoch geschätzt. Wer vor ihm steht, versteht rasch, warum. Dieses Portal ist nicht bloß ein Zugang, sondern eine ins Steinwerk eingesenkte Theologie, eine Schwelle, an der Lehre, Heilshoffnung und künstlerische Form in eine beeindruckende Einheit treten.
Zu dem Portal führen vier Stufen hinauf. Es wird von einem rechteckigen Blendrahmen eingefasst, den oben ein Zahnfries abschließt. Der Rechteckrahmen und die Archivolten des Rundbogens über dem Portal werden von profilierten Kämpferplatten aufgefangen, die auf eingestellten Säulen und Pfeilern aufliegen. Schon in dieser Gliederung liegt eine feierliche Strenge. Nichts ist beiläufig, nichts dem Zufall überlassen. Jeder Stein scheint seinen Ort mit derselben Selbstverständlichkeit gefunden zu haben, mit der ein Satz in einer großen Prosa an seinen Platz tritt.
Besonders eindrucksvoll sind die Würfelkapitelle der Säulen, verziert mit Flechtwerk und kleinen menschlichen Köpfen. Auch die äußere Archivolte und die äußere Portallaibung sind mit knospenartigen Gebilden und kleinen Köpfen besetzt. An den Basen erscheinen links eine männliche Figur und eine Tierfratze, rechts eine weibliche Figur. Das alles besitzt nicht den Charakter eines bloßen Ornaments. Vielmehr lebt hier jene romanische Lust an der belebten Form, die den Stein nicht auflöst, sondern ihn gleichsam von innen her zum Sprechen bringt.
Christus über der Schwelle
Über dem profilierten Rahmen thront der lehrende Christus. Das Relief über dem Portal zeigt die Majestas Domini: Christus erhebt die rechte Hand zum Segen und hält in der linken das Buch des Lebens. Man kann an dieser Stelle ermessen, wie sehr die romanische Plastik auf Konzentration angelegt ist. Christus erscheint nicht als dramatisch bewegte Gestalt, nicht als pathetische Szene, sondern als ruhende Mitte. Er segnet, er lehrt, er herrscht – und tut dies ohne äußere Gebärde des Spektakels. Gerade diese Sammlung gibt der Darstellung ihre Autorität. Sie ist nicht laut und darum umso eindringlicher.
Hier offenbart sich ein Grundzug mittelalterlicher Kunst, der dem modernen Auge erst wieder mühsam nahegebracht werden muss: Größe entsteht nicht notwendig durch Bewegung, sondern durch Gegenwart. Christus ist über diesem Portal nicht Episode, sondern Ordnung. Er ist der Maßstab des Eintretens, die Mitte der Schwelle, der Sinn des Hauses selbst.
Abrahams Schoß – Stein gewordene Verheißung
Von eigentümlicher Dichte ist das tief eingeschnittene Tympanon. Es zeigt eine bärtige Figur, die auf ihren Armen ein Tuch ausgebreitet hält, aus dem vier Köpfe ragen. Die Szene wird auf das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus aus dem Lukasevangelium bezogen, auf die Aufnahme des Lazarus in Abrahams Schoß. Das Tympanon zeigt Abraham, der – als Symbol endzeitlicher Hoffnung – vier Menschen aufnimmt.
Es ist dies eines jener Bilder, in denen die mittelalterliche Welt ihren Glauben nicht diskutiert, sondern anschaulich ordnet. Über dem Eingang zur Kirche steht nicht eine abstrakte Idee, sondern ein Bild der Geborgenheit nach der Not, der Aufnahme nach der Verlassenheit, der Hoffnung jenseits der Härten des Irdischen. Schon darin liegt eine große Kraft. Denn die Kirche zeigt dem Eintretenden nicht zuerst Drohung, sondern Verheißung.
Über Abraham sind drei Halbfiguren angeordnet, an denen noch Farbreste zu erkennen sind. Rechts und links außen sieht man zwei sitzende, ebenfalls bärtige Personen, an den Ecken unten sind zwei Köpfe eingezwängt. Gerade diese eigentümliche Verdichtung der Figuren verleiht dem Tympanon seinen stillen Nachdruck. Nichts ist hier locker komponiert, alles steht unter Spannung. Das Relief wirkt beinahe wie ein in Stein gepresster Gedanke, fest, dunkel, tröstlich.
Einzug in Jerusalem – Bewegung und Form
Rechts neben dem Portal wird auf drei Quaderblöcken in Sockelhöhe der Einzug Christi in Jerusalem dargestellt. Jesus reitet, die Hand zum Segen erhoben, auf einer Eselin in die Stadt hinein. Vor den Türmen und Mauern der Stadt steht eine Frau mit einem Kind; in der linken Hand hält sie Palmzweige. In der Mitte verbeugen sich zwei Personen beziehungsweise legen Palmzweige aus. Eine weitere Person – vielleicht Zachäus – schaut von einem Baum aus auf die Szene.
Diese Darstellung besitzt etwas ungemein Anrührendes. Sie bleibt erzählerisch, ohne ins Anekdotische abzugleiten. Sie ist bewegt, ohne unruhig zu werden. Gerade das ist die Stärke romanischer Reliefkunst: Sie nimmt ein Geschehen auf und unterstellt es einer höheren Ordnung. Was hier gezeigt wird, ist nicht bloß ein Vorgang, sondern das Kommen des Heilands in die Welt, gerahmt von Stadt, Mensch und Natur, gebunden in ein Gefüge aus Blicken, Haltungen und Zeichen.
Die Figuren wirken in ihrer Knappheit fast archaisch, und doch liegt in ihnen eine große Präsenz. Die Frau mit dem Kind, die Palmzweige, die sich verbeugenden Gestalten, der vom Baum herabblickende Beobachter – all das macht die Szene anschaulich und zugleich durchsichtig auf ihren Sinn hin. Nichts ist zufällig. Alles steht im Dienst des Kommenden.
Die Apsis – das schöne Maß der Romanik
Sehr schön ist auch die gut erhaltene romanische Apsis. In die Außenwand der Apsis sind drei, von Rundbogenfriesen gerahmte Blendfelder eingeschnitten. Die Bogenfriese ruhen auf figürlich gestalteten Konsolen, auf denen Tier- und Menschenköpfe dargestellt sind.
Gerade an dieser Apsis zeigt sich jene stille Meisterschaft, die der romanischen Baukunst eigen ist. Hier ist nichts grell, nichts auf Effekt hin zugespitzt. Und doch besitzt diese Wandgliederung eine große Schönheit. Die Blendfelder, die Friese, die Konsolen – alles ist maßvoll geordnet, alles trägt jene Ruhe in sich, die nur aus formaler Disziplin hervorgeht.
Man möchte fast sagen: Diese Apsis atmet. Sie lebt nicht durch Bewegung, sondern durch Rhythmus. Ihre Schönheit liegt nicht in dekorativer Üppigkeit, sondern in jener stillen Evidenz, mit der ein wohlgefügter Bau dem Betrachter entgegentritt. Es ist die Schönheit des rechten Maßes.
Gefährdung, Rettung und neue Gestaltung
In den Jahren 2002 bis 2008 erfolgte eine grundlegende Sanierung der Kirche mit einer umfangreichen Innen- und Außenrenovierung. 2003/04 erhielt das Baudenkmal mit dem Verfahren der Hochdruckinjektion ein neues Fundament aus tief gründenden Betonsäulen. Der während der Sanierung hinzugerufene Archäologe Magnus Wintergerst fand Hinweise, dass der Bauplatz ursprünglich eine Motte gewesen sein könnte.
Solche Maßnahmen machen bewusst, wie verletzlich selbst die dauerfestesten Steine sind. Auch ein Bauwerk wie St. Ulrich, das den Eindruck unerschütterlicher Geschlossenheit vermittelt, bleibt der Zeit ausgesetzt. Gerade deshalb kommt der Sanierung eine Bedeutung zu, die über das Technische hinausgeht. Sie ist nicht bloß Reparatur, sondern Weitergabe.
Die gesamte Altarraumgestaltung schuf Bildhauer Karl-Heinz Torge; die Pietà schnitzte Christa Torge. Damit ist dem alten Bau eine neue Schicht eingeschrieben worden. Doch gerade darin zeigt sich, dass ein lebendiges Gotteshaus nicht im Zustand musealer Erstarrung aufgeht. Es bleibt offen für behutsame Ergänzung, sofern diese den Charakter des Ortes wahrt und ihm nicht widerspricht.
Ein Bauwerk von seltener Geschlossenheit
St. Ulrich in Ainau ist weit mehr als ein abgelegenes Dorfkirchlein. In diesem Bau verdichten sich Architektur, Skulptur und Heilsaussage zu einer ungewöhnlich geschlossenen Einheit. Das Südportal mit seiner reichen plastischen Ausstattung, das Tympanon mit dem Bild Abrahams, die Darstellung des Einzugs in Jerusalem und die schöne romanische Apsis verleihen der Kirche einen Rang, der weit über das Lokale hinausweist.
Vielleicht ist es gerade das, was diesen Ort so eindringlich macht: Er will nichts beweisen, nichts ausstellen, nichts laut behaupten. Er ist einfach da – fest, gesammelt, von Jahrhunderten umstanden. Und eben darin liegt seine Wirkung. St. Ulrich bewahrt nicht nur ein Stück Baugeschichte, sondern eine Form des Sehens. Wer vor diesem Portal steht, wer die Apsis betrachtet, wer die Figuren im Stein liest, begegnet einer Welt, in der Kunst noch aus Glauben, Ordnung und Hoffnung hervorging. Das ist nicht wenig. Es ist, im besten Sinne, ein steinernes Gedächtnis.
Text: Stefan Groß
Bilder: G. Freihalter / Lizenz CCA3.0
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