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Heilig im Alltag: Jesus und die Frau am Brunnen

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Einsam war sie, diese Frau. Es hat schon seinen Grund, dass sie gerade um die Mittagszeit zum Brunnen geht. Eine beschwerliche Arbeit ist es allemal. Sie schleppt die schweren Tonkrüge zum Brunnen, lässt sie hinab in die Zisterne, zieht sie herauf. Noch schwerer sind sie jetzt, kaum mehr zu tragen. Beschwerlich genug – und sicherlich keine Arbeit, die man im Nahen Osten freiwillig zur Zeit der sengenden Mittagshitze verrichten würde. Eher am Morgen oder am Abend, wenn die Sonne ihre Kraft erst sammeln muss oder bereits wieder verloren hat.

Und dennoch steht sie am Mittag an diesem Brunnen, so wie jeden Tag. Die Frau hat ihre Gründe. So kann sie den anderen Bewohnern ihres Dorfes entgehen. Garantiert wird niemand anders um diese Zeit den beschwerlichen Gang zum Wasser antreten. Die Rechnung geht an diesem Tag nicht auf – heute ist sie nicht alleine an diesem Brunnen, auch wenn sie keinen Dorfbewohnern, sondern einem Fremden begegnet. Ein Mann sitzt da am Brunnen und sagt fordernd: „Gib mir zu trinken!“

 

Jesus legt den Finger in die Wunde

Jesus spricht sie an, diese Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4,1-42). Sie ist erstaunt und verwundert – denn sie ist eine Samaritanerin, gehört zu einer Gruppe, die einen dem Judentum sehr ähnlichen und doch anderen Glauben hat. Juden und Samariter meiden sich für gewöhnlich; das zeigt auch das im Lukasevangelium überlieferte Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Jesus kümmert sich in diesem Augenblick aber nicht darum. Er sieht die Frau und er erkennt ihr Leid, sieht, dass sie ausgestoßen ist. Und er legt den Finger direkt in die Wunde: „Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ Die Frau antwortet wahrheitsgemäß: „Ich habe keinen Mann.“ Wieder Jesus: „Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

 

Jesus sieht Brüche im Leben

Jesus spricht die Brüche im Leben dieser Frau mit aller Deutlichkeit an. Fünf Beziehungen sind – aus welchen uns unbekannten Gründen auch immer – gescheitert und zerbrochen. Wir wissen nicht, ob der Mann jeweils die Scheidung verlangt hat, wissen nicht, was genau vorgefallen ist, können nur ahnen: So hatte sich die Frau am Jakobsbrunnen das nicht vorgestellt. Die Beziehung, in der sie jetzt lebt, ist keine Ehe – aus welchen uns wiederum unbekannten Gründen auch immer. Im Dialog zwischen Jesus und dieser Frau scheint die Zeit stillzustehen. Was wird sie sich gedacht haben, die einsame Frau, die Gemiedene, die Verlachte? Was dachte sie, als dieser unbekannte Mann sie nicht nur ansprach, sondern ihr ganzes Leid in so wenigen Sätzen zu erfassen vermochte?

 

Jesus – Prophet oder Messias?

Die Frau, die für uns namenlos bleiben muss, kehrt in ihr Dorf zurück. Sie kann und will nicht für sich behalten, was sie erfahren, wem sie begegnet ist. Sie erzählt es allen: Da ist einer – der könnte der Messias sein. Auf ihr Wort hin kamen, so berichtet das Johannesevangelium, viele Menschen aus dem Dorf zum Glauben an Jesus Christus. Die Frau ist dem Herrn begegnet. Ihre Begegnung kann ein Modell auch für uns Christen heute sein.

 

„Er ist wirklich der Retter der Welt.“

Zunächst können wir einen Prozess feststellen. Es dauert, bis die Frau vom Jakobsbrunnen begreift, was hier geschieht. Sie steigert ihr Bekenntnis. Zunächst sagt sie zu Jesus: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bis.“ Als sie im Dorf von ihrer Begegnung berichtet, äußert sie schon die vorsichtige Vermutung, es könnte sich bei dem unbekannten Mann um den Messias handeln. Am Ende der Perikope findet sich dann eines der schönsten Glaubensbekenntnisse, die wir im Neuen Testament finden können. Die Bewohner des Dorfes ließen sich überzeugen, sie waren selbst dem Herrn begegnet und können bekennen: „Er ist wirklich der Retter der Welt.“

 

Glaube ist Prozess

Die Überzeugung steigert sich: Glauben ist ein Prozess. Am Anfang steht die Begegnung mit dem Herrn; eine Begegnung, die man vielleicht zunächst gar nicht einordnen kann. Von dieser Begegnung aber kann die Frau nicht einfach schweigen. Zu wunderbar ist, was sie sah. Sie muss die Freude und die Erkenntnis teilen, kann gar nicht anders, als die gute Botschaft zu verbreiten. So sollte es doch eigentlich allen Christen gehen: Wir haben einen Schatz geborgen, von dem zu schweigen sich verbietet. Im Matthäusevangelium heißt es: „Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund.“ (12,34)

Die Begegnung mit dem Herrn kann den Finger in die Wunde legen – und ja: das kann schmerzhaft sein. Am Brunnen spricht er direkt die Brüche im Leben der Frau an und vielleicht resultieren diese Brüche ja auch aus ihren Fehlern. Wer weiß. Aber am Ende dieses Prozesses steht nicht der reine Schmerz, die Enttäuschung, die Verdammnis. Am Ende steht das Bekenntnis der Samaritaner: „Er ist wirklich der Retter der Welt.“ Diese Botschaft zu verbreiten, ist Berufung aller Christen. Durch die Taufe gehören wir zum Herrn. In der Taufe sind wir ihm begegnet. Die Taufe war unser Brunnenereignis mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Diese Botschaft will uns ergreifen, jeden Tag mehr, immer mehr, immer intensiver. Diese Botschaft will uns selbst zu Botschaftern der Gnade Gottes machen.