Ölbäume, Morgenstimmung

Durch das Kirchenjahr: der Blog für Allerheiligen

Opium für das Volk?


Allerheiligen – Matthäus 5, 1 – 12a

„In jener Zeit, 1als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. 2Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: 3Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. 6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. 7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. 9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 10Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.11Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. 12aFreut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“

Das heutige Evangelium könnte man als Bestätigung der neuzeitlichen Religionskritik lesen. Da hieß es ja etwa, Religion sei das „Opium“ für das Volk: Religion betäube die Menschen, halte sie klein und führe dazu, dass die Menschen eher auf eine gerechtere Welt nach dem Tod hoffen würden als diese Welt zu einem gerechteren Ort zu machen. Oder, in den Worten der Seligpreisungen: Dass die Armen eben nicht hier für ihre Rechte eintreten, sondern auf mehr Beteiligung im Himmelreich warten. Dass die Trauernden nicht die traurig machenden Umstände ändern, sondern auf Trost in der kommenden Welt warten. Dass die Unterdrückten nicht die Mächtigen stürzen, sondern auf eine bessere Stellung am Ende der Zeiten harren. 

Indes: Wir hören diesen Text nicht zufällig am heutigen Hochfest. Wenn wir aller Heiligen gedenken, dann feiern wir jene Menschen, in denen wir die Seligpreisungen Jesu verwirklicht sehen. Papst Franzsikus schrieb in seiner Enzyklika „Gaudete et exsultate“ (GE): „Jesus erklärte mit aller Einfachheit, was es heißt, heilig zu sein, und er tat dies, als er uns die Seligpreisungen hinterließ (…). Sie sind gleichsam der Personalausweis des Christen. Wenn sich also jemand von uns die Frage stellt: „Wie macht man es, ein guter Christ zu werden?“, dann ist die Antwort einfach: Es ist notwendig, dass ein jeder auf seine Weise das tut, was Jesus in den Seligpreisungen sagt“ (GE 63). Die Heiligen, die wir heute feiern, sind damit jene, die ihr Leben nach den Seligpreisungen ausgerichtet haben. 

Wenn wir nun den Blick wenden auf die Heiligen unserer Kirche, können wir eines feststellen: Sie alle wandten den Blick auf das Leben der kommenden Welt – aber doch zugleich auch auf unsere Welt. Nehmen wir etwa Mutter Teresa, die die Würde der Kranken und Armen in dieser Welt zu lindern versuchte. Nehmen wir katholische Widerstandskämpfer wie den heiligen Maximilian Kolbe oder den seligen Pater Rupert Mayer, die in dieser Welt ihre Augen und ihren Mund nicht vor dem Unrecht verschließen konnten. Nehmen wir den heiligen Franz von Assisi, der in seinem Streben, Christus ähnlich zu werden, dem Reichtum dieser Welt den Spiegel vorhielt. Ihr Glaube war ihnen beileibe kein „Opium“, das sie einschläferte und blind gemacht hätte für das Leid um sie herum – ganz im Gegenteil. 

Unsere christliche Berufung fordert einen doppelten Blick: Einen Blick zunächst voraus auf die kommende Welt, einen Blick, der darum weiß, dass diese Welt nicht alles ist und dass jede Macht der Erde am Ende einem größeren Richter gehorchen muss. Diese Gewissheit fordert jedoch zugleich zu einem zweiten Blick heraus: Dem Blick auf unsere Welt, die Gott als Schöpfer von Anfang an geliebt hat und die er zur Vollendung führen will – eine Welt also, die nicht dem Bösen und Dunklen überlassen werden darf. Der Christ verändert diese Welt zum Guten, nicht obwohl, sondern weil er um die große Perspektive Gottes weiß. Das nimmt den Seligpreisungen nichts an ihrer Stärke, nichts an ihrer Hoffnung auf das, was kommt – umgekehrt: Es verleiht den Seligpreisungen schon Nachdruck in dieser Welt.

Text: Benedikt Bögle

(sig)



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