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Zur Neuigkeit
800. Todestag des Franz von Assisi
Der Heilige, der unsere Gegenwart entlarvt
Regensburg, 3. Oktober 2026
Er verzichtete auf Reichtum, suchte die Nähe der Aussätzigen und erkannte in der Schöpfung keinen Rohstoff, sondern eine Gabe Gottes. 800 Jahre nach seinem Tod wirkt Franz von Assisi deshalb erstaunlich gegenwärtig. Gerade eine Zeit, die immer mehr besitzen, beherrschen und verwerten will, wird durch sein Leben an eine Wahrheit erinnert, die sich nicht berechnen lässt.
Es gibt viele Heilige, die mit dem Lauf ihres irdischen Daseins die Weltgeschichte maßgeblich beeinflusst und mit ihrem Denken und Tun verändert haben. Zu diesen Geistes- und Herzensmenschen, die weit über sich hinaus und ihre Zeit hinauswuchsen, zählt als eine der imposantesten und wirkmächtigsten Gestalten der Umbrier Franz von Assisi. Als Giovanni di Pietro di Bernardone 1181 oder 1182 in Assisi geboren, verstarb eine der meistverehrten geistigen wie geistlichen Autoritäten des Abendlandes am Abend des 3. Oktobers 1226 nahe der Portiuncula-Kapelle unterhalb seiner Heimatstadt. Zwar wurde der Poverello älter als Franz Schubert, der mit 31 Jahren starb, und deutlich älter als Georg Büchner, der mit 23 Jahren einer Typhusinfektion zum Opfer fiel. Doch sein karges und entbehrungsreiches Leben war in seinen letzten Jahren von schweren Krankheiten überschattet; ausgezehrt verstarb der große Wanderprediger und bekennende Christusnachfolger im Alter von 44 oder 45 Jahren.
Und dennoch war diese kurze Lebensspanne von einer geistlichen Erschütterung par excellence geprägt. Aus dem Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns wurde ein Diener Christi. Wie einst Aurelius Augustinus, der spätere Bischof von Hippo Regius, der in seinen um 397 bis 400 nach Christus verfassten „Bekenntnissen“ schonungslos über sein früheres Leben Rechenschaft ablegte und seine Autobiografie und Theologie in eine hochgradig poetische, rhetorisch brillante Sprache kleidete, wandelte sich auch der heilige Franziskus von Grund auf. Und ähnlich wie Augustinus, der sich von seinem früheren, auf weltlichen Erfolg gerichteten Leben abwandte und sich ganz der Gnade Gottes überließ, wurde aus Franziskus, der einst vom Glanz ritterlicher Größe träumte, ein Bruder der Aussätzigen.
Als Gründer des Ordens der Minderbrüder, als geistlicher Wegbereiter der Gemeinschaft der Klarissen und als geistlicher Vater des franziskanischen Laienordens gehört er zu den prägenden Gestalten der katholischen Kirche. Sein Wirken reichte schon damals von der kleinen Stadt, eingebettet in die grünen Hügel am Hang des Monte Subasio und zwanzig Kilometer von Perugia entfernt, bis nach Rom und von dort in die Welt. Weit über die Grenzen seines Ordens hinaus reicht seine Strahlkraft bis in die Gegenwart hinein.
Franziskus und die Wunden der Gegenwart
Heute, in einer Zeit, in der der Einzelne kaum mehr zählt, in der statt des Gemeinschaftsgeistes oft der Egoismus seine Triumphe feiert, in einer Welt, in der die Natur rücksichtslos ausgebeutet wird, in der große Konzerne aus Profitgier menschliche und natürliche Ressourcen aufbrauchen, sie in die Verwertungslogik der Ausbeutung stellen und damit zur Ware machen, in einer Zeit, in der eine Vielzahl sinnloser Kriege den Menschen den Atem zum Leben raubt, erweist sich ein Rückblick auf das Leben des Franz von Assisi als aktueller denn je. Die Welt hat sich zwar in den vergangenen 800 Jahren grundlegend verändert, doch weder hat sie zu ihrem Heil gefunden noch scheint sie besonders viel aus den Gräueln der Vergangenheit gelernt zu haben.
Sich mit dem Leben des Heiligen näher zu beschäftigen, macht deutlich, dass die Auseinandersetzung keineswegs in die Ferne eines fromm verklärten Mittelalters führt. Sie zeigt vielmehr, wie brennend die Fragen des Menschen und seines Glaubens in die Unruhe der Gegenwart hineinleuchten. Franziskus hielt bereits seinen Zeitgenossen eine andere Haltung zur Schöpfung vor Augen, die auch angesichts der Verletzungen unserer Gegenwart von großer Aktualität ist. Es sind diese Wundmale, die auch unsere Gegenwart in ein düsteres Gewand kleiden.
Die Kluft zwischen Arm und Reich ist über die Zeiten geblieben und hat sich vielerorts sogar noch vertieft. Törichte Kriegsspielereien zwingen Hunderttausende zur Flucht, die Macht liegt vielerorts bis heute in den Händen weniger, die blind und rasend regieren, denen der Einzelne nichts, das eigene Wohl, Reichtum und Einfluss dagegen alles bedeuten. Und über alldem waltet für viele Erdenbewohner kein Gott mehr. Es regiert der blindwütige Mensch, der den Himmel nicht nur leugnet, sondern ihn schlicht aus dem Horizont seines Handelns verdrängt hat.
Vielleicht berührt uns das Leben und Wirken des Franziskus heute wieder so sehr, zieht bis heute Gläubige und Nichtgläubige an seinen Geburtsort, weil seine Person eine Wahrheit sichtbar macht, die jede Epoche auf ihre Weise verfehlt hat: dass der Mensch sich selbst verliert, sobald er die Welt nur noch als Besitz, den anderen nur noch als Mittel und die Schöpfung nur noch als Rohstoff begreift. In einer Zeit, die das Verfügbare mit dem Wahren verwechselt und das Nützliche an die Stelle des Heiligen setzt, wird Franziskus zur Gegenfigur einer Zivilisation, die alles berechnet und dabei zu vergessen droht, dass Leben nicht aus Aneignung, sondern aus Empfang, Hingabe und Antwort besteht.
Wer auf Franz von Assisi blickt, begegnet keiner sanft entrückten Legende und keinem bloßen Heiligen, der Tiere und Blumen umarmt, sondern einer Gestalt, in der das Evangelium selbst zum Widerspruch gegen den Hochmut der Welt wurde. Nach seiner Bekehrung suchte Franziskus die Nähe der Mächtigen nicht mehr um ihrer Macht willen und richtete sein Leben nicht länger auf Besitz, Rang und öffentliche Geltung aus.
Die Umkehr von San Damiano
Das Erlebnis in San Damiano wurde zur entscheidenden Zäsur. Nach der franziskanischen Überlieferung erlebte Franziskus in der verfallenen Kapelle den gekreuzigten Christus als den gegenwärtigen Herrn, der ihn ansprach und aufforderte, das einstürzende Gotteshaus wieder aufzubauen. Nach diesem für ihn existenziellen und lebensverändernden Ereignis verkaufte Franziskus Stoffballen aus dem Geschäft seines Vaters, um die Reparatur zu finanzieren. Von da an begann er, sein Leben nicht mehr von sich selbst her, sondern aus der Beziehung zu Jesus Christus zu verstehen. Sein Weg führte ihn fortan nicht nach oben, sondern dorthin, wo die Welt wegschaut: zu den Armen, den Kranken, den Ausgestoßenen und den Verwundeten, zu jenen Menschen also, die nach den Maßstäben gesellschaftlicher Anerkennung wenig gelten und doch im Blick Christi an erster Stelle stehen.
Darin liegt seine bleibende geschichtliche Sprengkraft: dort zu beginnen, wo die Gesellschaft versagt, und dorthin hinabzusteigen, wo menschliches Maß und Würde verloren gegangen sind. Franziskus wurde zum Anwalt der Entrechteten, Gedemütigten und Vergessenen, zum Zeugen des Friedens, zum Sänger der Schöpfung und zu einem Menschen, für den Armut nicht Mangel, sondern Freiheit bedeutete. Im Zeitalter der Kreuzzüge suchte er zudem das Gespräch mit Sultan al-Kamil und setzte damit ein Zeichen, das über die Logik von Krieg und Feindschaft hinauswies.
Sein Name verbindet sich bis heute mit Frieden, Demut, Geschwisterlichkeit, Schöpfungslob und radikaler Christusnachfolge. Dass sein Gedenktag, der 4. Oktober, weltweit auch als Welttierschutztag begangen wird, verweist nur äußerlich auf das, was tiefer reicht: auf eine Ordnung der Welt, in der alles Geschaffene nicht verfügbarer Besitz, sondern Gabe ist.
Welt als Gabe, nicht als Besitz
Wer Franziskus nur als milden Freund der Tiere, als poetischen Naturverehrer, als neuen Grünen oder als freundliche Ikone einer allgemeinen Menschlichkeit betrachtet, verfehlt seinen geistlichen Ernst und seine spirituelle Tiefe. Niemals dachte er die Natur isoliert, sondern immer vor dem Hintergrund der Schöpfung und des Geschöpfseins. Damit steht sie auch keineswegs für sich selbst, wie eine rein säkulare Lesart nahelegen könnte, sondern verweist auf Gott als ihren Ursprung.
Franziskus war keiner, der seine Gedanken in die abstrakte Höhe akademischer Theologie baute. Er schrieb nicht wie die Scholastiker „Summen“, also umfassende, systematische Werke, die dazu dienten, das Wissen eines Fachgebiets, etwa der Theologie, Grammatik oder Logik, geordnet und nach der Methode von Argument und Gegenargument darzustellen. Vielmehr war er einer, in dessen sichtbarem Leben sich die Wahrheit des Glaubens verwirklichte: in Armut, Brüderlichkeit, eucharistischer Ehrfurcht, in der Treue zur sichtbaren Kirche und im Lobpreis der Kreatur. All dies steht bei ihm nicht nebeneinander, sondern gehört zu einer einzigen Lebensform, in der der Mensch aufhört, sich selbst zum Mittelpunkt seiner Welt zu erklären.
Besonders deutlich zeigt sich diese innere Ordnung im „Sonnengesang“, dessen Grundgestalt Franziskus 1225, schwer krank und bereits vom Leiden gezeichnet, schuf und den er später um weitere Strophen ergänzte. Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde erscheinen darin nicht als stumme Dinge, über die der Mensch verfügt, sondern als Geschwister im Lobpreis des Schöpfers. Die Welt wird darin nicht vergöttlicht. Sie wird aus der Kälte bloßer Nutzbarkeit befreit und in jene Ordnung zurückgestellt, in der alles Geschaffene Antwort auf Gott ist.
Darin liegt ein bis heute unerledigter Einspruch gegen jede Logik maßloser Verfügung. Während eine verengte moderne Vernunft die Dinge vor allem nach Kontrolle, Ertrag und technischer Beherrschbarkeit befragt, beginnt Franziskus bei einer Dankbarkeit, die den Sinn der Welt anerkennt. Die Welt ist Gabe, bevor sie Aufgabe wird, und Spur des Schöpfers, bevor sie Gegenstand menschlicher Planung ist. Der Mensch darf gestalten, bebauen, ordnen und gebrauchen, doch er bleibt Gast, Treuhänder und Empfangender.
Auch die spätere kirchliche Aufnahme dieses Motivs, von Johannes Paul II. bis Papst Franziskus, bleibt nur dann im Geist des heiligen Franziskus, wenn Ökologie nicht auf technische Schadensbegrenzung verkürzt wird. Sie muss als Umkehr des Begehrens, als Schule des Maßes, als soziale Gerechtigkeit und als Lob des Schöpfers verstanden werden. Als Papst Franziskus 2015 seine Enzyklika „Laudato si’“ veröffentlichte, stellte er sie bewusst unter ein Wort aus dem „Sonnengesang“ des heiligen Franz von Assisi.
Christus als Mitte franziskanischer Freiheit
Auch die Armut ist für ihn weder ein bloß äußerlicher Lebensstil noch eine Verklärung des Mangels und schon gar keine moralische Selbstinszenierung. Für Franziskus, der aufgrund seines außerordentlichen Lebens und Wirkens bereits am 16. Juli 1228, also weniger als zwei Jahre nach seinem Tod, von Papst Gregor IX. heiliggesprochen wurde, galt Armut als eine geistliche Form der Freiheit. Zwar vermag Besitz das Leben zu ordnen und zu schützen, es sogar erträglicher zu machen. Doch sobald Geld, Reichtum und Macht zum letzten Halt des Menschen werden, verwandeln sich diese Dinge in Bindung, in eine Abhängigkeit, die man nicht wie ein loses Haar einfach abschütteln kann.
Im armen Christus begegnet Franziskus nicht bloß einem sittlichen Vorbild. In ihm erkennt er vielmehr die Weise, in der Gott selbst in die Welt tritt. Gott erscheint nicht als überwältigende Macht, die sich aufzwingt, sondern als Liebe, die sich erniedrigt: im Kind von Bethlehem, im Gekreuzigten von Golgotha und in der demütigen Gestalt des eucharistischen Brotes.
Brüderlichkeit aus Selbsterkenntnis
Aus diesem Verständnis erwächst die franziskanische Brüderlichkeit. Sie ist weit mehr als ein Sozialideal und meint auch mehr als eine Nähe zum Schwachen. Wer sich selbst nicht als Ursprung, sondern als Beschenkten versteht, sieht im Armen, im Kranken, im Aussätzigen oder im Fremden weder einen Konkurrenten noch ein Mittel zum Zweck oder eine Belastung. Auch die Tiere und die übrige Schöpfung gehören für Franziskus in eine Ordnung, die sich menschlicher Willkür entzieht.
Diese Umkehr des Blicks zeigt sich in der Begegnung mit den Aussätzigen, von der Franziskus in seinem Testament spricht. „Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen“, schreibt er am Ende seines Lebens. Was ihm einst bitter gewesen war, wurde ihm, wie er rückblickend bekennt, „in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt“.
In diesen Worten liegt eine ganze Theologie der Bekehrung. Franziskus sieht im Aussätzigen nicht länger nur den Ausgestoßenen, vor dessen Nähe man zurückweicht. Die Begegnung mit den Aussätzigen wird zur geistlichen Zäsur, weil sich in ihr sein Blick auf Gott, Welt und Mensch von Grund auf neu ordnet.
Kirche, Eucharistie und erneuerte Ordnung
Mit dem „Verlassen der Welt“ bezeichnet Franziskus die Abkehr von seinem bisherigen Leben, nicht aber eine Abkehr von der Kirche oder eine Geringschätzung der Schöpfung. In der Armut erschloss sich ihm vielmehr jene Wirklichkeit, in der sich die Nähe Gottes gerade im Geringen offenbart.
Mit dieser Armut verband sich eine tiefe Ehrfurcht vor den Kirchen, den Priestern und der Eucharistie. Sie war kein äußerer Zusatz zu einer ursprünglich nur sozialen Bewegung und keine nachträgliche Bindung an kirchliche Formen, sondern gehörte zu jener Christusnähe, aus der seine ganze Lebensform hervorging. Franziskus stellte sich nicht außerhalb der Kirche. Seine Radikalität blieb mit der Treue zu ihrer sichtbaren Ordnung und zu den Sakramenten verbunden und erinnerte die Kirche an den Ursprung, aus dem sie lebt. Diese Verbindung von Armut, Eucharistie und Menschwerdung wird in Greccio sichtbar.
Greccio: Die Krippe als sichtbare Theologie der Menschwerdung
In der Weihnachtsnacht des Jahres 1223 ließ Franziskus in Greccio eine Futterkrippe mit Heu bereiten, Ochs und Esel herbeiführen und über der Krippe die Eucharistie feiern. Er selbst trat nicht als Priester, sondern nach dem Bericht des Thomas von Celano als Diakon hervor, sang das Evangelium und predigte von der Geburt des armen Königs.
Franziskus wollte die Geburt Christi nicht bloß szenisch nachbilden, als ließe sich Bethlehem in einem frommen Schauspiel wiederholen. Es ging ihm um etwas Tieferes: Das Geheimnis der Menschwerdung sollte als gegenwärtige Wirklichkeit des Glaubens vor Augen treten. In der Krippe wurde sichtbar, was der Altar bezeugt: dass Gott sich nicht aus der Ferne dem Menschen zuwendet, sondern in seine Armut, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit eintritt. Die Krippe wird so zur Schule des Sehens, in der sich Gottes Größe im Kleinen zeigt und Gott dem Menschen ganz nahekommt, ohne sein Geheimnis zu verlieren.
Der wichtigste frühe Bericht über die Nacht von Greccio stammt von Thomas von Celano, dem ersten Biografen des heiligen Franziskus. Celano berichtet von einem frommen Mann, der eine wunderbare Vision gehabt habe: In der Krippe habe er ein lebloses Knäblein gesehen und zugleich den heiligen Franziskus, der hinzutrat und das Kind wie aus tiefem Schlaf erweckte. Celano gibt dieser Szene selbst ihren geistlichen Sinn: Christus war in vielen Herzen vergessen und wurde durch Franziskus neu ins Gedächtnis des Glaubens gerufen.
Hier liegt die geistliche Bedeutung von Greccio. Die Krippe erschöpft sich nicht in einem Weihnachtsbrauch. Von Greccio ging ein entscheidender Impuls für die abendländische Krippentradition aus; zugleich wurde die Krippe zu einem Ort christlicher Erinnerung, an dem das Gedächtnis der Menschwerdung neu gegenwärtig wird.
Wer sich heute wieder mit Franziskus beschäftigt, mit seinem Leben, seinem Denken und seinem Wirken, stößt auf jenen Widerspruch, der bis heute in der Welt herrscht: zwischen Besitz und Gabe, zwischen Herrschaft und Hingabe, zwischen Verwertung und Schöpfung, zwischen Selbstbehauptung und Christusnachfolge. Und weil Franziskus diesen Widerspruch sichtbar macht und ihn ganz von Christus her beantwortet, bleibt der Heilige nach 800 Jahren so brandaktuell und gerade deshalb eine Zumutung für ein gesellschaftliches Denken, das glaubt, den Stein der Weisen gefunden zu haben.
Text: Stefan Groß
(sig)




