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Kolumne von Sigmund Bonk über den Influencer Alex O' Connor
Einflussreicher Kritiker des Christentums
Regensburg, 25. Mai 2026
Alex O’Connor (Jg. 1999) ist einer der gegenwärtigen Stars der internationalen Podcast- und YouTuber-Szene. Ganz besonders unter Studenten der westlichen Welt gilt Alex als „einfach brillant“. Seine Videos über weltanschauliche Themen mit den Schwerpunkten Christentum und Religionskritik wurden bisher knapp 400 Millionen Mal „angeklickt“ und hunderttausendfach kommentiert.

O’Conner ist zweifellos ein hochintelligenter junger Mann und zugleich ein gelehriger Zögling der „New Atheists“ (Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett, Christopher Hitchens u. Co.), deren mehrere er bereits zu Gesprächen in seinem Studio willkommen hieß. O‘Connor wirkt alert, ist schlagfertig, aufgeschlossen – nicht zuletzt auch für Glaubensinhalte, was derzeit alles andere als selbstverständlich ist. Er präsentiert sich als ein vorurteilsloser Rationalist und Skeptiker – freilich nicht den über den strengen Wissenschaften. Immer wieder lässt er in seine erstaunlich zahlreichen Sendungen einfließen, dass er als Teenager ministriert hat und sich auch danach angelegentlich darum bemühte, an Gott zu glauben und die Bibel als Wahrheits- und Weisheitsquelle zu betrachten. Alex O’Conner hat es zweifellos geschafft, mit immer neuen Videos und interessanten Gästen weltanschaulich zu wirken. Er ist ein echter und ernstzunehmender „Beeinflusser“ („influencer“) der jungen Generation.
Dawkins liest mit
Nicht völlig auszuschließen ist allerdings, dass sich O’Connor bei seiner „Gottsuche“ anderen und sich selbst etwas vorgemacht hat und noch immer macht. Ich vermute stark, dass Alex bereits in jungen Jahren „seinen Dawkins“ gelesen hat, der um das Jahr 2010 herum auf dem Gipfel der Popularität angekommen war. Wie ein Jahrzehnt später die Bücher von Yuval N. Harari, so wurden auch Dawkins Bücher von Bill Gates bzw. Google und Co. massiv „promoted“. (Die materialistische Weltanschauung ist ja dem Konsum äußerst förderlich.) Aus dieser Vermutung würde folgen, dass es O’Connor in den von ihm berichteten zahlreichen Gesprächen mit überzeugten Christen letzten Endes doch mehr darum zu tun war, mit seinen kritischen Einwänden, treffsicheren Repliken und klugen Kommentaren – die sich so ziemlich vollständig auch bei den New Atheists beziehungsweise den (wie sie sich selbst bezeichnen) „Brights“ finden – Recht zu behalten als sich von der Seite der „Frömmler“ ernsthaft belehren oder gar bekehren zu lassen. Dieser Punkt mag jedoch dahingestellt bleiben, da die Frage nicht O’Connors Argumente und ihre Stichhaltigkeit betrifft – sie ist eher psychologischer Art.
Das übersehene Erstaunen
Ganz wie die „Hellen (Köpfe)“ seiner Vorgängergeneration verfolgt auch O’Connor effektiv diese Strategie: Nie über das vor Augen liegende Erstaunliche sprechen, besser gezielt einige intrikate Probleme der theistischen Weltanschauung (oder der Bibelexegese) herausgreife. Vor Augen liegt etwa, dass es überhaupt etwas gibt, i. e. einen wohlgeordneten und schönen Kosmos1, darin, unter einer atemberaubenden Fülle und Mannigfaltigkeit von anderen faszinierenden Dingen, auch Menschen, also Wesen mit Würde und Vernunft, deren erstaunliche Höhen erklimmende Wissenschaft tagtäglich neu entdeckt, wie komplex selbst so anscheinend einfache Prozesse wie die Verdauung ablaufen. Der Laie auf dem Gebiet der Physiologie ahnt ja nicht im Geringsten (um nur ein Beispiel von unzähligen möglichen zu nennen), was sich in seinem Leib nach dem Verzehr eines Stücks Pizza auf ganz unterschiedlichen Größenebenen und in verschiedenen Organen alles abspielt – in exakter Abstimmung von Hunderten Beteiligten. Würde jemand während diesem Geschehen müßig seinen Daumen an den Zeigefingern reiben, würde bald schon eine Hautschuppe zu Boden fallen, die eine lange und hauchfeine Doppelhelix enthält – seinen vollständigen genetischen Code!
Eine Hautzelle als Herausforderung
Einigen besonders klugen Mitmenschen ist in akribischer Arbeit das beinahe Unvorstellbare gelungen, diesen Code zu entschlüsseln, also die Bauanleitung für diejenigen Proteine zu verstehen, welche die Erbanlagen herausbilden.2 Wäre es zu viel gesagt, wenn man formulierte, es wurde hier ein Wunder der Entdeckung dem der (mittels Codierung erfolgten) Entstehung an die Seite gestellt? Wie plausibel ist denn die Annahme eigentlich, dass allein dieses winzige Stück Realität, „Hautzelle“ benannt, durch eine von Naturgesetzen gesteuerte (wie ist es zu diesen gekommen? In einem langen Video O’Connors über den Urknall wurde diese Frage überhaupt nicht gestellt), aber ansonsten „blinde“ Abfolge von Zufällen und Notwendigkeiten entstand?
Warten auf die Offenbarung
O'Connor macht Gott (dessen Existenz er freilich „eigentlich“ leugnet) wiederholt den rhetorischen Vorwurf, dass Er sich ihm noch nie mittels eines Zeichens offenbart habe, und dies, obwohl letzterer (zum Zeitpunkt der Videoaufnahmen zählte unser Gottsucher 24 Jahre) doch so oft in der Bibel las, so viele Gespräche mit gläubigen Christen führte und schließlich auch noch Theologie in Oxford studierte... Man wird sich jedoch fragen müssen, mit welchem Recht der sich enttäuscht Gebende eine Privatoffenbarung erwartet hat. Hätte sich Gott aufgrund der genannten Aktivitäten etwa verpflichtet fühlen sollen? Und falls ja: Könnte O’Conner nicht schon heute Abend ein Hinweis auf Seine Gegenwart zuteilwerden?
Warum Gott schweigt
Hat O'Connor bei seinen vorgeblich so intensiven Studien und Gesprächen auch nie vernommen, dass sich der Mensch wirklich ein Leben lang anstrengen muss (zunächst einmal in einfacher moralischer Hinsicht, dann aber auch spirituell – man denke etwa an die Regeln kontemplativer Orden), um zu einem (letztlich nur durch göttliche Gnade zu erlangenden) unerschütterlichen Glauben zu gelangen? Und wären häufige Selbstoffenbarungen Gottes überhaupt mit dem freien Willen des Menschen übereinbar? Liefe dergleichen nicht auf eine Art von Manipulation hinaus? Und sind christliche Schriften seit annähernd 2000 Jahren nicht voll von Versicherungen, dass sich Gott in aller Regel nicht aufdrängen will, sich vielmehr in liebevoller Suche finden lassen will?
Gott und die Freiheit des Menschen
Auch das Leid der Tiere wird in den Blick genommen, was gewiss sympathisch wirkt. Man möchte dennoch nachfragen, ob sich Tiere ihres Daseins nicht auch erfreuen? Könnten sich nicht Freud und Leid in etwa die Waage halten? (Bei meinem Hund Luna ist anzunehmen, dass sich die angenehmen Lebensphasen zu denen des Leidens so ungefähr im Verhältnis von 100:1verhalten.) Dann also besser das Leid der Menschen, die alte Theodizeefrage, der sogenannte „Fels des Atheismus“! Ist aber nicht schon auf der ersten Seite der Bibel zu lesen, dass Gott den Menschen aus dem Paradies in die Freiheit verstieß – was offensichtlich auch als „entließ“ zu verstehen ist? Ein Widerspruch zum christlichen Glaubensgut kann somit nicht konstatiert werden. Und hilft der Glaube nicht sogar mit bei der Bewältigung von Leid? Und trägt er nicht zur Stärkung der Zuversicht und Lebensfreude bei? Gläubige dürfen hoffen, dass sie nach einem gut bzw. gottgefällig geführten Leben in den „Himmel“ als einem dem paradiesischen Zustand ähnlichen Zustand zurückkehren, wo „alle Tränen abgewischt“ werden. Sollte das wider Erwarten nicht eintreffen, so ist es doch zweifellos menschenfreundlich gedacht und gemeint gewesen. Aber auch davon ist bei O’Connor nichts zu vernehmen.
Das Problem des Leids
Was wären wir auch für Menschen, wenn wir immer nur konstant glücklich („Be happy!“) wären, ohne je irgendwelches Leid erfahren zu haben? Möchten wir mit einem solchen Menschen – wäre er das noch im Vollsinn des Wortes? – etwa eng befreundet sein? Entspricht der christliche Glaube an ein Gericht nach dem Tode nicht auch einer tiefen Sehnsucht nach höherer Gerechtigkeit? Ewiges Glück scheint nur jenseits von Raum und Zeit denkbar zu sein. So auch im christlichen Glauben, der den Himmel mit der Anschauung des ewigen Gottes in Verbindung bringt.
Wer schaffte die Sklaverei ab?
O’Connor weiter: Die Sklaverei wurde nicht von Christen, sondern von Aufklärern abgeschafft. Auch hier erheben sich so einige Fragen. Kamen die „abolitionists“ denn nicht aus dem christlichen Abendland oder dem ebenfalls christlichen Nordamerika? Sollte es sich bei diesem Umstand tatsächlich um einen bloßen Zufall gehandelt haben? Ging der gesetzlichen Abschaffung nicht längst die moralische Ächtung der Sklaverei durch christlich geprägte Autoren voraus? Hatte nicht bereits Paulus seinen Hörern und Lesern eingeprägt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus!“ (vgl. Röm 10,12; 1Kor 12,13; Kol 3,11).
Die komplizierte Geschichte der Aufklärung
Ab 1514 wurde Bartolomé de Las Casas zum weltweit beachteten „Apostel der Indianer“ und im Jahrhundert darauf – und damit ebenfalls noch lange vor der Aufklärung – kam es zur damals absolut revolutionären Jesuitenmission in Paraguay. Die Padres erlernten die Sprache der einheimischen Bevölkerung, verweigerten Weißen (sogar Mestizen) jedweden Zutritt zu den missionierten Dörfern und boten deren Bewohnern vielfältige Hilfe und Schutz, so dass bald massenweise Guaraní in die neu verwalteten Dörfer strömten. Unbestreitbar für den Sieg der Gegner der Sklaverei ist auch die Wirkung von damals überaus erfolgreichen christlichen Romanen wie „Onkel Toms Hütte“. Quäker und andere freikirchliche Denominationen setzten sich nachdrücklich und weitgehend unabhängig von aufklärerischem Ideengut für die Anerkennung gleicher Rechte für Menschen verschiedener Hautfarbe ein. Andererseits sind rassistische Züge in den Werken bedeutender Aufklärer wie Kant und Hegel nicht abzustreiten. Sie stellen peinliche Tatsachen für die undifferenzierten Bewunderer „der“ Aufklärung dar.
Ist Gott parteiisch?
Eine ungleiche Verteilung des Monotheismus auf der Erdkugel würde gemäß den „New Atheists“ (inklusive O’Conner) beispielsweise den Saudis (95% der Bewohner Saudi-Arabiens sind Muslime) gegenüber den Thais (95% der Bevölkerung Thailands sind Buddhisten) einen Heilsvorteil verschaffen. Dies sei jedoch mit der Vorstellung eines gerechten Gottes, der alle Menschen gleich liebt, völlig unvereinbar. Die durchaus diskutable Ansicht, dass Gott lieben kann, wen und in welchem Grad er will, möge hier nicht weiter erörtert werden. Jedoch wird gefragt werden dürfen, ob (nach christlicher Auffassung) tatsächlich dem Bekenntnis „Ich bin Theist“ Heilswirksamkeit eignet – oder nicht doch eher die Liebe zu Gott und den Mitmenschen?
Gott jenseits kultureller Grenzen
Und finden sich nicht auch in Thailand Tempel in großer Zahl? Verehren Thais, wenn sie Buddha Blumenkränze flechten, einfach eine für ihre Nation und Kultur historische bedeutsame Person oder nicht vielmehr das Göttliche in oder an ihr? Und ist es wirklich als gottgefällig vorstellbar, wenn (welchen Sachverhalt ich nicht behaupten möchte, aber immerhin für möglich halte) Saudis (auch) den eher tyrannischen und unerbittlichen Zügen ihres Allah Referenzen erweisen? Christen gehen selbstverständlich davon aus, dass Gott der christliche Gottesdienst der liebste ist, was indessen nicht auszuschließen braucht, dass Er auch an anderen Formen (einschließlich Liturgien) Gefallen findet. So sind Ihm die Riten der Ostasiaten womöglich ähnlich willkommen wie die der Araber. Wie das Christentum lehrt, schaut Er aber zuerst und vor allem auf das Herz seiner Verehrer!
Schwierige Stellen der Bibel
Was O‘Conner weiter mehrfach und mit spürbarer diebischer Freude aufgreift (so gut wie sicher im bewussten Anschluss an Dawkins, der davon bereits viel hergemacht hatte) ist der von ihm so bezeichnete „Völkermord im Namen Jehovas“ bzw. „des Gottes des Alten Testaments“ an den Stämmen der Edomiter, Ammoniter und Moabiter. Inwieweit „Völkermord“ den Sachverhalt richtig trifft, braucht hier nicht näher erörtert zu werden. Bei den soeben genannten „Völkern“ handelte es sich eher um semitische Stämme überschaubarer Größe (in der Gegend des heutigen Jordanien), wobei der sonst bei „Völkermord“ übliche rassistische Hintergrund völlig fehlt und von einem „nationalistischen“ nur mit gravierenden Einschränkungen die Rede sein kann. (Der Nationalstaat ist bekanntlich ein neuzeitliches Phänomen.)
Die Bibel auf Christus hin lesen
Das Ärgernis der Vernichtungsanweisung ist deswegen keineswegs vom Tisch. Was in diesem tatsächlich ziemlich deplorablen Zusammenhang jedoch Erwähnung verdient: Christen lesen das Alte Testament nie anders als „auf Christus hin“. (Hierher gehört auch die Lehre vom geistlichen Schriftsinn.) Was immer hier geschildert wird, es deutet die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret, dessen Lehre und Opfertod an – ohne sich deswegen auch bereits durchwegs auf dieser hohen religiösen und moralischen Endstufe zu befinden. Die Geschichtsdynamik auf Christus hin beginnt im Übrigen nicht erst im Neuen Testament. Schon im Alten Testament wird eine Entwicklung – um beim Thema zu bleiben – ausgehend beim Gebot der Vernichtung des Feindes, über das Gebot der Verhältnismäßigkeit der Vergeltung hinweg, bis hin zu Matthäus 5, 38f: erkennbar: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ So besehen ist es von Alex O’Conner nicht sonderlich fair gewesen, Christen zu unterstellen, sie würden Bibelstellen gutheißen (müssen), „die ganz klar zum Völkermord aufrufen“.
Oxford und die Gottesfrage
Diese wie weitere kritischen Einlassungen Alex O’Conners erinnern sehr an die typischen Oxforder Debattierclubs. Das intellektuelle Kräftemessen der jugendlichen Redner weist eine spürbare Nähe zu Sport und Spiel auf – was nicht nur kritisch betrachtet werden sollte. Ein tiefernstes existentielles Ringen um die – wie man es in Oxford nennt – „Gotteshypothese“ findet hingegen kaum einmal statt.
Die Kunst, das Gute zu sehen
So sei denn das letzte Wort einem Vertreter jener Spezies Mensch überlassen, die ihr ganzes Leben, bis zur völligen Erschöpfung gewissermaßen mit einem Engel oder auch Dämon (also nicht mit Worten um „Thesen“) gerungen haben. Reinhold Schneider schreibt in seinem letzten Buch „Winter in Wien“ (1958):
„Ich sage nicht, dass der das Gute findet, der es sucht. Aber wer das Schlechte sucht, findet es gewiss. Und es kennzeichnet uns, es brandmarkt uns, dass wir die das Böse Hervorziehenden für klug halten, die das gute Betonenden für schwach begabt. Und doch fordert es sehr viel mehr Verstand, das Gute zu erkennen als das Schlechte, verlangt die Darstellung der Vorzüge weit mehr Begabung als die der Fehler – und sehr viel mehr Willen, Ethos, Humanität, menschliche Weisheit, Persönlichkeit […, denn] niemand fischt vergeblich im Trüben, nach dem Nein, es immer da, wenn man es will.“
Text: Sigmund Bonk; Foto: Alex O'Connor im Juli 2025 bei der LevelUp 2025 conference in Orlando, FL.
(SSC)