Schornsteinfeger stehen in der Kirchenbank

Deutschlands Schornsteinfeger feiern Festgottesdienst in Straubing

„Unter Gottes Schutz und für den richtigen Zug“


Straubing, 09. Juni 2026 

Ein beeindruckendes, zutiefst festliches Bild bot sich den Gläubigen in der vollbesetzten Straubinger Karmelitenkirche.  Hunderte von  Kaminkehrern aus dem gesamten Bundesgebiet waren anlässlich des 142. Bundesverbandstages des Schornsteinfegerhandwerks in die Gäubodenstadt gekommen. Der feierliche Eröffnungsgottesdienst am Montagabend bildete den geistlichen Auftakt dieses dreitägigen Großereignisses. Im Zentrum der Liturgie stand neben dem gemeinsamen Dank und Gebet ein historischer Moment: die kirchliche Segnung der allerersten Bundesinnungsfahne als lebendiges Symbol für handwerkliche Tradition, inneren Zusammenhalt und gelebte Berufsethik.

Ein Altarraum voller Symbolkraft und Ökumene

Schon beim feierlichen Einzug wurde die tiefe Verbundenheit von Kirche und Handwerk sichtbar. Der Altarraum der Karmelitenkirche hatte ein besonders feierliches Gepräge erhalten. Neben den Priestern und Ministranten nahmen dort die zahlreichen Fahnenträger mit ihren farbenprächtigen Innungsfahnen aus allen Teilen Deutschlands Aufstellung. Flankiert wurden sie vom Kaminkehrerchor der Innung Oberpfalz unter der Leitung von Josef Frischholz aus Weiden. Der traditionsreiche Chor, der seit 32 Jahren besteht und regelmäßig in Gottesdiensten und Seniorenheimen singt, verlieh der Messe ein kraftvolles musikalisches Fundament. Unterstützt wurde die Liturgiefeier zudem von zwei Straubinger Urgesteinen: Norbert Ziegler an der Orgel und Martin „Möpl“ Jungmayer am Saxophon, deren Zusammenspiel eine ganz besondere, feierliche Akustik in das Gotteshaus zauberte.

Dekan Johannes Plank, der die Festmesse in Konzelebration mit Pater Joshy George Vadakkekara (Prior des Karmelitenklosters) zelebrierte, hieß die immense Festgemeinde mit einem herzlichen „Grüß Gott“ willkommen. Er zeigte sich sichtlich erfreut über das vollbesetzte Gotteshaus und betonte, dass sich hier Menschen versammelt haben, die sich ganz bewusst „unter den Schutz Gottes stellen“. Mit einem Schmunzeln fügte er mit Blick auf die Kirchenbänke hinzu, dass dies beileibe keine Trauerveranstaltung sei, auch wenn alle Anwesenden in Schwarz gekleidet seien. Als Ehrengäste hieß er besonders den stellvertretenden Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger sowie die Führungskräfte des Bundesverbandes willkommen. Das Thema der Tagung – „Heizen und Holz“ – sei hochaktuell, doch an diesem Abend stehe der Dank an Gott im Vordergrund: Dank für einen Beruf, der den Menschen seit Jahrhunderten Sicherheit, Schutz und Gemeinschaft schenke.

Die Predigt: Vom „richtigen Zug“ und dem Licht der Welt

Für seine mit Spannung erwartete Predigt wählte Dekan Plank einen symbolträchtigen und humorvollen Einstieg: Er wechselte sein weißes Messgewand gegen eine schwarze Soutane und das schwarze Birett. „Wenn so viele Schwarze da sind, möchte ich auch schwarz gekleidet sein“, verkündete er lachend. Mit diesem charmanten Augenzwinkern erinnerte er die schmunzelnde Festgemeinde unwillkürlich an die Kultfigur des Don Camillo.  Damit schlug er gleich die Brücke von der Seelsorge zum Kaminkehrerhandwerk. Es gebe zwischen Pfarrer und Kaminkehrer weitaus mehr Gemeinsamkeiten als nur die traditionell schwarze Kleidung.

Ausgehend vom Alltag der Handwerker erklärte Plank: „Alles, was Sie tun, heißt, für den richtigen Zug zu sorgen.“ Im Regelfall nehme der Mensch es als selbstverständlich hin, dass der Kamin zieht, das Feuer brennt, die Heizung läuft und man sich im eigenen Zuhause sicher fühlt. Erst wenn etwas nicht stimme, merke man schnell, dass man jemanden brauche, der sich wirklich auskennt. Auch Ruß und Rauch seien starke Bilder: Wenn es zu viel davon gebe, ersticke das Feuer und könne seine Kraft nicht entfalten.

An dieser Stelle knüpfte Dekan Plank das Band zum eben verkündeten Evangelium und zur Sendung der Christen. Auch wenn der Beruf des Kaminkehrers nicht direkt in der Bibel stehe, so passe das Wort Jesu perfekt: „Wir dürfen Licht verbreiten und für den richtigen Zug sorgen.“ Selbstkritisch merkte der Geistliche an, dass dies der Kirche in den letzten Jahrzehnten vielleicht nicht immer so gelungen sei, wie man es sich gewünscht hätte – volle Kirchen wie diese seien heute leider die Ausnahme. Er stellte die provokante Frage, ob die Menschen sich zu sehr daran gewöhnt hätten, Kirche nur noch als bürokratische Institution zu sehen, anstatt die lebendige Überzeugung zu spüren. Jesu Auftrag laute: „Lasst euer Licht vor den Menschen so leuchten, dass die anderen neugierig werden und zur Mitte zurückfinden.“

Menschlichkeit schlägt Aberglauben

Besonders eindringlich deutete der Dekan das populäre Bild des Kaminkehrers als Glücksbringer. Wahres Glück sei kein billiger Aberglaube der Jahrhunderte. Vielmehr gehe es um das konkrete zwischenmenschliche Tun im Alltag, ganz im Sinne des Propheten Jesaja: Dem Hungrigen das Brot brechen, sich denen nicht entziehen, die Hilfe brauchen, dem anderen offen begegnen, ein Lächeln schenken oder im richtigen Moment auch mal den Mund halten können. „Da verbindet sich Herz mit Herz. Die Geschichte vom Glücksbringer ist für mich so zu deuten, dass ich dem Menschen, dem ich begegne, ein wenig von meinem Menschsein mitgebe.“

Auch die schwarze Kluft verliere irgendwann ihre äußere Funktion: Bei den Handwerkern tarnt sie den Ruß, bei den Priestern stand sie historisch für das Sterben für die Welt. „Aber wir alle ziehen heute Abend spätestens unsere Kluft wieder aus. Und was bleibt, ist der Mensch, der drinsteckt. Und auf den kommt es an.“ Jeder Einzelne habe die von Gott geschenkte Fähigkeit, Mitmenschen ins rechte Licht zu rücken – nicht für den eigenen Ruhm, sondern damit die göttliche Kraft spürbar in die Welt hineinstrahlt.

Der Segen für die Gemeinschaft

Am Ende des Gottesdienstes folgte der emotional wichtigste Moment: die feierliche Fahnensegnung. Dekan Johannes Plank segnete die erste Fahne des Bundesinnungsverbandes sowie das Fahnenband und schloss in dieses Gebet ausdrücklich alle Menschen ein, die dieser Fahne künftig folgen werden. Er bat um Gottes Beistand für eine Berufsgemeinschaft, die von Frieden, Kollegialität und echter Hilfsbereitschaft geprägt ist. Bei dem im Vorfeld vom niederbayerischen Innungsobermeister Holger Frischhut perfekt organisierten Gottesdienst wurde spürbar: Dieses Banner ist ab jetzt ein geweihtes Zeichen christlicher Werte im Handwerksalltag.

Nach dem Segen bewegte sich ein beeindruckender Kirchenzug aus den Fahnenträgern, den Ehrengästen und weit über 350 Kaminkehrern in ihrer stolzen Zunftkleidung aus der Kirche. Begleitet von den traditionellen Klängen der Hirschlinger Musikanten zog die Festgesellschaft über die Albrechtsgasse und die Fürstenstraße hinauf zum historischen Herzogschloss. Dort stellten sich Deutschlands Kaminkehrer mit ihren Bannern zu einem imposanten Erinnerungsfoto auf – ein farbenfrohes und lebendiges Zeugnis dafür, dass handwerklicher Stolz und Gottes Segen untrennbar zusammengehören.

Text und Fotos: Irmgard Hilmer
(chb)



Nachrichten